Inhalt
Südtirol, 1961: Die norditalienische Region mit deutschsprachiger Minderheit wird von einer Serie separatistischer Bombenanschläge erschüttert. Der junge Paul träumt davon, dem beengten Leben seines Heimatdorfs zu entkommen und in München Malerei zu studieren. Als sein älterer Bruder Anton, ein radikaler Aktivist, untertaucht, stellt Paul seine Pläne zurück, um Antons Frau Anna und deren kleinen Sohn auf dem abgelegenen Hof zu unterstützen. Während sich die Spannungen zwischen der Bevölkerung und den staatlichen Behörden zuspitzen, gerät Paul zunehmend in einen Strudel der Gewalt. Anna distanziert sich offen von der Radikalisierung ihres Mannes, muss sich aber selbst immer wieder gegen die patriarchalen Strukturen zur Wehr setzen. Als die Situation eskaliert, steht Paul vor einer Entscheidung zwischen Selbstverwirklichung und moralischer Verantwortung.
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Antons jüngerer Bruder Paul ist wie Anna gegen eine Eskalation der Gewalt. Der begnadete Zeichner hat sich um Aufnahme an der Münchner Kunstakademie beworben, muss aber daheim den Hof übernehmen, als Rom Carabinieri in die Region schickt und Anton über die Grenze fliehen muss. Als sein enger Freund Hans als angeblicher Separatist verhaftet und schwer gefoltert wird, wird Paul von Maresciallo Lombardo erpresst: Wenn er ihm den Aufenthaltsort seines geflüchteten Bruders verrät, würde Hans freikommen.
Worauf sich Paul natürlich nicht einlassen kann: Auf der Beerdigung von Hans wird ihm von dessen Angehörigen der Handschlag verweigert. Anna, die sich als Grundschullehrerin beim Bezirksschuldirektor vergeblich um einen zweisprachigen „Mischunterricht“ an der Seite ihrer italienischen Kollegin Lucia eingesetzt hat, wird in Sippenhaft genommen: Von den anderen Dorfbewohnern ohnehin, da aus Bozen stammend, als „Dahergelaufene“ beschimpft, wird sie mit Berufsverbot belegt. Helfen könnte der Abgeordnete Holzer von der Südtiroler Volkspartei, aber der wirft sich selbst nicht zu Unrecht vor, die Bombenleger vielleicht sogar ermutigt zu haben.
Als sich die Aktivitäten der Separatisten, offenbar von deutschen Nationalisten unterstützt, auf Anschläge gegen Carabinieri ausweiten, kommt es zum offenen Bruch zwischen den Brüdern Passler: Paul rettet dem jungen Polizisten Alessandro das Leben – wenn auch nur kurzzeitig. Und der Abgeordnete Holzer kommt endlich zur Erkenntnis, das Terror kontraproduktiv ist für seine Verhandlungen mit Rom über ein Autonomieabkommen für Südtirol. Während Paul sich den „Dämonen“ des Vaters stellt, indem er die Leinentücher von dessen Holzskulpturen nimmt, und seine Zeichnungen in einer Art Open-Air-Ausstellung im Dorf präsentiert, hat Anne resigniert und will mit ihrem Sohn nach Bozen zurückkehren…
„Zweitland“, das eindrucksvolle, jederzeit packende Kinodebüt Michael Koflers, hält beiden Seiten einen Spiegel vor und zeigt, dass Gewalt kein Mittel zur Problemlösung ist – weder in der kleinen Familie noch in der großen Politik. Das Drehbuch Koflers, beim Racconti Entwicklungs-Lab der IDM Film Commission mit dem 1. Preis ausgezeichnet, wurde in der heute autonomen italienischen Region Trentino-Südtirol/Alto Adige verfilmt.
Regisseur Michael Kofler im Weltkino-Presseheft: „Der Film ist kein Historienepos, sondern bewegt sich abseits der großen politischen Bühne. Die Geschichte entfaltet sich im Rahmen eines intimen Familiendramas. In der Enge des Bauernhofs und in der Beklemmung des ländlichen Dorfes fordert toxische Maskulinität ihren Tribut. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung kratzt am patriarchalischen Rudelverhalten, aber wird auch zu einer Suche nach der eigenen Identität. Im Zentrum steht dabei eine leise Dreiecksgeschichte zwischen zwei Brüdern und einer Frau, in einer Welt, in der wenig Platz für große Worte bleibt, sondern oft ein Schweigen genügen muss.“
Michael Kofler, Alumnus des Berlinale Talents, dem Nachwuchsprogramm der Berlinale, ist in Südtirol aufgewachsen. Er hat in London Spielfilmregie studiert, wo er auch mehrere Jahre für ein führendes Film- und TV-Produktionsunternehmen gearbeitet hat. Seine Kurzfilme und Videoarbeiten wurden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt. „Zweitland“ ist für ihn ein „Anti-Heimatfilm, der den Blick in einen toten Winkel der Postkartenidylle wagt. Die Landschaft Südtirols bedrückt mehr, als dass sie beeindruckt. Der Film hält jedoch auch inne an den Rissen in der Kruste, durch die, selbst in den dunkelsten Momenten, das Licht und die Menschlichkeit nach außen dringen können“.
Pitt Herrmann