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Weil er seit seinem 16. Geburtstag nicht mehr als "geduldetes Kind" sondern als "Illegaler" betrachtet wird und daher seine Abschiebung droht, ist der junge Kurde Baran im Hamburger Kiez untergetaucht. Seither treibt er sich auf St. Pauli herum, schläft bei Freunden und jobbt als Laufbursche bei einem Döner-Laden. Bei einem seiner Botengänge lernt Baran den ebenfalls "illegalen" Afrikaner Chernor kennen. Chernor dealt, um genug Geld für einen Flug nach Australien zusammenzubekommen. Entgegen aller kulturellen Gegensätze und Konflikte freunden sich die beiden an, träumen gemeinsam von einer besseren Zukunft. Doch als Baran eines Tages in einem alten Türken jenen Mann zu erkennen glaubt, der einst seine Eltern ermordete, droht der Junge einen großen Fehler zu begehen.
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Auch seinem zweiten Film, dem Migrantendrama „Kleine Freiheit“, war ein solcher Erfolg zu wünschen. Doch obwohl er nach der Uraufführung am 16. Januar 2003 beim Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken am 16. Mai 2003 als einziger deutscher Beitrag auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt wurde, fand sich hierzulande lange kein Verleih, sodass er erst mit erheblicher Verspätung am 15. April 2004 in die (Programm-) Kinos kam und bereits am 16. August 2004 in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ vom ZDF erstausgestrahlt wurde.
„Kleine Freiheit“ widmet sich dem Leben der Türken und Türkischstämmigen in Deutschland und ist dreisprachig deutsch, türkisch und kurdisch gedreht: Mitten auf St. Pauli, nahe der Reeperbahn, lebt der junge Kurde Baran. Er arbeitet als Laufbursche in einem Schnellimbiss – und muss sich gleich in der Eingangsszene einer brachialen Zahnbehandlung unterziehen. Eigentlich sollte er an seinem 16. Geburtstag abgeschoben werden, weil sein Asylantrag abgelehnt wurde. Doch Baran ist den Behörden zuvorgekommen und in die Illegalität abgetaucht, schläft bei Freunden und verdingt sich als Aushilfsarbeiter – und kann daher nicht zu einem Zahnarzt in Behandlung gehen.
Nergiz, die Tochter seines Chefs, die in dem Lebensmittelmarkt ihrer Mutter jobbt, hat mehr als nur ein Auge auf Baran geworfen. Doch der fühlt sich zurückgesetzt: Nergiz gehört zur jungen, selbstbewusst auftretenden Generation der Deutsch-Türken, die auch deutsche Freunde hat. Außerdem ist sie die Tochter des wohlhabenden Chefs – und der hat längst einen anderen kurdischen Schwiegersohn für Nergiz ausgesucht. Wie auch Barans Imbiss-Kollege Haydar zu den „etablierten“ Kurden in Hamburg gehört: Er bandelt mit der attraktiven „Deutschen“ Alma an, die wohl aus Osteuropa stammt – und verschafft ihr den Job einer Kellnerin im neuen Restaurant des „Chefs“.
Eines Tages begegnet er Chernor, einem Schwarzafrikaner, der ebenfalls illegal in Deutschland lebt. Chernor, seit zwei Jahren ohne Kontakt zu seiner Familie, würde auch gern in der Dönerbude, bei der Baran beschäftigt ist, arbeiten, aber der „Chef“ ist strikt dagegen: Das sei bei ihm nicht so wie bei den Italienern, er könne seinen Kunden keine „Schwarzen“ zumuten. So dealt Chernor, um sich seinen Traum einer Zukunft im fernen Australien zu finanzieren. Beide freunden sich miteinander an, obwohl sie ständig auf der Hut sein müssen – vor der Ausländerbehörde, vor der Polizei aber auch von einer afrikanischen Jugendgang von Kleinkriminellen.
Die Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als ein älterer Kurde auftaucht. Es ist Selim, der sich – ebenfalls ohne Aufenthaltserlaubnis – als Rosenverkäufer durchschlägt und den der inzwischen 17-jährige Baran für den Tod seiner Eltern verantwortlich macht. Sie sollen von Selim denunziert worden sein. Als er ihren Tod rächen will, eskalieren die Ereignisse...
Man merkt „Kleine Freiheit“ an, dass es sich um eine Low-Budget-Produktion handelt. Doch der häufig mit subjektiver Kamera gedrehte Film besticht durch große Authentizität, mit der die Laiendarsteller das Milieu verkörpern, in dem Tradition und Moderne, Deutsche, Türken und Kurden aufeinandertreffen. Für Hamburger Lokalkolorit sorgt überdies eine Randfigur, der Käpt’n: Den offenbar Obdachlosen, der im St. Pauli-Kiez als eine Art „Roter Faden“ ständig präsent ist, findet Chernor eines Abends tot auf „seiner“ Bank vor.
„Kleine Freiheit“ ist ein unsentimentales, sperriges, vor allem aber glaubwürdiges Plädoyer für zwischenmenschliche Toleranz, und das hilft auch über so manche Schwächen in den Dialogen und der Handlung hinweg wie den zarten homoerotische Neigungen zwischen den beiden Protagonisten, den blutigen Auseinandersetzungen unter Kurden ausgerechnet während der Restaurant-Eröffnung und dem finalen Show-Down vor der Davidswache, als Baran mit Waffengewalt seinen verhafteten Freund Chernor befreien will und naturgemäß scheitert.
Pitt Herrmann