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Mit ihren zwei Söhnen auf der Rückbank kommt Clara im winterlichen New York an. Was für die Kinder als Abenteuer getarnt wird, stellt sich bald als Flucht vor dem gewalttätigen Ehemann und Vater heraus. Er ist Polizist, und Clara versucht verzweifelt, seinen Nachstellungen zu entkommen. Die drei besitzen wenig mehr als ihr Auto, und als das abgeschleppt wird, stehen sie mittellos auf der Straße. Doch die kalte Großstadt zeigt Güte: Auf der Suche nach Zuflucht begegnet die Familie der selbstlosen Krankenschwester Alice, die für Betten in einer Notunterkunft sorgt. Beim Mundraub in dem russischen Restaurant Winter Palace lernt Clara den Ex-Häftling Marc kennen, der die Chance bekommen hat, den Laden in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Das Winter Palace wird zum Ort der unerwarteten Begegnungen von Menschen, die in der Krise stecken und in schicksalhaften Wendungen zusammenfinden.
Mit viel Gespür für ihre Figuren erkundet Lone Scherfig menschliches Verhalten unter extremen Bedingungen. Dabei zeigt sich die volle Härte des Lebens im urbanen Dschungel, aber auch, was wachsen kann, wenn sich Fremde freundlich und mit offenem Herzen gegenübertreten.
Quelle: 69. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Die Krankenschwester Alice ist nicht nur die gute Seele einer New Yorker Notaufnahmestation, sondern hilft in ihrer Freizeit auch noch in einer Suppenküche aus und leitet die Selbsthilfegruppe „Vergebung“. Sie, die immer für andere da ist, isst stets allein zu Abend im Winter Palace, dem russischen Restaurant von Timofey. Wo Marc, der vier Jahre unschuldig im Gefängnis saß, nun mit seinem Anwalt John Peter seine neu gewonnene Freiheit feiert. Marc, der mit seinem verstorbenen Bruder früher selbst ein Restaurant führte, fühlt sich wie im Märchen, als Timofey ihm als letztem Gast einige Drinks spendiert und ihm die Leitung seines allerdings finanziell angeschlagenen Etablissements anvertraut.
„Du kannst einfach gar nichts richtig“: Jeff hat sich einen solchen Satz schon von vielen Arbeitgebern anhören müssen, auch seinen jüngsten Job in einer Großwäscherei ist er wieder los. Weil dieser völlig neben sich stehende große Junge sich nichts dabei dachte, als er einen kleinen Hund unter einem Wäscheberg versteckte. Zurück zu Clara. „New York wird für euch eine Art Schule sein“, verspricht sie ihren Söhnen, die bald dahinterkommen, dass das hier in der winterlichen Metropole kein unbeschwerter Ferienaufenthalt wird. Erst ist die Kreditkarte gesperrt, dann das Auto abgeschleppt: Richard nutzt seine Verbindungen, um sich an ihre Fersen zu heften.
Clara mischt sich unauffällig auf Empfänge und Feiern, um Essbares zu besorgen, während sich die Kinder in Museen aufwärmen und in Bibliotheken die Computer nutzen. Als sie eines Abends auch in Timofeys Lokal Horsd'oeuvres mitgehen lassen will, spricht der frischgebackene Restaurantleiter Marc sie an. Doch Clara stiehlt sich schnell davon. Ohne voneinander zu wissen, begegnen sich einige dieser Gestrandeten in Alices Suppenküche, wo Jeff unerwartet zu einem Job gekommen ist. Der freilich unbezahlt ist, sodass er mit vier Monaten Mietrückstand aus seinem Apartment geworfen wird. Die eisige Nacht auf der Straße endet bei Alice in der Notaufnahme: Sie kennt Jeff aus der Suppenküche und nimmt ihn vorübergehend bei sich auf. Zu ihren Klienten in der Selbsthilfegruppe gehören auch der Anwalt John Peter, der sich aber nicht ohne Marcs Begleitung dorthin traut.
In einem chinesischen Lokal spürt Richard seine Familie auf, bittet um Vergebung. Doch weder Clara noch die beiden Kinder glauben seinen Versicherungen, ergreifen die Flucht und landen in der Kirche, in der sich Alices Selbsthilfegruppe trifft. Diese lässt sie dort übernachten, doch der neugierige kleine Jude, der schon mehrfach auf eigene Faust Ausflüge in die aufregende Stadt unternommen hat, entdeckt den Zauber des funkelnden Schnees – und erfriert beinahe. So landet er bei Alice in der Notaufnahme, die den Zugriff des Vaters zu verhindern weiß: Sie bringt Clara und die Kinder in Marcs Wohnung unter. Und wie es sich für ein zu Herzen gehendes Märchen gehört, das passend zur Vorweihnachtszeit in unseren Kinos gestartet ist, kommen sich alle näher – und wie eine große Familie zusammen. Einschließlich des chaotischen Jeff, der als uniformierter Doorman im Winter Palace seine Bestimmung gefunden zu haben scheint...
In ihrem Eröffnungsfilm der 69. Berlinale zeigen die dänische Regisseurin Lone Scherfig („Italienisch für Anfänger“, „An Education“) und ihr Landsmann hinter der Kamera, Sebastian Blenkov, wie sich der harten Realität entlehnte ernste Geschichten mit einer geradezu verblüffenden Leichtigkeit erzählen lassen. Und das von einem internationalen Ensemble, das zur Höchstform aufläuft mit dem kalifornischen Kino- und Theater-Multitalent Zoe Kazan, deren Drama „After the Blast“ in New York reüssierte, mit der enorm wandlungsfähigen britischen Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin Andrea Riseborough, mit dem französischen „Cesar“-Preisträger Tahar Rahim („Ein Prophet“) und der texanischen Neuentdeckung Caleb Landry Jones, mit dem kanadischen Komödiant und Regisseur Jay Baruchel und dem grandios unterkühlten britischen Charakterdarsteller Bill Nighy.
„Kleine Wunder unter Fremden“, so der deutsche Untertitel, ist besinnlich, emotional und realistisch-sozialkritisch zugleich, ein Weihnachtsmärchen ohne Tannenbaum und Jingle Bells, das zu rechter Zeit an Nächstenliebe und Barmherzigkeit appelliert. Die 115 Minuten dieser Hommage an das multikulturelle New York vergehen wie im Fluge, weil Lone Scherfig und ihr Cutter Cam McLaughlin alle Handlungsfäden kunstvoll miteinander verwoben haben. Man achte nur auf den Büro-Drehstuhl, den ein ob seiner abermaligen Entlassung erzürnter Jeff zu Beginn aus dem Fenster wirft: Wie ein roter Faden zieht sich dieses ramponierte Möbelstück durch den ganzen Film. Die TV-Erstausstrahlung war am 25. April 2022 auf Arte.
Pitt Herrmann