Summary
Things to Come
Nathalie is in her late fifties. A philosophy teacher at a Parisian grammar school, she loves her job. She also publishes her writing with a small publishing house. Her husband is a university lecturer. Their grown-up children love spending time in their middle-class intellectual home, as do their students. So far, Nathalie has not given much thought to the future in her busy routine – but then an accumulation of unexpected events changes everything. Confronted with sudden freedom, which nonetheless brings loneliness, Nathalie is obliged to reinvent both herself and her life. Mia Hansen-Løve's fifth feature marks a departure from the topic of youth; instead she has chosen to explore the onset of age in a powerful yet also ironic portrait of a woman. The film revolves around questions of happiness, of having a vocation and the value or folly of established ways of living. It depicts not only one individual's search for new avenues, it also asks if – and to what extent – philosophy can be applied to our everyday life.
Source: 66. Internationale Filmfestspiele Berlin (Catalogue)
Comments
You have seen this movie? We are looking forward to your comment!
Login or register now to write a comment.
Obwohl sich Johann nicht gänzlich im Scherz darüber beklagt, in den Augen seiner Mutter nicht so hoch angesehen zu sein wie ihr einstiger Lieblingsschüler Fabien, der gerade an seiner Philosophie-Doktorarbeit schreibt. Und auch Heinz so nebenbei eine Bemerkung fallen lässt, dass Fabien so etwas wie ein Ersatz-Sohn für Nathalie sei. Aber solche kleinen Sticheleien steckt sie als intellektuelles Geplänkel weg: Sie ist mit sich und ihrer Situation vollauf zufrieden und braucht sich ja schließlich auch keine Sorgen um ihre Zukunft zu machen – und finanzielle schon gar nicht.
Doch dann kommt es plötzlich ganz dicke. Von seinen Kindern vor die Wahl gestellt, es seiner Gattin selbst zu gestehen oder sie würden das übernehmen, eröffnet Heinz der völlig perplexen Nathalie, nicht nur seit geraumer Zeit eine wesentlich jüngere Geliebte zu haben, sondern diese nach der Scheidung auch heiraten zu wollen. Wenig später soll Nathalie einem kompletten Relaunch ihrer Buchreihe zuzustimmen: die äußere Gestaltung ihrer Bücher sei zu altbacken. Als Nathalie zu bedenken gibt, dass sie keine Bestseller schreibe, sondern wissenschaftliche Literatur, ist sie draußen: die Gesetze der Marktwirtschaft machen auch vor der Philosophie nicht halt.
Weil alle schlechten Dinge drei sind, ist es die Feuerwehr nach drei Fehlalarmen binnen einer Woche endgültig leid, von Nathalies exzentrischer Mutter Yvette belästigt zu werden. Es bleibt wohl keine andere Wahl, als sie ins Altersheim zu stecken. Was tun? Nathalie ist fest entschlossen, erhobenen Hauptes allen plötzlichen Widerständen ihres bisher so ruhig dahinplätschernden Lebens zu trotzen – und vor allem offen zu bleiben für alles, was kommt. Und jeden, der kommt. Der Doktorand Fabien ist der erste, der vorbeischaut, sie moralisch aufbaut – und in die Provinz auf einen Bauernhof einlädt. Zusammen mit Freunden wolle er dort eine Käserei betreiben und sich die Sache mit der Promotion noch einmal durch den Kopf gehen lassen.
Nachdem Nathalie nicht ohne Bitterkeit ein letztes Mal Urlaub im altvertrauten Ferienhaus in der Bretagne gemacht hat, in dessen Garten sie in all' den Jahren soviel investiert hat, ist sie bereit für Neues: „Totale Freiheit. Das habe ich noch nicht erlebt.“ Nathalie fährt zu den jungen Leuten um Fabien, die einen Bauernhof in den französischen Alpen bewirtschaften. Ein munteres deutsch-französisches Philosophiestudententreffen, freilich nur auf den ersten Blick. „Revolution? Ich will nur junge Leute dazu bringen, selber zu denken“: Vehement widersetzt sich Nathalie allen Vereinnahmungsversuchen der jungen Revolutionäre, die ganz anderes im Sinn haben als Käse herzustellen. Enttäuscht, ja entsetzt reist sie ab.
Ein Jahr später hat Chloé ein Kind geboren, Nathalie ist Großmutter. Ihr „Ex“ Heinz taucht zu Weihnachten auf, Schopenhauer im Gepäck und Geschenke für seine Kinder. Seine junge Frau ist derweil bei ihren Eltern in Spanien. Auch im wunderschönen Baumhaus von Vercors stellen sich philosophische Fragen, die sich nicht in Gänze beantworten lassen. Aber das Leben geht auch so weiter, selbst als Nathalie immer noch keinen „Neuen“ kennengelernt hat...
In ihrem fünften Spielfilm „Alles was kommt“ reflektiert die 1981 in Paris geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Mia Hansen-Løve über das beginnende Altern. In ihrem intensiven, aber auch ironischen Frauenporträt geht es um Fragen des individuellen Glücks, um Beruf und Berufung und den Sinn oder Unsinn gefestigter Strukturen. Isabelle Huppert verkörpert Nathalies Suche nach neuen Wegen subtil changierend zwischen Trotz und Traurigkeit, Stärke und Zerbrechlichkeit.
Auf einer zweiten Ebene, in der deutschen Synchronfassung jedoch kaum zu erahnen, geht es auch um philosophische Fragen und darum, inwieweit Philosophie auf den Alltag angewandt werden kann. Dabei spielen zum einen die Werke von Emmanuel Levinas (1906-1995) eine Rolle: Nathalie liest gerade „Schwierige Freiheit“, als Heinz verkündet, sich von ihr trennen zu wollen. Beim Auszug nimmt er alle ihre Bücher des französisch-litauischen Philosophen mit, wie sie im Nachhinein mit Entsetzen feststellt. Zum anderen wird in der Idylle des Alpenbauernhofes nichts Geringeres verhandelt als die politische Legitimation des in Deutschland nahezu unbekannten „Unabomber“-Attentates 2010 auf die französische Eisenbahn.
Schließlich gibt es, in Person des französischen Philosophen und Musikwissenschaftlers Vladimir Jankelevitch (1903-1985), noch eine Verbindung zur außergewöhnlichen Playlist des Films: Dietrich Fischer-Dieskau singt Lieder von Franz Schubert. Kurz nach der Trennung von ihrem Gatten hat Nathalie im (hierzulande bei Suhrkamp edierten) philosophischen Hauptwerk „Der Tod“ gelesen – und stellt es am Ende in einer Lesung vor. Es gibt also eine Menge zu entdecken in „Alles was kommt“, aber es reicht vollkommen, sich allein der großartig unspektakulären Isabelle Huppert zu widmen. Die den sinnlichen Bildern Dennis Lenoirs von den Bücherwänden im Haus des Philosophen-Paares, vom Meeresrauschen in der Bretagne, von Nathalies Foucault-Unterricht unter freiem Himmel im Park oder von den französischen Alpen nur mit einem Blick, einer kleinen Geste trotzt. Die Erstausstrahlung war am 19. November 2018 auf Arte.
Pitt Herrmann