Bernd Eichinger

Bernd Eichinger

Darsteller, Regie, Drehbuch, Produzent, Produktionsleitung
*11.04.1949 Neuburg an der Donau; †24.01.2011 Los Angeles, Kalifornien, USA

"Hitler ist greifbarer geworden"



Marian Blasberg/Jörg Hunke, Frankfurter Rundschau, 11.09.2004


Herr Eichinger, Sie kamen kurz nach dem Krieg zur Welt. Haben Sie daheim noch oft den Satz gehört: "Wenn das der Führer wüsste"?


Nein. Mein Vater war kein Nazi. Der war im Zweiten Weltkrieg Arzt, ziemlich jung. Er hat den Krieg an der Front erlebt und dort vier Jahre lang die Leute zusammengeflickt.


Haben Sie mit ihm darüber sprechen können?


Als Junge nie. Erst mit 80 hat er langsam angefangen, sich zu öffnen. Anders meine Mutter, die ab und zu politisierte, aber sich richtig auseinandersetzen, das ging auch mit ihr nicht.


War Hitler in der Schule ein Thema?


Da ist das kaum behandelt worden. Ich kann mich noch erinnern, dass wir ewig und drei Tage über die Weimarer Republik geredet haben. Mich hat das völlig verwirrt, weil die Regierungen zum Teil ja wochenweise gewechselt haben. Wirklich eingestiegen in die Nazi-Thematik bin ich erst später, Ende der 60er Jahre, als die ganze Generation über Moral und solche Dinge stritt. Da hat’s dann auch bei uns daheim gerappelt, obwohl ich keiner war, der mit Pflastersteinen geworfen hat.


Sie haben einfach mitgemacht?


Als Spätpubertierender, klar, es war ja anfangs auch eine recht muntere Revolte, witzig und sehr sexy. Aber dann hat es sich doch immer mehr zu einer quälenden Diskussion entwickelt, ziemlich militant und stalinistisch. Ich hab schon damals nicht verstanden, dass ausgerechnet meine Generation schon wieder daran glaubte, dass Kuba oder auch die Sowjetunion Systeme wären, in denen es sich zu leben lohnt. Allein Maos Personenkult, das ganze Gesinge, die Kunst, es waren dieselben Rituale, wie sie die Nazis aufgeführt haben, dieselben Gesten, alles nur ein bisschen graziler. Ich hab mich schnell von diesen Dingen distanziert.

Geblieben ist das Interesse für die Nazi-Zeit. Es heißt, Sie hätten 250 Bücher über Hitler gelesen. In den 70ern haben Sie mit Hans Syberberg schon einen Hitler-Film gedreht. Was fasziniert Sie an dem Mann?


Eine ganze Menge, wobei fasziniert nicht heißt, dass ich es mag. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Einmal kommt von Rundstedt in den Bunker und sagt zu Hitler, wir können den Krieg nicht weiterführen, es ist sinnlos, wir haben kein Benzin mehr. Und Rundstedt war nun wirklich kein kleines Kaliber, der war General, aber eine halbe Stunde später kommt er wieder raus und sagt, Leute, alles klar, wir brauchen kein Benzin, wir werden den Krieg auch so gewinnen. Hitler hat ihn verführt, er hat ihn für sich eingenommen.


Wie erklären Sie sich, dass er das konnte?


Das kann man nie wissen, das haben Leute einfach. Oder sie haben es nicht.


Charisma?


Sicher. Hitler hatte ein großes Talent, die Leute für seine Ideen zu motivieren.


Sehen Sie in ihm einen Helden seiner Zeit?


Ich denke, er war damals das, was man heute einen Popstar nennen würde.


Bitte was?


Na ja, diese Verehrung, die ihm entgegenschlug, diese Mischung aus Religion und Sex, die Frauen, die sich ihm schreiend entgegengeschmissen haben, die tränenüberströmten Gesichter, das können sie heute nur noch als Popstar haben. In den Augen der Leute war Hitler ja ein Halbgott. 1929 war alles zusammengebrochen, die Wirtschaft, das ganze Vertrauen in die Republik, aber dann kam Hitler, und jeder bekam einen Job, jeder hatte was zu essen, eine unglaubliche Erfolgsbilanz in den ersten Jahren.


Wer war er für Sie?


Zunächst mal war er ein Mann mit einer unwahrscheinlichen Energie. Er hielt ja teilweise sieben, acht Reden am Tag und das über Jahre hinweg. Ich meine, wenn ich hier so eine Rundreise mache und mit Journalisten rede, dann ist das nichts dagegen. Aber natürlich war er ein Barbar. Nicht mal die Hunnen besaßen diese zerstörerische Energie. Die wollten Beute machen und dann weiter, und wenn sie dabei jemanden umgebracht haben, dann ist das halt passiert. Aber systematisch eine Rasse auszurotten, weil sie die Erbmasse vergiftet, wie Hitler es nannte, das hat es in der Geschichte nirgends sonst gegeben.


Hat sich Ihr Hitler-Bild während der Arbeit am Film verändert?


Ich würde sagen, es ist greifbarer geworden. Sie können noch so viel über ihn wissen, es ist etwas anderes, wenn Sie in ihn hinein müssen, um ihn sprechen zu lassen. Das kann durchaus makaber sein.


Sie meinen, ihn als weichen, nachsichtigen Menschen zu zeigen.


