Inhalt
Nora ist 14 und lebt mit ihren Eltern Uwe und Anette in einem beschaulichen Berliner Vorort. Sie ist introvertiert und romantisch und zieht sich immer wieder in ihre verwunschene Mädchenwelt zurück. Ihre Eltern sind vor allem mit sich selbst beschäftigt: Anette nimmt ihr Studium wieder auf, Uwe kämpft um sein Geschäft. Als Thomas, ein früherer Liebhaber Anettes, mit Frau und Kind in das Haus nebenan zieht, gerät das brüchige Familiengefüge ins Wanken. Thomas ist ein gescheiterter Schauspieler und Bergsteiger, gutaussehend und charmant. Nora verliebt sich auf Anhieb unsterblich in ihn. Thomas symbolisiert alles, was sie bei ihrem Vater vermisst: Weltgewandtheit, Lebensfreude, Souveränität. Uwe dagegen kann es kaum ertragen, dass sein attraktiver früherer Erzrivale die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Während Anette eine Affäre mit einem Kommilitonen beginnt und Uwe mit seinem Geschäftspartner bricht, beginnt Nora, all ihre Sehnsüchte auf Thomas zu projizieren. Bei einem gemeinsamen Nachbarschaftsessen kommt es zum Eklat zwischen den beiden Männern. Die oberflächliche Familienidylle steht vor einer Zerreißprobe. Nora begreift, dass sich ihre Sehnsüchte beim besten Willen nicht mit der Realität vereinbaren lassen …
Ulrike von Ribbeck: "Die Grundidee war es, einen Film über das ′Coming of Age einer Familie′ zu machen, deren Leben aus der Bahn geworfen wird. Wie auch in meinem Kurzfilm "Am See" geht es in "Früher oder später" um einen jungen Menschen, der auf brutale Art mit dem Erwachsenenleben konfrontiert wird."
Quelle: 58. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Noras Eltern sind viel zu sehr mit eigenen Problemen – und mit sich selbst – beschäftigt, als dass sie die ersten Anzeichen einer inneren Entwicklung ihrer heftig pubertierenden Tochter mitbekämen. Während Vater Uwe nach einem heftigen Streit mit seinem Geschäftspartner Rolf sein Küchenstudio aufgeben muss und nun arbeitslos ist, was er lange sich selbst und der Familie gegenüber nicht eingestehen will, orientiert sich Mutter Anette neu, indem sie ihr nach Noras Geburt abgebrochenes Studium der Kunstgeschichte wiederaufnimmt – und an der Uni den jungen Kommilitonen Daniel kennenlernt.
Die Achterbahnfahrt im Herzen der nach außen so stillen Nora beginnt, als Thomas („Echte Schönheit ist eine Frage der Persönlichkeit“), ein früherer Liebhaber ihrer Mutter Anette, zusammen mit seiner Familie ins Nachbarhaus einzieht. Der ausgesprochen gutaussehende Bergsteiger und „Gute Zeiten schlechte Zeiten“-Serienschauspieler könnte ihr „erster Mann“ sein, das spürt die Vierzehnjährige gleich nach der ersten, ganz unverfänglichen Begegnung. Weil dieser Thomas all' das verkörpert, was sie bei ihrem Vater vermisst: Weltgewandtheit, Lebensfreude, Souveränität – und Charme.
Nora träumt sich nun in eine neue Märchenwelt hinein, in welcher der Prinz ganz reale Züge trägt – die des begnadeten Erzählers und notorischen Aufschneiders Thomas. Dabei hat der daheim keineswegs die Hosen an: Dort regiert die aparte Ellen, die ihren Gatten spüren lässt, wer für das regelmäßige Haushaltseinkommen sorgt. Weshalb dieser die schwärmerische Zuneigung der Tochter seiner „Ex“ nicht ungern hinnimmt und ihr sofort einen Babysitter-Job offeriert. Den Nora auf ihre Weise nutzt, indem sie in Thomas' Sachen wühlt, sein Oberhemd anzieht und sich einiges für ihren sogleich im eigenen Kleiderschrank eingerichteten Altar-Schrein stibitzt. Es kommt immer häufiger zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen ihrer Mutter und dem eifersüchtigen Vater, aber erst als Nora alte Aufnahmen mit Anette und Thomas als Liebespaar findet, begreift sie, dass sich ihre Sehnsüchte beim besten Willen nicht mit der Realität vereinbaren lassen...
Mit „Früher oder später“ ist Ulrike von Ribbeck ein wunderbar feinfühliges Pubertäts-Familiendrama gelungen, in dem die Details ebenso stimmen wie der Cast. Harald Schrott spielt das 40-jährige „Kind“, das einfach nicht erwachsen werden will, mit ebensolcher Glaubwürdigkeit wie die 18-jährige Bildschirm-Debütantin Lola Klamroth die vierzehnjährige keusche Unschuld, die an den Lebenslügen der Erwachsenen ebenso tragisch scheitert wie am eigenen Unvermögen, ihren Gefühlen verbal Ausdruck zu geben. Lola Klamroth, die schon im zarten Alter ihrer Rollenfigur im Circus Roncalli Bühnenluft schnupperte, ist im übrigen nicht nur die Film-Tochter Peter Lohmeyers.
„Früher oder später“ überzeugte nach der Uraufführung in Locarno bei weiteren Festivals in Hof, Saarbrücken und auf der Berlinale ebenso wie bei der TV-Erstausstrahlung auf Arte sowie in der „Gefühlsecht“-Reihe des ZDF: Dieses „kleine Fernsehspiel“ kann sich in jedem Format sehen lassen.
Pitt Herrmann