Inhalt
Zwei Frauen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten treffen in einer ostdeutschen Kleinstadt aufeinander: Ursula, eine Kellnerin, die sich nach Nähe und Sinn sehnt, und Neda, eine iranische Videokünstlerin, die auf der Suche nach Spuren ihrer Vergangenheit ist. Beide begegnen rätselhaften Figuren, die Erinnerungen wachrufen und neue Fragen aufwerfen. Während Ursula sich von einer Musikerin aus der Großstadt angezogen fühlt, glaubt Neda, in einer Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiederzuerkennen. Aus diesen Begegnungen entsteht eine fragile Verbindung zwischen den beiden Frauen, die sie auf eine gemeinsame Reise in die umliegenden Berge führt – eine Geisterjagd, bei der Realität und Vorstellung ineinanderfließen.
Kommentare
Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!
Jetzt anmelden oder registrieren und Kommentar schreiben.
I. Lotte. Ursulas Ur-Ur-Ur-Großmutter, die Dienstmagd Lotte, muss schwere Wassereimer schleppen und dem jungen Grafen Hardenberg, besser bekannt als romantischer Dichter Novalis, die Stiefel wichsen. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Grete hat sie Lesen gelernt, interessiert sich für Frankreich nach der Revolution, weiß aber nicht, was es mit dem Kamel im Matthäus-Evangelium auf sich hat. Beide lauschen dem „Steinschlucker“ Norbert, der vom Mansfelder Bergbau erzählt und fürchten sich vor einem Kursächsischen Husar (Alexander Knappe), der einen Pferdedieb verfolgt.
II. Ursula. Die mit Uwe Ursprung (Stefan Stern) verheiratete Kellnerin Ursula, die im Zweitjob in den frühen Morgenstunden ein Möbellager reinigt, ärgert sich über den teuren Kirschen im Supermarkt für ihre noch in der Ausbildung steckende 16-jährige Tochter Moni. Auf dem Nachhauseweg trifft sie auf drei Musiker, die Cellistin Danella, den Bratschisten Paul und die Geigerin Zulima, zu der sie sich sogleich hingezogen fühlt. Ursula ist beeindruckt vom Wissen und von der Weltläufigkeit der bürgerlichen Germanistentochter, deren Vorname auf das arabische Mädchen Zulima im Novalis-Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ zurückgeht.
Ursula, die auch einen Novalis-Becher besitzt, erfährt von Sung-Nam, ihrem Nachbarn im Plattenbau an der „Straße der Volkssolidarität“, dass er seinen VW Bulli verkaufen muss und dadurch auch seinen Job als Fremdenführer verliert. Der menschenfreundliche Koreaner, der mit dem kleinen Buk zusammenlebt, dem Enkel einer Bekannten, brät ihrem Gatten Uwe schon ‘mal ein Schnitzel, wenn sie Sonderschichten fahren muss.
Das Berliner Musiker-Trio ist von Angelika Markgraf zum Kultursommer-Konzert im Amphitheater eingeladen worden. Es nutzt die Zeit, um sich den Ort und die grüne Umgebung anzuschauen, beobachtet erstaunt eine Kamel-Wanderung zum Kyffhäuser-Denkmal und belustigt zwei skurrile bayerische Nacktwanderer, die mit dem Akkordeon unterwegs sind. Während die YouTuberin Neda im Park in die Kamera sprechen will, aber ihren Blick auf zwei Straßenfegerinnen (Ghazal Shojaei und Mariya Nouri) nicht abwenden kann.
III. Neda. 500 Euro veranschlagt der Automechaniker Robert nur für Ersatzteile, um Nedas Auto wieder flottzumachen. Immerhin hat er Kirschen mitgebracht, ein schwacher Trost für die Hartzerin, die in der Straßenkehrerin Marjam eine alte Freundin aus dem Iran zu erkennen glaubt.
IV. Die schönste Sehenswürdigkeit der Region im klimatisierten Reisebus. Ein Lichtblick, wenn auch nur für kurze Zeit: Sung-Nam kutschiert Neda und Ursula für die letzten Film-Einstellungen durch die Gegend. Sie landen in einer Felsspalte, in der sich einst Lotte vor dem Husar verbarg. So hängt alles mit allem zusammen – und die titelgebende Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Julian Radlmaiers Film kontrastiert zwei Begegnungen: Die erste ist die romantische, aber zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung zwischen der proletarischen Kellnerin Ursula und der bürgerlichen Geigerin Zulima, die nach dem Konzert wortlos verschwindet, obwohl Ursula extra das Auto ihres Nachbarn Günther geklaut hat für ein letztes Treffen. Die zweite ist die zwischen Ursula und Neda, am Schluss noch erweitert um Sung-Nam: Sie gelingt, weil, jedenfalls nach Auffassung des Regisseurs, die tiefere Kluft zwischen den Menschen nicht horizontal zwischen Nationen und Kulturen verläuft, sondern vertikal zwischen sozialen Klassen. Am Ende verbinden sich die Protagonisten in der Barbarossa-Höhle Rottleben sogar mit den Geistern der Vergangenheit, die nicht zu Unrecht über die Vergesslichkeit der Lebenden klagen…
Ein profaner blauer Stein zieht sich wie ein Roter Faden durch die höchst anspielungsreiche Realsatire, der Bezug nimmt auf die blaue Blume, das Sehnsuchts-Symbol der Romantik. Auch musikalisch setzt Radlmaier auf Kontraste zwischen Bianca Grafs Heimatschnulzen und Robert Schumanns Kinderszenen, Geistervariationen und Kreisleriana-Stücken.
Pitt Herrmann