Die wunderbaren Jahre

BR Deutschland 1979/1980 Spielfilm

Inhalt

Nach der Veröffentlichung seines regimekritischen Prosabands "Die wunderbaren Jahre" wurde Reiner Kunze aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. In die Bundesrepublik ausgereist, verfilmte er das Buch, das über das eingeschränkte Leben junger Menschen in der DDR der Siebziger Jahre erzählt: Der 17-jährige, musikalisch hochbegabte Stephan wird wegen regimekritischer Äußerungen der Schule verwiesen. Da ihm nun die Zukunft als Musiker verbaut ist, begeht er Selbstmord. Seine Freundin Cornelia will ihm in den Tod folgen, wird von ihren Eltern aber im letzten Moment davon abgehalten.

 

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Heinz17herne
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Der Film „Die wunderbaren Jahre“, so Reiner Kunze, „handelt von den Wundern, die zwischen jungen Menschen möglich sind, und von Jahren, die dieser Wunder bar sind, weil man Menschen – und zwar die aufrechtesten – um ihre Jugend bringt. Ort des Geschehens ist die Deutsche Demokratische Republik, die aber nicht der einzige Schauplatz ist, an dem der Film spielen könnte – heute, gestern und in Zukunft.“ Der gleichnamige Prosaband des DDR-Schriftstellers konnte 1976 nur in der Bundesrepublik erscheinen und Kunze wurde postwendend aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Gut drei Jahre später hat der inzwischen in den Westen übergesiedelte Reiner Kunze sein Buch verfilmt. Die Uraufführung fand am 29. Februar 1980 nicht auf der Berlinale, sondern parallel in fünf Kinos in Berlin, Hamburg, Nürnberg und Bayreuth statt. Die Linke war erfolgreich gegen diesen angeblichen Propagandastreifen eines „rechten“ Schriftstellers zu Felde gezogen unter großer, beschämender, mit unserem Wissen heute völlig unverständlicher Beteiligung der Medien und besonders des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“.

Denn Geschichten wie die des jungen Chemiearbeiters Michael, der das Abitur ablegen will, aber als „unsicheres Element“ gilt, weil im Regal des Wohnheims unter seinen Fachbüchern auch eine Bibel steht, will 1980 in der Bundesrepublik niemand zur Kenntnis nehmen. Michael, der nicht ins sozialistische Ausland reisen darf, vom anderen ganz zu schweigen, wird mehrfach verhaftet, als er per Autostopp in Richtung Ostsee unterwegs ist. Weil die Volkspolizei ihn verdächtigt, nach Berlin, in die Hauptstadt der DDR, fahren zu wollen, wo gerade die Weltjugendfestspiele stattfinden. Und an diesem sozialistischen Propaganda-Spektakulum dürfen nur handverlesene FDJ-Blauhemden teilnehmen.

Oder die Geschichte des jungen Wehrpflichtigen Klaus, dem nach dem Einmarsch der „Warschauer Pakt“-Armeen 1968 in die Tschechoslowakei zur blutigen Niederschlagung der „friedlichen Revolution“ der Reformsozialisten um Dubcek schlagartig bewusst wird, in welch‘ fataler Tradition die Angehörigen der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR stehen, die mit Panzern das zarte Pflänzchen Demokratie niedergewalzt haben wie einst 1938, als die Deutsche Wehrmacht in Prag einmarschierte.

Oder die Geschichte des Oberschülers Stephan, einem musikalisch hochbegabten Siebzehnjährigen: Der talentierte Organist hat bei einem Orgelmusik-Wettbewerb in der Tschechoslowakei einen Preis gewonnen und strebt eine Karriere als Berufsmusiker an. Doch die wird ihm nach einem Gespräch mit seinem Schuldirektor verbaut: Der hohe Reserveoffizier der Nationalen Volksarmee hatte Stephan für die NVA anwerben wollen und war gescheitert.

Fortan wird Stephan, etwa beim täglichen Fahnenappell auf dem Schulhof und bei der Patenschaftsbrigade, gemobbt, schließlich von der Schule relegiert und aus der Jugendorganisation FDJ ausgeschlossen. Er sieht keinen anderen Ausweg als den Tod. In den ihm seine 16-jährige Freundin Cornelia Bergmann folgen will, was ihre Eltern im letzten Moment noch verhindern können.

„Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Verdienste erwarb ich mir keine, aber das waren die wunderbaren Jahre“: Truman Capotes Satz hat Reiner Kunze seinem Roman wie dessen Verfilmung vorangestellt. Ursprünglich sollte der Theatermann Rudolf Noelte Regie führen, fühlte sich der Aufgabe – oder dem öffentlichen Druck – aber schon nach zehn Drehtagen nicht mehr gewachsen, sodass der hierin völlig unerfahrene Reiner Kunze selbst einsprang. Was dem Film ästhetisch zwar nicht gut getan, aber letztlich auch nicht geschadet hat, denn er fiel aus rein politisch-ideologischen Gründen bei der Kritik durch.

Das bundesdeutsche Publikum, soweit es den Weg ins Kino fand, bekam gut einhundert Minuten äußerst Befremdliches vorgesetzt: Debatten über Glaubensfragen, über die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kirche im kirchenfeindlichen Sozialismus. Der ausgebürgerte Wolf Biermann dagegen wusste, wovon die Rede war: „Der Film zerrte mich zurück in meine DDR-Zeit. Die alten Requisiten erzeugten alte Reflexe, die Stasi-Fressen, das Zweitaktgeräusch der Wartburg-Limousine, die Blauhemden, der Jargon. Ich sah wieder mit Ostaugen den Osten. Die Pawlowsche Klingel tönte, der alte Speichel floss. Die biedere Erzählweise, die braven Filmschnitte suggerieren einen Defa-Film. Und wenn wir uns auch mokieren über den Kitsch, er sitzt uns selber noch in den Knochen.“

Man hat sich 1980 ungläubig die Augen gerieben, als gezeigt wurde, wie Plakate, die auf einen kirchlichen Orgelmusikabend hinweisen, mutwillig abgerissen worden sind, weil Kirche in der DDR ein Symbol gewesen ist für etwas, das, wenn auch nicht gänzlich, außerhalb staatlich-ideologischer Einflussmöglichkeit existierte und manchmal gar zum Hort passiven Widerstandes wurde. Und das melodramatische Finale, den Selbstmord Stephans, für reichlich weit hergeholt erklärt, auch wenn man nicht der DKP, der fünften Kolonne von SED und Stasi, angehört hat.

Wer den Film heute sieht, nach dem Zusammenbruch des Arbeiter- und Bauernstaates und im Bewusstsein seiner Verbrechen gegen die eigenen Arbeiter und Bauern, kann die damalige Aufregung um Autor, Regisseur und Film nicht nachvollziehen. Reiner Kunze hat den Bayerischen Filmpreis 1980 für sein Drehbuch erhalten.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
2852 m, 104 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 06.12.1979, 51177, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 29.02.1980, Bayreuth, Kino 2

Titel

  • Originaltitel (DE) Die wunderbaren Jahre

Fassungen

Original

Länge:
2852 m, 104 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 06.12.1979, 51177, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 29.02.1980, Bayreuth, Kino 2