Biografie
Ruth Beckermann wurde 1952 in Wien, Österreich, geboren. Sie studierte Publizistik und Kunstgeschichte in Wien und Tel Aviv sowie Fotografie an der School of Visual Arts in New York. Während des Studiums arbeitete sie als Journalistin für Zeitschriften in Österreich und der Schweiz, unter anderem als Redakteurin für die Magazine "Die Weltwoche" und "Trend". 1977 promovierte sie in Wien zum Dr. phil. Im gleichen Jahr realisierte sie ihren ersten Dokumentarfilm: "Arena besetzt", über die Besetzung des ehemaligen Wiener Schlachthofs "Arena".
1978 gründete Beckermann gemeinsam mit Josef Aichholzer und Franz Grafl in Wien den Filmverleih "Filmladen", bei dem sie bis 1985 tätig war. Parallel dazu realisierte sie mit "Auf amoi a Streik" (1978) und "Der Hammer steht auf der Wiese da draußen" (1981) zwei Kurz-Dokumentarfilme zum Thema Arbeit und Streik.
1983 begann sie mit "Wien retour" eine Filmtrilogie über jüdische Identität im Kontext verschiedener Kulturen, die sie mit "Die papierene Brücke" (1987) und "Nach Jerusalem" (1990) vervollständigte. Für "Wien retour" erhielt sie den Österreichischen Förderungspreis für Filmkunst, für "Die papierene Brücke" den Österreichischen Würdigungspreis für Film (heute: Österreichischer Kunstpreis für Film).
Für "Jenseits des Krieges" (1996), in dem ehemalige Wehrmacht-Soldaten vor dem Hintergrund der Wiener Ausstellung "Vernichtungskrieg" über ihre Erlebnisse abseits der Schlachtfelder erzählen, wurde sie bei der Viennale mit dem Wiener Filmpreis und beim Festival Cinéma du réel (Paris) mit dem Grand Prix ausgezeichnet. In "Ein flüchtiger Zug nach dem Orient" (1999) zeichnete Beckermann ein vielschichtiges Porträt von Elisabeth, Kaiserin von Österreich; in "Homemad(e)" (2001) porträtierte sie vor dem Hintergrund eines politischen Stimmungswandels in Österreich verschiedene Wiener Persönlichkeiten, darunter einen alteingesessenen jüdischen Textilhändler und einen iranischen Hotelier.
Im Jahr 2000 gehörte Ruth Beckermann zu den Gründer*innen der Interessensgemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilmer; bis 2008 fungierte sie dort als Obfrau. Neben der praktischen Filmarbeit lehrte sie im Lauf der Jahrzehnte an Universitäten in Wien, Salzburg und Chicago.
Im Forum der Berlinale 2016 stellte Beckermann den experimentellen Spielfilm "Die Geträumten" vor, in dem ein junger Mann (Laurence Rupp) und eine junge Frau (Anja Plaschg) aus den Liebesbriefen zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vorlesen. Beim Grazer Festival Diagonale 2016 wurde er als Bester Spielfilm ausgezeichnet; weitere Festivalauszeichnungen folgten, darunter der Regiepreis beim Bildrausch Filmfest Basel.
Ebenfalls im Forum der Berlinale feierte im Februar 2018 "Waldheims Walzer" Premiere, über die Affäre um die NS-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. In Berlin wurde der Film mit dem Glashütte-Original-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet; bei der Diagonale und beim Österreichischen Filmpreis 2019 erhielt er die Auszeichnungen als Bester Dokumentarfilm.
In der Berlinale-Sektion Encounters feierte 2022 der Dokumentarfilm "Mutzenbacher" Weltpremiere, in dem Beckermann 100 Männer im Rahmen einer realen Castingsituation mit Textpassagen aus dem erotischen Roman "Josefine Mutzenbacher" konfrontiert und dazu befragt. Der Film erhielt den Encounters Award. Ebenfalls in dieser Sektion wurde zwei Jahre später "Favoriten" gezeigt, für den Beckermann über drei Jahre hinweg eine Grundschulklasse an einer Wiener Brennpunktschule begleitete. Beim Hong Kong International Film Festival und beim Österreichischen Filmpreis erhielt "Favoriten" die Preise als Bester Dokumentarfilm.
Als Produzentin konnte Beckermann mit "Perla" (AT/SK 2025) einen großen Erfolg verzeichnen: Bei der Viennale 2025 erhielt die intensive Mutter-Tocher-Geschichte den Wiener Filmpreis, bei der Diagonale in Graz unter anderem den Publikumspreis, beim Österreichischen Filmpreis 2026 insgesamt acht Auszeichnungen, darunter der Preis für den Besten Spielfilm.
Als Special Presentation lief auf der Berlinale 2026 Beckermanns Dokumentarfilm "Wax & Gold", in dem sie der Historie eines symbolträchtigen Grandhotels in Addis Abebba nachforscht, das einst vom äthiopischen Kaiser Haile Selassie eröffnet wurde. Ebenfalls 2026 wurde sie mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis des Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms und der Film- und Medienstiftung NRW ausgezeichnet.