Baader

Deutschland 2001/2002 Spielfilm

Inhalt

Christopher Roths Film über Andreas Baader, der in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 als führendes RAF-Mitglied zusammen mit Jan Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Untersuchungsgefängnis Stuttgart-Stammheim ums Leben kam, erzählt sehr frei die Geschichte eines bundesrepublikanischen Outlaws.

Grobkörnige Nahaufnahmen, Baaders Gesicht im Halbschatten, Zigarette im Mundwinkel, Zeitlupe, Formatwechsel, Zeitsprünge in der Erzählung, Collagen mit Dokumentaraufnahmen zu Songs von Can oder Trans Am – so entwirft sich eine Geschichte zu Andreas Baader zwischen 1967 und 1972. Die Schwerpunkte seines Lebenswegs zeigen Autodiebstähle, Drogen, Baaders führende Teilnahme am Widerstand der RAF und seine Beziehung zu Gudrun Ensslin sowie zu Ulrike Meinhof. Zu der spekulativen Filmerzählung erklärt Regisseur Roth: "Ein Dokudrama oder ein Dokumentarfilm ist es auf keinen Fall. Der Film fiktionalisiert bewusst und endet ja auch mit einer relativ dreisten Lüge, um zu sagen: Das ist Fiktion. "

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Andreas Baader will sich stellen“ lautet die Titel-Schlagzeile der „Bild“-Zeitung. Wir schreiben das Jahr 1972. Der frühere Nürnberger Polizeipräsident Kurt Krone ist zum Chef des Wiesbadener Bundeskriminalamtes ernannt worden, das er zu einem modernen, computergestützten Informationszentrum für die Polizeibehörden aller Bundesländer ausbaut. Er hat die Fake-News initiiert, um eine Reaktion der sich nun „Rote Armee Fraktion (RAF)“ nennenden Baader-Meinhof-Bande hervorzurufen. Mit Erfolg: Andreas Baader autorisiert ein Schreiben mit seinem Fingerabdruck, in dem es heißt: „Verhaftet oder tot. Der Kampf hat erst begonnen.“

Rückblick, fünf Jahre zuvor. Der Kleinkriminelle Baader, in München des Autodiebstahls überführt, bekommt drei Monate Zuchthaus aufgebrummt. Im Fernsehraum verfolgt er die Ereignisse um den Schah-Besuch in West-Berlin. Nachdem der Student Benno Ohnesorg erschossen wird, radikalisiert sich die Protestbewegung. Mittendrin Gudrun Ensslin, die ihm sogleich ins Auge sticht. Als er wieder draußen ist, schließt er sich der Berliner Gruppe an und wird rasch ihr Anführer: „Es muss, verdammt noch mal, was auf die Fresse geben.“

Im Kino sehen sich Baader und die Pfarrerstochter Ensslin („Alle zehn Gebote müssen für die Freiheit gebrochen werden“) Klaus Lemkes Aussteigerfilm „48 Stunden bis Acapulco“ an, in dem sich Dieter Geissler als amerikanischer Gangster stilisiert an der Seite der von Monika Zinnenberg verkörperten Fabrikantentochter: Ein klarer Verweis darauf, wie Christoph Roth in seinem Spielfilm, der bewusst mit Realität und Fiktion hantiert wie ein Jongleur, das deutsche Bonny & Clyde-Paar sieht.

Nach Brandanschlägen auf Kaufhäuser, von denen sich selbst der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) distanziert, sorgt das Attentat auf Rudi Dutschke für neuen Schwung: Die „Konkret“-Journalistin Ulrike Meinhof zeigt sich bei einer Gerichtsverhandlung fasziniert von den selbsternannten Revolutionären und gewährt Baader und Ensslin Unterschlupf in ihrer Berliner Wohnung. Als Ersterer bei einer Routinekontrolle der Polizei erneut verhaftet wird, bereitet sie eine Befreiungsaktion im Berliner Institut für Sozialforschung vor und geht anschließend selbst in den Untergrund.

