24 Wochen

Deutschland 2015/2016 Spielfilm

Inhalt

Astrid bringt als Kabarettistin die Menschen zum Lachen. Ihr Mann Markus managt sie. Die beiden sind ein eingespieltes Team, haben eine neunjährige Tochter und erwarten gerade ihr zweites Kind. Als sie erfahren, dass ihr Kind nicht gesund zur Welt kommen wird, stellen sie sich zunächst mit großem Optimismus einer Herausforderung, die sie nicht einschätzen können. Doch je näher der Geburtstermin rückt, desto größer werden Astrids Sorgen – die um die Zukunft des Neugeborenen ebenso wie die um Familie und Beruf. Nach vielen Diskussionen und Auseinandersetzungen erkennt Astrid, dass die Entscheidung, die ihr aller Leben betrifft, nur von ihr allein getroffen werden kann. Das ist umso komplizierter, da sie als erfolgreiche Entertainerin in der medialen Öffentlichkeit steht.

Auch der zweite Spielfilm der Erfurter Regisseurin Anne Zohra Berrached, die 2013 "Zwei Mütter" in der Perspektive Deutsches Kino präsentierte, befasst sich mit weiblichen Lebensentwürfen. Sie liefert das intensive Porträt einer Frau, die in einen großen moralischen Konflikt geworfen wird, in dem es keine einfachen Lösungen gibt.

Quelle: 66. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Mir ist völlig wurscht, was es wird, Hauptsache ein Mädchen“: Die Leipziger Kabarettistin Astrid Lorenz (eine so stark wie nie geforderte Julia Jentsch) macht auch bei ihrem Live-Auftritt in Gerburg Jahnkes TV-Show „Ladies Night“ keinen Hehl aus ihrer Schwangerschaft. Es wäre dann ihr zweites Kind mit ihrem Freund und Manager Markus Häger – und langsam Zeit für einen Hochzeitstermin. Findet auch Astrids Mutter Beate.

„Ein Spätabbruch ist jederzeit möglich“: Das Ergebnis einer Routineuntersuchung durch den Pränataldiagnostiker (spielt sich wie zahlreiche seiner medizinischen Kollegen selbst: Dr. Sven Seeger) ist ein heftiger Schlag ins Kontor: Der Junge und leidet an einer Krankheit, die gemeinhin als Down-Syndrom bezeichnet wird. Markus kriegt als erster die Kurve: Zwei Donauwellen im nächsten Café, dann kanns weitergehen. Schließlich: The Show must go on.

In aller Öffentlichkeit, versteht sich. Die Medien bekommen schnell Wind von der Diagnose. Die Astrid und Markus nicht aus der Bahn wirft: Sie stehen beruflich und privat mit beiden Beinen fest im Leben. Und wollen gemeinsam lernen, mit dem Schicksal umzugehen. Sie informieren sich in einer Behindertengruppe und einem integrativen Kindergarten, dabei ihre achtjährige Tochter Nele stets an ihrer Seite: Sie muss die Familien-Entscheidung schließlich mittragen. Während das erste Outing im Freundeskreis noch Grabesstille hervorruft und ihre junge Haushaltshilfe Kati die Segel streicht vor dem zu erwartenden Fulltime-Job, ist das Feedback in den (sozialen) Medien durchweg positiv: Astrid wird für ihren Mut belohnt, so offensiv – und öffentlich – mit ihrer schwierigen Entscheidung über Leben und Tod umzugehen.

Doch als weitere Untersuchungen durch einen Geburtsmediziner (Prof. Dr. Holger Stepan) und einen Kinderherzchirurgen (Prof. Dr. Martin Kostelka) ergeben, dass zur Trisomie 21 auch eine schwere Herzkrankheit hinzukommt, die bereits die erste von mehreren Operationen eine Woche nach der Geburt notwendig machen wird, können auch weitere Verweise etwa auf die erfolgreiche Integrationsarbeit des Berliner Ramba-Zamba-Theaters, hier steht seit vielen Jahren Angela Winklers Tochter auf den Brettern, die wachsenden Zweifel Astrids nicht zerstreuen.