Nehmen Sie nur die erste Szene, das Casting der Sekretärinnen. Ich konnte mir das prächtig vorstellen, wie diese Mädchen in der Nacht da antreten, wie sie aufgeregt sind und sich fragen, wie schaut der jetzt wohl aus. Das deckt sich ja mit der Neugierde des Zuschauers, der denkt, gleich kommt er, na? Und wie Hitler dann halt ist: Er bedankt sich für ihr Kommen, sagt was Nettes. Aber du musst auf der Hut sein, wenn du so was schreibst. Immerhin ist es ja Hitler, und wenn der was macht, dann wirkt das unter Umständen sofort grotesk. Er ist ja jemand, den man durch Bilder und Tausende von Metern Film ziemlich genau kennt.

Und dann kommt Bruno Ganz, und man denkt, ohne ihn wäre der Film nie entstanden.


Die Chance wäre ziemlich groß gewesen, in der Tat, ich sehe das im Nachhinein auch immer klarer. Bei einem jüngeren Hitler hätte es wohl eine größere Auswahl gegeben, aber diesen Hitler, der verfallen ist, der mit seinen 56 Jahren ausschaut wie ein Greis, ich glaube, uns wären die Ideen ausgegangen.


Sie hätten jemanden aus Hollywood nehmen können.


Ich wollte einen deutschen Film machen mit deutschen Schauspielern.


Ganz ist Schweizer.


Aber deutschsprachig.


Warum war Ihnen das so wichtig?


Ich denke, manche Themen sind so spezifisch, dass eine Nation selbst in der Lage sein muss, diese künstlerisch zu formulieren. Das Empfinden der Deutschen ist ja ein völlig anderes, als das der Amerikaner, die sich als Befreier fühlen. Vergleichen Sie es mit dem Vietnam-Krieg, eine Sache, mit der sich amerikanische Künstler viel eher auseinandersetzen müssen als zum Beispiel deutsche.

Passt Ihr Film in diese Zeit?


Keine Ahnung.


Warum haben Sie ihn dann gemacht?

Mir kam die Idee, als ich im "Spiegel" den Vorabdruck von Joachim Fests "Der Untergang" las. Wie er die letzten Tage im Bunker beschreibt, das schien mir ein konkreter Ansatz, ich dachte, das kann man dramaturgisch in den Griff bekommen. Und fast zeitgleich kam dann ja noch die Biografie von Hitlers Sekretärin Traudl Junge, in der ich eine Hauptfigur fürs Ganze fand.

Welche Rolle spielt es, dass die letzte Zeitzeugen-Generation bald sterben wird?


Keine besondere, von denen hat den Film bisher auch niemand gesehen. Viel interessanter ist, dass wir jetzt so alt sind wie die Nazi-Spitze damals war.


Was meinen Sie?

Ich meine den Generationswechsel. Nach `45 waren die Menschen traumatisiert, sie fühlten sich erschöpft, mitschuldig an dem, was da geschehen war, und wenn sie später einen Blick auf Hitler oder Goebbels geworfen haben, dann haben sie mit dem riesigen Fernglas in die Vergangenheit geschaut. Die Geschichte wurde dann rekonstruiert, in Büchern und Dokumentarfilmen, sie wurde kommentiert. Es gab da eine Hemmschwelle, die Protagonisten des NS-Regimes als Protagonisten eines Spielfilms vor die Kamera zu holen.

Und die überwinden Sie nun?


Das war jedenfalls meine Absicht. Zu zeigen, dass es eben keine Maschinen waren, sondern Menschen mit einem dreidimensionalen Charakter, mit Zweifeln und Gefühlen, Menschen, die man in Momenten vielleicht sogar sympathisch finden kann.


Viele werfen Ihnen nun vor, Sie würden das Böse relativieren.

Ich dämonisiere es nur nicht. Ich gebe ihm ein Gesicht und zeige, wie erschreckend normal es ist, seinen Hund zu streicheln und gleichzeitig Befehle zu geben, die Hunderttausende das Leben kosten.

Haben Sie da Mitleid mit dem Mann gehabt?


Ganz bestimmt nicht, aber an bestimmten Stellen dieses Films kann man durchaus so was wie Mitgefühl empfinden. Das soll sogar so sein, wie wollten die Zuschauer die handelnden Figuren sonst verstehen? Anders als der Dokumentarfilm funktioniert der Spielfilm ja über die Identifikation. Er lässt die Zuschauer an der Geschichte teilhaben, das heißt, sie können sich nicht mehr einfach nur zurücklehnen. Sie werden von diesen Menschen sehr unmittelbar berührt und müssen sich mit ihnen auseinandersetzen, und das ist wichtig, weil Geschichte doch vor allem etwas ist, das Menschen passiert, und wer diese Menschen nicht versteht, der versteht die Geschichte nicht.

Sie haben mal gesagt, es komme darauf an, sich selbst ein Bild zu machen.


Eine ganz wichtige Message für mich. Wer sich nicht von irgendwelchen Ideologien einfangen lassen will, muss sich seine eigene Meinung bilden. Und auch, wenn die sich später als falsch herausstellen sollte, ist das noch immer besser, als wenn andere über einen bestimmen. Nehmen Sie nur diese ganze Irak-Geschichte. Ich finde es bedenklich, mit welcher Schlaffheit die Leute es hinnehmen, von Blair und Bush so an der Nase herumgeführt zu werden.


Herr Eichinger, ist dieser Film Ihr Lebenswerk?


Er ist schon eine große Sache für mich. Er schließt ein Kapital ab, mit dem ich mich sehr lange beschäftigt habe.


Was kann danach noch kommen?


Andere Filme.


Das geht noch?

Klar.

© Marian Blasberg/Jörg Hunke

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