Adam und Evelyn

Deutschland 2017/2018 Spielfilm

Inhalt

DDR, Sommer 1989: Der Damenschneider Adam und die Kellnerin Evelyn wollen Urlaub am Balaton in Ungarn machen. Da erwischt Evelyn ihren Freund, wie er sie betrügt. Kurzerhand fährt sie mit ihrer besten Freundin Simone und deren Cousin aus dem Westen nach Ungarn. Adam fährt ihr hinterher, lernt unterwegs Katja kennen und schmuggelt sie über die Grenze. Am See angekommen, erfahren die Urlauber, dass Ungarn die Grenze zu Österreich geöffnet hat – Evelyn begreift dies als Chance auf ein neues Leben, während  Adam sich mit der plötzlichen Veränderung nicht anfreunden kann.

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

Heinz17herne
Heinz17herne
Evelyn „Evi“ Schumann ist 21 Jahre jung, bedient im Ratskeller und träumt davon, im Westen Kunstgeschichte zu studieren, was ihr in der DDR verwehrt worden ist, vielleicht aber auch ein eigenes Café zu eröffnen. Sie überragt selbst barfuß um einen halben Kopf den 33-jährigen Damenmaßschneider und Fotografen Lutz „Adam“ Frenzel, der in der sächsischen Provinz im eigenen Haus mit idyllischem Garten lebt und Frauen jeglichen Alters nicht nur kleidungsmäßig beglückt. Evi weiß davon, lässt aber alles so laufen in dem Bewusstsein, Adam brauche solche Seitensprünge für sein Ego.

Nun aber hat sie, am letzten Arbeitstag vor ihrem Urlaub früher nach Hause gekommen, Adam inflagranti mit einer Kundin erwischt und zieht erstmal zu ihrer gleichaltrigen Arbeitskollegin und besten Freundin „Mona“ Simone. Die auch in den Westen will: „Na, wohin schon, in die Karibik!“ Die beiden jungen Frauen zieht es an den Balaton, sie fahren zunächst getrennt voneinander mit dem Zug nach Prag: Die Volkspolizei ist im Sommer 1989 nach der epidemischen Republikflucht über die „Bruderländer“ CSSR und Ungarn besonders misstrauisch.

Auf dem Wenzelsplatz warten sie auf Monas Cousin Michael, einen Hamburger Zellbiologen. Der Endzwanziger will beide dann in seinem BMW an den Plattensee mitnehmen. Adam reist Evi derweil in seinem klapprigem Wartburg des Baujahrs 1961 nach und nimmt an einer Autobahnraststätte die Anhalterin Katja mit: Die 21-jährige Tischlerin aus Potsdam hat beim gescheiterten Versuch, über die Donau zu fliehen mit dem Ziel der westdeutschen Botschaft in Budapest, alle Sachen verloren – bis auf ihre Schildkröte. Adam bringt beide im Kofferraum versteckt in Komarno über die Grenze und, nachdem die bundesdeutsche Botschaft wegen Überfüllung geschlossen worden ist, weiter zum Campingplatz Badacsony.

Am Balaton kommen Evi, die den Wessi attraktiv findet, was zum offenen Streit mit Mona führt, und Adam wieder zusammen und als der Weg über Österreich ins gelobte westdeutsche Land des Kapitalismus plötzlich frei wird, zieht Letzterer Bilanz – und findet sein komfortables Nischendasein abseits der Mangelwirtschaft des real existierenden Sozialismus gar nicht so schlecht. Und: Kann er als Schneider im Westen überhaupt eine adäquat-selbstbestimmte Arbeit finden?

Als aus Michaels Fahrzeug Geld, Kreditkarten und Ausweise gestohlen werden, bringt Adam die beiden nach Budapest zur bundesdeutschen Botschaft, die neue Papiere ausstellt – für Evi gleich mit. Dort erfahren sie, dass Ungarn in ein paar Tagen die Grenze zu Österreich öffnet. Trotz kaputter Autoscheibe fährt Michael zur Grenze, da sein Urlaub bereits seit einiger Zeit abgelaufen ist. Mit im Wagen nur Katja samt provisorischem BRD-Reisepass: „Ich denke sogar, man hat die Pflicht weg zu gehen. Wir wissen doch gar nicht, was Leben bedeutet.“ Evi dagegen bleibt mit Adam zurück, obwohl sie auch in den Westen will: „Ich weiß auch nicht, ob es mir drüben wirklich gefällt, aber ausprobieren will ich es.“