Die Stimmung daheim ist so angespannt, dass Beate Lorenz, die zur Unterstützung der Familie bei ihrer Tochter eingezogen ist, die Flucht ergreift. Wie Astrid nach einem Hänger in der Live-Show Dieter Nuhrs. Markus ist liebevoll um die völlig Entnervte bemüht, besteht aber darauf, das Kind zu bekommen. Schon der Öffentlichkeit wegen. Denn nicht nur in Leipzig auf offener Straße oder in der Frühchen-Station der Frauenklinik, auch in den Medien ist die Schwangerschaft der populären Kabarettistin ein Top-Thema. Nach dem Besuch einer Kirche fährt Astrid allein ins Krankenhaus: Nichts und niemand kann ihr die Entscheidung abnehmen, sie muss sie allein fällen...

„24 Wochen“ ist erst der zweite Spielfilm der 1982 in Erfurt geborenen Anne Zohra Berrached, der wie ihr Debüt „Zwei Mütter“ drei Jahre zuvor im Wettbewerb der 66. Berlinale uraufgeführt worden ist. In ihrem wuchtigen, aber nie melodramatisch auf die Tränendrüse drückenden (Diplom-) Abschlussfilm der Filmakademie Baden-Württemberg findet die Regisseurin Bilder, in erster Linie Aufnahmen aus dem Mutterleib, für eine sprichwörtliche Entscheidungs-Not, der mit den Mitteln der Sprache kaum beizukommen ist. Einmal lässt die „Bildgestalterin“ Friede Clausz die Protagonistin Julia Jentsch unmittelbar in die Kamera blicken, über die Schulter des tröstend seine Lebensgefährtin umarmenden Markus Häger. Als würde Astrid Lorenz Hilfe aus dem Kinopublikum erwarten.

„24 Wochen“ ist in entscheidenden Teilen dokumentarisch zu nennen, was neben der geradezu akribischen Schilderung der rein medizinischen und psychologischen Seite vor allem auch mit der menschlichen Zuwendung der beiden erfahrenen Leipziger Hebammen Yvonne Mantwill und Rim Bitzer, die eigene Geburtshäuser unterhalten, zusammenhängt: Sie vermitteln Astrid Lorenz wie auch dem Zuschauer, dass die Entscheidung für oder gegen das Leben des Ungeborenen allein bei der Frau liegt und, wie immer sie auch ausfällt, keinen Anlass für moralischer Wertungen gibt.

Julia Jentsch in einem Gespräch mit Christina Bylow (in: „Berliner Zeitung“ vom 17. September 2016) über den am 26. März 2018 im ZDF erstausgestrahlten Film: „Ich bin öfter gefragt worden, was Zuschauer aus dem Film mitnehmen können, was ich mir da wünsche. Für mich ist das die Offenheit für dieses tabuisierte Thema. Man sollte dem anderen eine Möglichkeit geben, sich mitzuteilen, und zwar mit dem Verständnis für beide Wege – für die Spätabtreibung, aber auch für die Entscheidung, das Kind zu bekommen. Beides sollte man als Mitmensch unterstützen. Ich habe bei den Gesprächen Leute getroffen, die sich für das Kind entschieden hatten und trotzdem ein großes Verständnis entwickelt haben für Menschen, die sich anders entschieden. Das hat auch mir Mut gemacht für den Film. Die Offenheit hat mich beeindruckt.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 16.04.2015 - 29.05.2015: Leipzig, Halle und Umgebung
Länge:
103 min
Format:
DCP, 1:2,39
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.04.2016, 159272, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 14.02.2016, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 22.09.2016

Titel

  • Originaltitel (DE) 24 Wochen

Fassungen

Original

Länge:
103 min
Format:
DCP, 1:2,39
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.04.2016, 159272, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 14.02.2016, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 22.09.2016

Auszeichnungen

Deutscher Filmpreis 2017
  • Lola in Silber, Bester Spielfilm
Günter Rohrbach Filmpreis 2016
  • Preis der Saarland Medien GmbH
Filmfest Emden 2016
  • AOK Filmpreis
Studio Hamburg Nachwuchspreis 2016
  • Beste Regie
  • GWFF-Produzentenpreis, Beste Produktion
FBW 2016
  • Prädikat: besonders wertvoll
Neiße Film Festival 2016
  • Bestes Szenenbild
Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2016
  • NDR-Regiepreis
  • Förderpreis der DEFA-Stiftung
  • Publikumspreis
Berlinale 2016
  • Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater