Operation Zucker - Jagdgesellschaft

Deutschland 2015 TV-Spielfilm

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Heinz17herne
Heinz17herne
Eine junge, noch sehr mädchenhafte Frau verlässt in Jeans die gemeinsam mit einem kaum älteren Freund bewohnte Berliner Wohnung. In der S-Bahn, welche sie an der Endstation Potsdam Hauptbahnhof verlässt, kleidet sie sich kurz um. Unter der Hose wird ein Minirock sichtbar, in dem sie, inzwischen ist es dunkel geworden, eine Villa außerhalb der Stadt betritt. Und noch gerade mitbekommt, wie eine etwa gleichaltrige junge Frau von Männern in den oberen Stock des Gebäudes komplimentiert wird.

Die desillusionierte LKA-Ermittlerin Karin Wegemann hat sich in den Innendienst der Berliner Polizei versetzen lassen. Das ständige Scheitern aller Versuche, der Kinderprostitution und ihren durchaus prominenten Hintermännern beizukommen, hat sie mürbe gemacht. Und mehr noch: an Paranoia grenzend sieht sie überall Missbrauch. Auch beim abendlichen Drink in ihrer Stammkneipe, wo sie einen ehrbaren Familienvater niederschlägt, der nur seinem blinden Sohn auf der Toilette geholfen hat. Maik Fellner, ein investigativer Journalist, der seit Jahren über den Kinderhandel in Deutschland recherchiert und publiziert, ist Zeuge der Szene geworden – und landet im Bett der offenbar reichlich alkoholisierten Polizistin. Die ihn am anderen Morgen zwar abrupt vor die Tür setzt, aber doch zu einer Zusammenarbeit mit ihm bereit ist, nachdem er ihr von einer 14-jährigen Zeugin, die plötzlich spurlos verschwunden ist, erzählt hat – zur gar nicht so klammheimlichen Freude ihres Chefs Brummer, der Fellner offenbar ganz bewusst auf sie angesetzt hat: „Wir machen uns mitschuldig, wenn wir nichts tun.“

So bezieht Karin Wegemann ein Büro bei der Potsdamer Kripo zur Verstärkung des Kommissars Ronald Krug, der die neue Kollegin eher misstrauisch beobachtet als vertrauensvoll mit ihr zusammenzuarbeiten. Was daran liegt, dass sich Gerüchte, hohe Tiere aus Politik, Verwaltung und Justiz seien Mitglieder eines Netzwerks Pädophiler, hartnäckig halten. Erst als der brandenburgische Innenminister Druck macht und den beiden Beamten mit Staatanwalt Dr. Mack einen Antreiber an die Seite stellt, ermitteln Wegemann und Krug gemeinsam. Allerdings ist die Berliner Beamtin noch nicht bereit, dem Kollegen ihren Kontaktmann Maik Fellner zu offenbaren. Denn der hat herausgefunden, dass das junge Pärchen aus der Eingangsszene, Laura und Victor, mit dem Verschwinden seiner Zeugin Vanessa Gerk etwas zu tun hat: Vanessa ist nicht nur Lauras beste Freundin, sondern auch Leidensgenossin - was die nächtlichen Besuche der einsam in einem Waldstück gelegenen Villa betreffen.

Victor weiß mehr: Vanessa, die vor zehn Jahren von Zuhause weggelaufen ist, ohne dass ihre Eltern sie von der Polizei haben suchen lassen, lebt wie die wesentlich jüngere Lucy im Haus des erfolgreichen Bauunternehmers Kai Voss, wo beide Kinder von dessen Gattin Helen, einer früheren Prostituierten, für ihre „Einsätze“ zurechtgemacht werden. „Lebend-Pizza“ heißen im Milieu Kinder, die im Kofferraum großvolumiger Limousinen frei Haus „geliefert“ werden – etwa von Freddy, aber wenn es sein muss auch von Kai Voss selbst. Als Fellner herausgefunden hat, dass Staatssekretär Winfried Sudhoff mit zum Netzwerk gehört, der einst ein Verfahren wegen Beleidigung gegen ihn angestrengt hat, fürchtet er um sein Leben. Und setzt dennoch Karin Wegemann als Lockvogel ein: Nach einer eher harmlosen Befragung eilt Sudhoff sogleich aus dem Landtagsgebäude zur Baustelle eines Einkaufszentrums, um Kai Voss von der Begegnung mit der Polizistin zu berichten. Ronald Krug wird Zeuge dieses Gesprächs – und ist nun vom Verdacht seiner Kollegin gegen Voss überzeugt. Beide Kriminalbeamten können sich freilich nicht sicher sein, in ihrer Dienststelle abhörsicher sprechen zu können und ziehen sich daher regelmäßig in die Lüftungskammer des Polizeipräsidiums zurück.

Nach der Übergabe eines USB-Sticks auf einem Friedhof wird Maik Fellner quasi unter den Augen der Polizei ermordet – mit Gift, wie die Obduktion ergibt. Nun stimmt auch Dr. Mack einer Verhaftung von Helen Voss zu, auf die aber keine Hausdurchsuchung folgt, sodass Gatte Maik alles Beweismaterial in der Baugrube entsorgen kann. „Wir sind die Guten. Wir retten die Kinder, die würden sonst längst an der Nadel hängen“ gibt Helen Voss beim Polizeiverhör zum Besten und verweist auf den tschechischen Babystrich: an Nachwuchs für pädophile Kriminelle wie Andreas Farnow, Frank Wilhelm oder den Arzt Holger Arnfeld besteht also kein Mangel. Am Ende ist die Party nur für den Staatssekretär aus, der es nicht übers Herz bringt, bei der zynisch „Endreinigung“ genannten Beseitigung der jungen Opfer seine „Geliebte“ Vanessa umzubringen: er erschießt sich im Auto vor dem als Landtag fungierenden Potsdamer Stadtschloss. Der Innenminister hat leichtes Spiel, die Ermittlungen einzustellen: der USB-Stick Maik Fellners ist in der Polizeibürokratie spurlos verschwunden, Helen Voss hat alle Aussagen widerrufen, von den beiden Kindern Lucy und Vanessa gibt es keine Spur. Doch Karin Wegemann kehrt nicht gänzlich desillusioniert nach Berlin zurück: Ronald Krug hat insgeheim eine Kopie des USB-Sticks gezogen…

Wie sein Vorgänger „Operation Zucker“ (2013) basiert der von Teiva Film Potsdam koproduzierte spannende Polit-Thriller „Operation Zucker – Jagdgesellschaft“ auf wahren Begebenheiten, die vor allem die Drehbuchautorin Ina Jung recherchierte. Unter „Sachsensumpf“ firmiert eine bislang nicht gänzlich aufgeklärte Affäre um angebliche Verwicklungen hochrangiger Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Justiz in die Prostitution Minderjähriger und damit in Zusammenhang stehende kriminelle Immobiliengeschäfte insbesondere in Leipzig. Im April 2016 gabs in Wien den österreichischen Filmpreis „Romy“ in der Kategorie „Bester TV-Film“ sowie für Friedrich Ani und Ina Jung den TV-Drehbuchpreis.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 14.04.2015 - 21.05.2015: Berlin und Potsdam
Länge:
90 min
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 20.01.2016, ARD;
Aufführung (DE): 09.03.2016, Wiesbaden, FernsehKrimi-Festival

Titel

  • Originaltitel (DE) Operation Zucker - Jagdgesellschaft

Fassungen

Original

Länge:
90 min
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 20.01.2016, ARD;
Aufführung (DE): 09.03.2016, Wiesbaden, FernsehKrimi-Festival