Alles was kommt

Frankreich Deutschland 2015/2016 Spielfilm

Inhalt

Nathalie, Ende 50, ist Lehrerin für Philosophie an einem Pariser Lycée und sehr engagiert. Nebenbei publiziert sie in einem kleinen Verlag. Ihr Mann unterrichtet an der Universität. In ihrem intellektuell-bürgerlichen Haushalt sind die beiden erwachsenen Kinder ebenso gern zu Gast wie ihre Studenten. Um die Zukunft hat sich Nathalie in ihrem ausgefüllten Alltag bisher kaum Gedanken gemacht. Bis ein geballtes Zusammentreffen unvorhergesehener Ereignisse alles verändert. Mit einer plötzlichen Freiheit konfrontiert, die jedoch auch Einsamkeit mit sich bringt, muss Nathalie sich selbst und ihr Leben neu erfinden. Mit ihrem fünften Spielfilm verlässt Mia Hansen-Løve das Thema Jugend und reflektiert in einem intensiven, auch ironischen Frauenporträt über das beginnende Altern. Es geht um Fragen des Glücks, der Berufung, des Sinns oder Unsinns gefestigter Strukturen. Dabei zeigt der Film nicht nur die persönliche Suche nach neuen Wegen, sondern fragt auch, ob und wie Philosophie auf den Alltag angewandt werden kann.

Quelle: 66. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Nathalie, Ende 50, ist Lehrerin für Philosophie an einem Pariser Lycée und sehr engagiert. Früher in heißen Studentenzeiten gehörte sie sogar für eine gewisse Zeit den Kommunisten an. Nun ist sie in weitaus ruhigeren Gefilden, im intellektuellen bürgerlichen Milieu angekommen. Der Beruf ist für sie Berufung: in einem kleinen Verlag publiziert sie quasi nebenbei eine eigene Lehrbuchreihe. Nathalie ist seit 25 Jahren mit Heinz verheiratet, einem vergleichsweise ruhigen Gemütsmenschen. Der Kantianer und erklärte Karl-Kraus-Leser hat eine Professur für Philosophie an der Universität inne. In ihrem offenen Haus sind ihre beiden erwachsenen Kinder Chloé und Johann ebenso gern zu Gast wie ihre Schüler – aktuelle und ehemalige, die jetzt studieren.

Obwohl sich Johann nicht gänzlich im Scherz darüber beklagt, in den Augen seiner Mutter nicht so hoch angesehen zu sein wie ihr einstiger Lieblingsschüler Fabien, der gerade an seiner Philosophie-Doktorarbeit schreibt. Und auch Heinz so nebenbei eine Bemerkung fallen lässt, dass Fabien so etwas wie ein Ersatz-Sohn für Nathalie sei. Aber solche kleinen Sticheleien steckt sie als intellektuelles Geplänkel weg: Sie ist mit sich und ihrer Situation vollauf zufrieden und braucht sich ja schließlich auch keine Sorgen um ihre Zukunft zu machen – und finanzielle schon gar nicht.

Doch dann kommt es plötzlich ganz dicke. Von seinen Kindern vor die Wahl gestellt, es seiner Gattin selbst zu gestehen oder sie würden das übernehmen, eröffnet Heinz der völlig perplexen Nathalie, nicht nur seit geraumer Zeit eine wesentlich jüngere Geliebte zu haben, sondern diese nach der Scheidung auch heiraten zu wollen. Wenig später soll Nathalie einem kompletten Relaunch ihrer Buchreihe zuzustimmen: die äußere Gestaltung ihrer Bücher sei zu altbacken. Als Nathalie zu bedenken gibt, dass sie keine Bestseller schreibe, sondern wissenschaftliche Literatur, ist sie draußen: die Gesetze der Marktwirtschaft machen auch vor der Philosophie nicht halt.

