Christian Wahnschaffe. 1. Weltbrand

Deutschland 1920 Spielfilm

Christian Wahnschaffe, Teil 1


Lichtbild-Bühne, Nr. 46, 13.11.1920


Als es bekannt wurde, daß der Terra-Konzern die erste Vorführung des Wahnschaffe-Films "Weltbrand" in Gestalt eines Film-Gesellschaftsabends im Hotel Esplanade arrangieren wollte, beglückwünschten wir Herrn Morawski als denjenigen, von dem die Initiative ausgegangen sein dürfte, zu dieser Idee. Wir haben damit recht getan; das bewies das volle Gelingen der Veranstaltung, durch das der "Film-Gesellschaftsabend" sich als eine in jeder Hinsicht ebenso nützliche wie angenehme und daher nachahmenswerte Erfindung erwies. Womit nun um gotteswillen nicht die Anregung gegeben werden soll, die Première jedes größeren und kleineren Films in dieses Gewand zu kleiden. Derartige Veranstaltungen dürfen nichts Alltägliches werden, sie müssen den Charakter des "Ereignisses" wahren.

Ein eigenartiger Kontrast war es, wenn man aus dem unheimlichen Dunkel der Bellevuestraße in die strahlende Helle des Esplanade-Hotels trat. Draußen war, trotz des mangelnden Stromes, die ganze Atmosphäre wie mit Elektrizität geladen; drinnen – Behaglichkeit, Komfort, Eleganz und Hingabe an feine, geistige Genüsse. Das geistige Berlin, die Presse, die Film- und Finanzwelt sind stark vertreten. Selbst die Politik ist am Platze; dort Baron Richthofens Diplomatenerscheinung, da Erich Dombrowskis kluges Gesicht – und in jener Ecke Georg Bernhard; neben ihm Prof. Bie, unser großer Musiktheoretiker. Der Saal ist dichtgefüllt; jedes Plätzchen besetzt. Die Gespräche schwirren durch den Raum, – Da verlöscht das Licht. Es wird totenstill. Und wie aus den Sphären einer anderen Welt flutet Beethovens Egmont-Ouverture über unsere Herzen und Hirne; intoniert von Mitgliedern des Orchesters der Staatsoper, dirigiert vom General-Musikdirektor Dr Karl Muck. – Am Vortragspult vor dem schweren, samtenen Vorhang glimmt Licht auf. Theodor Loos liest zwei grundlegende Stellen aus Jakob Wassermanns Wahnschaffe-Roman.

Dann wird es wieder dunkel; die herrliche Musik strömt wieder auf uns ein; die weiße Wand leuchtet sieghaft auf trotz des lichtfeindlichen Elektrizitätsstreiks, und auf ihr gaukelt Urban Gads "Weltbrand" an unseren Augen vorüber.

Die sozialen Probleme, die Wassermanns Roman seinen starken ethischen Gehalt verleihen, bilden den Hintergrund der Filmhandlung. Durch die von Fritz Kortner leibhaft verkörperte Gestalt des Iwan Becker wird vor allen Dingen dieses soziale Moment mit stärkster Eindringlichkeit in die eigentliche Filmfabel hineingetragen. Auch bei Conrad Veidt finden sich Momente, wo er das Ideeliche des Christian Wahnschaffe filmisch zum Ausdruck bringt. Da sind ferner die lebenswirklichen Figuren, die von Hermann Vallentin, Ernst Matray, Frieda Richard, Franz Sutton, Leopold von Ledebur und Theodor Loos gestaltet werden. Die weiblichen Hauptrollen sind mit Lillebil Christensen, der man ein etwas von innen heraus belebtes Spiel wünschen möchte, und Helga Molander besetzt.

Über den rötlichen Hintergrund der Handlung haben wir gesprochen; was sich im Vordergrund abspielt, ist ein Gesellschaftsfilm, nicht mehr und nicht weniger, Urban Gad arbeitet mit hergebrachten und erprobten Stilmitteln. Experimentelles, Neuartiges in der Linienführung und Bildmodellierung hält er sich fern. Technisch ist alles sauber und exakt. Die schöne Photographie besorgte Max Lutze.