Adam, der eigentlich in sein Häuschen samt Atelier zurückkehren will, begleitet Evi über die inzwischen offene Grenze nach Österreich. Sie stranden in Bayern, weil Adams himmelblauer „Heinrich“ unweit von Rosenheim den Geist aufgibt. Nach manchen weiteren Irrungen und Wirrungen, Katja wohnt, von West-Verwandten unterstützt, in einer Studenten-WG und Evi, die entweder von Adam oder Michael schwanger ist, sucht in München eine Studentenbude, will Adam nur noch sein altes, beschauliches Leben zurück: Ihm ist alles zuviel. Doch eine Stippvisite in der alten Heimat ist dermaßen desillusionierend, dass er sich sogar einen Job bei einer Änderungsschneiderei vorstellen kann: Maßkleidung ist nicht mehr gefragt bei dem Überangebot von der Stange. Adam, der sich zeitweise Spionage-Verdächtigungen eines übereifrigen bundesdeutschen Beamten (Bernhard Schütz) ausgesetzt sieht, verbrennt alle Fotos seiner Modellkleider...

Ingo Schulzes Roman „Adam und Evelyn“, 2007 entstanden in der römischen Villa Massimo während seines Stipendiums an der Deutschen Akademie, erschien 2008 im Berlin-Verlag: eine deutsch-deutsche (Vor-) Wendegeschichte in 55 Kapiteln auf 300 Seiten, die in der Ausnahmesituation im Spätsommer 1989 spielt. Drei Jahre ließ Constantin die Filmrechte liegen, bevor der 54-jährige Andreas Goldstein fast parallel zu seiner Doku „Der Funktionär“ über seinen Vater Klaus Gysi sein Langfilm-Debüt drehen konnte in enger Zusammenarbeit mit Jakobine Motz, die er 1991 beim Regiestudium in Babelsberg kennenlernte.

Bewusst ist Anne Kanis die einzige Darstellerin mit DDR-Vergangenheit, Florian Teichtmeister etwa ist ein österreichischer Theaterschauspieler. Denn Motz und Goldstein wollten einen „anderen“ Wendefilm drehen in bewusster Abgrenzung zu West-Regisseuren wie Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“, „Werk ohne Autor“) abseits des standardisierten Konflikts zwischen dem Wunsch nach individueller Freiheit und staatlicher Repression. Andreas Goldstein im Neue Visionen-Presseheft: „Adam und Evelyn vertreiben sich selbst aus den engen Grenzen ihres Paradieses, um in die Gegenwart zu gelangen. Die Erklärung eines Provinzgartens in Ostdeutschland zum Paradies kann trotz aller Ambiguität der Realität entsprechen.“

„Adam und Evelyn“ ist am 30. August 2018 auf der 33. Venice Int. Film Critic’s Week im Vorfeld der 75. Int. Filmfestspiele uraufgeführt worden. Die Deutsche Erstaufführung fand am 15. November 2018 auf dem 67. Int. Filmfestival Mannheim-Heidelberg statt, die Erstausstrahlung erfolgte am 26. September 2020 auf 3sat.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 14.08.2017 - 15.09.2017: Weißenfels/Leipzig und Umland, Ungarn
Länge:
100 min
Format:
DCP 2K
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 02.10.2018, 182973, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (IT): September 2018, Venedig, IFF;
Erstaufführung (DE): November 2018, Braunschweig, IFF;
Kinostart (DE): 10.01.2019

Titel

  • Originaltitel (DE) Adam und Evelyn
  • Weiterer Titel (GB) Adam & Evelyn

Fassungen

Original

Länge:
100 min
Format:
DCP 2K
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 02.10.2018, 182973, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (IT): September 2018, Venedig, IFF;
Erstaufführung (DE): November 2018, Braunschweig, IFF;
Kinostart (DE): 10.01.2019

Auszeichnungen

FBW 2019
  • Prädikat: besonders wertvoll
Ahrenshooper Filmnächte 2018
  • Bester Film, Spielfilmwettbewerb