Die weiteren Aktionen der „Stadtguerillas“ vom Trainingslager in Jordanien, wo der Kommandeur Achmed (Hadj Belhecene) von Baaders Macho-Attitüden nicht begeistert ist, über Anschläge, Banküberfälle und Bombenattentate bis hin zu den Planungen zur Entführung der drei westlichen Berliner Stadtkommandanten gehen mit Rückschlägen einher: Kurt Wagner, Karl Rossmann und Inga Schellmann werden verhaftet, die 20-jährige Studentin Karin Rubner wird bei einer Verkehrskontrolle für Ulrike Meinhof gehalten und erschossen. Dabei hatte sie Baaders „Fascho-Gerede“ längst leid und wollte zu ihren Eltern nach Süddeutschland zurückkehren.

Zurück zum Anfang. Der neue BKA-Chef Krone zieht neue Saiten auf, begibt sich persönlich auf Baader-Jagd und trifft sich, eine der zahlreichen hanebüchenen Erfindungen des Autoren-Duos, mit dem Gesuchten unweit von Frankfurt zum Plausch bei einer Zigarette. Nach einer konzertierten Anschlagserie Mitte Mai 1972 quer durch die Republik, einer einzigartigen Machtdemonstration der RAF, die von internationaler Terror-Unterstützung träumt, kommt es vor einer vom Geheimdienst seit längerem observierten Garage zum blutigen Showdown…

Christopher Roths Film über Andreas Baader, der sich in Wirklichkeit nach der hier unterschlagenen Geiselbefreiung auf dem Flugplatz der somalischen Hauptstadt Mogadischu durch ein GSG-9-Kommando in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 zusammen mit Jan Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Untersuchungsgefängnis Stuttgart-Stammheim das Leben nahm, ist das sehr spekulative Porträt einer höchst unangenehmen Figur der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Der vom leider viel zu früh verstorbenen Frank Giering mit finsteren Blicken verkörperter Macho, der die Kippe im Mundwinkel ebenso für seine Selbstdarstellung benötigt wie seine mit dümmsten Sprüchen (Ulrike Meinhof als „bürgerliche Maulfotze“) garnierte Verachtung der Intellektuellen, imitiert im Grunde genommen nur amerikanische Filmhelden zur Musik der US-Synthie-Rockband Trans Am und der Kölner Avantgarde-Gruppe Can.

Christopher Roths Film ist nicht nur frei von psychologischen, soziologischen oder sonstigen Erklärungsversuchen, sondern auch von Pathos. Der Regisseur gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“: „Den Sprung von Ulrike Meinhof aus dem Fenster - bei der Gefangenenbefreiung im Institut für Sozialforschung - zur 'Geburtsstunde der RAF' zu erklären, das fand ich immer ein bisschen eigenartig, das hat etwas wahnsinnig Pathetisches. Bei den Dreharbeiten haben wir mit Birge Schade, die Ulrike Meinhof spielt, besprochen, sie soll einfach so dreinschauen, als würde sie überlegen, ob sie schon Milch eingekauft hätte“.

In der jüngst restaurierten und digitalisierten, nunmehr 129-minütigen Fassung kehrt „Baader“ am 16. Mai 2024 in der „Zeitlos“-Filmreihe von Rapid Eye Movies bundesweit in die Kinos zurück.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Kamera-Assistenz

Schnitt-Assistenz

Ton-Design

Musik Sonstiges

Darsteller

in Zusammenarbeit mit

Co-Produzent

Produktionsleitung

Aufnahmeleitung

Dreharbeiten

    • 01.02.2001 - 30.04.2001: Berlin und Umgebung, Umgebung von Barcelona, Almeria
Länge:
3138 m, 115 min
Format:
16mm - Blow-Up 35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Eastmancolor, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.07.2002, 91248, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 15.02.2002, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 17.10.2002;
TV-Erstsendung: 01.11.2006, ARD

Titel

  • Originaltitel (DE) Baader

Fassungen

Original

Länge:
3138 m, 115 min
Format:
16mm - Blow-Up 35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Eastmancolor, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.07.2002, 91248, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 15.02.2002, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 17.10.2002;
TV-Erstsendung: 01.11.2006, ARD

Digitalisierte Fassung

Länge:
109 min
Format:
DCP, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, 5.1
Aufführung:

Aufführung (DE): 16.05.2024 [Wiederaufführung]

Auszeichnungen

IFF Berlin 2002
  • Alfred-Bauer-Preis