Weil alle schlechten Dinge drei sind, ist es die Feuerwehr nach drei Fehlalarmen binnen einer Woche endgültig leid, von Nathalies exzentrischer Mutter Yvette belästigt zu werden. Es bleibt wohl keine andere Wahl, als sie ins Altersheim zu stecken. Was tun? Nathalie ist fest entschlossen, erhobenen Hauptes allen plötzlichen Widerständen ihres bisher so ruhig dahinplätschernden Lebens zu trotzen – und vor allem offen zu bleiben für alles, was kommt. Und jeden, der kommt. Der Doktorand Fabien ist der erste, der vorbeischaut, sie moralisch aufbaut – und in die Provinz auf einen Bauernhof einlädt. Zusammen mit Freunden wolle er dort eine Käserei betreiben und sich die Sache mit der Promotion noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Nachdem Nathalie nicht ohne Bitterkeit ein letztes Mal Urlaub im altvertrauten Ferienhaus in der Bretagne gemacht hat, in dessen Garten sie in all' den Jahren soviel investiert hat, ist sie bereit für Neues: „Totale Freiheit. Das habe ich noch nicht erlebt.“ Nathalie fährt zu den jungen Leuten um Fabien, die einen Bauernhof in den französischen Alpen bewirtschaften. Ein munteres deutsch-französisches Philosophiestudententreffen, freilich nur auf den ersten Blick. „Revolution? Ich will nur junge Leute dazu bringen, selber zu denken“: Vehement widersetzt sich Nathalie allen Vereinnahmungsversuchen der jungen Revolutionäre, die ganz anderes im Sinn haben als Käse herzustellen. Enttäuscht, ja entsetzt reist sie ab.

Ein Jahr später hat Chloé ein Kind geboren, Nathalie ist Großmutter. Ihr „Ex“ Heinz taucht zu Weihnachten auf, Schopenhauer im Gepäck und Geschenke für seine Kinder. Seine junge Frau ist derweil bei ihren Eltern in Spanien. Auch im wunderschönen Baumhaus von Vercors stellen sich philosophische Fragen, die sich nicht in Gänze beantworten lassen. Aber das Leben geht auch so weiter, selbst als Nathalie immer noch keinen „Neuen“ kennengelernt hat...

In ihrem fünften Spielfilm „Alles was kommt“ reflektiert die 1981 in Paris geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Mia Hansen-Løve über das beginnende Altern. In ihrem intensiven, aber auch ironischen Frauenporträt geht es um Fragen des individuellen Glücks, um Beruf und Berufung und den Sinn oder Unsinn gefestigter Strukturen. Isabelle Huppert verkörpert Nathalies Suche nach neuen Wegen subtil changierend zwischen Trotz und Traurigkeit, Stärke und Zerbrechlichkeit.

Auf einer zweiten Ebene, in der deutschen Synchronfassung jedoch kaum zu erahnen, geht es auch um philosophische Fragen und darum, inwieweit Philosophie auf den Alltag angewandt werden kann. Dabei spielen zum einen die Werke von Emmanuel Levinas (1906-1995) eine Rolle: Nathalie liest gerade „Schwierige Freiheit“, als Heinz verkündet, sich von ihr trennen zu wollen. Beim Auszug nimmt er alle ihre Bücher des französisch-litauischen Philosophen mit, wie sie im Nachhinein mit Entsetzen feststellt. Zum anderen wird in der Idylle des Alpenbauernhofes nichts Geringeres verhandelt als die politische Legitimation des in Deutschland nahezu unbekannten „Unabomber“-Attentates 2010 auf die französische Eisenbahn.

Schließlich gibt es, in Person des französischen Philosophen und Musikwissenschaftlers Vladimir Jankelevitch (1903-1985), noch eine Verbindung zur außergewöhnlichen Playlist des Films: Dietrich Fischer-Dieskau singt Lieder von Franz Schubert. Kurz nach der Trennung von ihrem Gatten hat Nathalie im (hierzulande bei Suhrkamp edierten) philosophischen Hauptwerk „Der Tod“ gelesen – und stellt es am Ende in einer Lesung vor. Es gibt also eine Menge zu entdecken in „Alles was kommt“, aber es reicht vollkommen, sich allein der großartig unspektakulären Isabelle Huppert zu widmen. Die den sinnlichen Bildern Dennis Lenoirs von den Bücherwänden im Haus des Philosophen-Paares, vom Meeresrauschen in der Bretagne, von Nathalies Foucault-Unterricht unter freiem Himmel im Park oder von den französischen Alpen nur mit einem Blick, einer kleinen Geste trotzt. Die Erstausstrahlung war am 19. November 2018 auf Arte.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
98 min
Format:
DCP, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 06.06.2016, 160201, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 13.02.2016, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 18.08.2016

Titel

  • Originaltitel (DE) Alles was kommt
  • Weiterer Titel (FR) L'avenir
  • Weiterer Titel Things to Come
  • Weiterer Titel Was kommt

Fassungen

Original

Länge:
98 min
Format:
DCP, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 06.06.2016, 160201, ohne Altersbeschränkung / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 13.02.2016, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 18.08.2016

Formatfassung

Länge:
100 min
Format:
35mm
Bild/Ton:
Farbe, Dolby

Auszeichnungen

FBW 2016
  • Prädikat: wertvoll
Berlinale 2016
  • Silberner Bär, Beste Regie