Das Leben der Anderen

Deutschland 2004/2005 Spielfilm

Das Leben der Anderen


Alexandra Wach, film-dienst Nr. 6, 14.03.2006

Endlich ein Debüt, das sich nicht in einer Chronik der eigenen Generationsbefindlichkeiten erschöpft, sondern mit großer Präzision in den an Dramen überquellenden Fundus der deutschen Nachkriegsgeschichte greift, ohne Angst vor großen Gefühlen und einem Thriller-Plot, der das Gesehene ganz nah heranrückt und nicht durch komödiantische Zuspitzungen auf Distanz hält. Es ist das große Verdienst des herausragenden Debüts von Florian Henckel von Donnersmarck, dass er den Unrechtsstaat DDR nicht mit den Mitteln der Groteske der Lächerlichkeit preisgibt und wie einen längst vergangenen surrealen Albtraum ad acta legt. Die Ernsthaftigkeit, mit der von Donnersmarck die Kontrollmechanismen des Stasi-Überwachungsstaats beleuchtet, war wohl der Grund dafür, dass er bei seinem ersten Langfilm ein ganzes Ensemble renommierter deutscher Schauspieler – von Ulrich Mühe über Sebastian Koch und Martina Gedeck bis zu Ulrich Tukur – für das Projekt gewinnen konnte, für das er fünf Jahre lang recherchierte.

Der Regisseur, Jahrgang 1973, ist nach einem Regie-Studium an der HFF München seit 1998 durch eine Reihe preisgekrönter Kurzfilme aufgefallen. Zuvor studierte er in Leningrad Russisch und anschließend in Oxford Politik, Philosophie und Volkswirtschaftslehre. Eine Biografie, die auf Vielfachbegabung schließen lässt und sich in der Genauigkeit spiegelt, mit der von Donnersmarck die Konturen seiner gegensätzlichen Milieus, die intellektuellen Künstlerzirkel vom Prenzlauer Berg und der kleinbürgerliche Sicherheitsapparat des in Agonie liegenden Arbeiter- und Bauerstaats, wie unter einem Brennglas einfängt.

Der von Ulrich Mühe mit zurückhaltenden Gesten und einer grandiosen Unscheinbarkeit verkörperte Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler lässt sich als Reverenz an einen anderen Abhörspezialisten der Kinogeschichte lesen. Gene Hackman übte seinen Spitzel-Beruf in Coppolas Meisterwerk „Der Dialog“ (fd 19 008) mit einer ebenso ambivalenten Faszination fürs Privatleben seiner Opfer aus, bis er unter dem Eindruck eines Mordkomplotts sein Gewissen entdeckte und das eigene Leben aufs Spiel setzte. Eine ähnlich ausgefeilte Charakterstudie gelingt auch von Donnersmarck, wenn er Ulrich Mühe erst als einen zwar privat vereinsamten Asketen, dafür umso servileren, ideologisch zuverlässigen Staatsdiener einführt, der eine besondere Freude daran findet, seine sadistischen Verhörmethoden an die Studenten der Staatssicherheits-Hochschule weiterzugeben.

Der Schauplatz ist Ost-Berlin Mitte der 1980er-Jahre, Gorbatschows „Glasnost“-Politik beherrscht die DDR-Medien, die unantastbaren Stasi-Genossen führen längst ihre privaten Kreuzzüge. Ein mächtiger, in die gefeierte Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland verliebter Minister, der seinen Rivalen hinter Gitter bringen möchte, setzt Wiesler auf den Dramatiker Georg Dreymann an. In einem „operativen Vorgang“ soll er die Loyalität des mit kritischen Statements geizenden Staatsdichters prüfen. Obwohl ihm und seinem von Ulrich Tukur brillant verkörperten, gnadenlos opportunistisch agierenden Vorgesetzen ein Karrieresprung winkt, wendet Wiesler das übliche Prozedere an: Die Wohnung des Künstlerpaars wird verwanzt, Nachbarn werden mit Drohungen mundtot gemacht, auf dem Dachboden wird ein provisorisches Abhörstudio eingerichtet. Banalste bis intimste Gespräche finden von nun an Einzug in die von Aktenzeichen HGW XX/7 penibel geführten Abhörprotokolle, bis zu Hinweisen auf den Verlauf des „vermutlichen Geschlechtsverkehrs“.

Je länger Wiesler durch Kopfhörer wie mit einer Nabelschnur verbunden an dem Leben seiner Studienobjekte teilnimmt, desto mehr gerät sein Gefühlshaushalt aus dem Ruder. Der akustische Voyeur, der ein Glaubender ist und kein Mitläufer, zeigt sich hin und her gerissen zwischen Neid auf das private Glück des Paars, Respekt gegenüber ihren Gewissenskonflikten und Mitgefühl, wenn nicht Liebe für Christa-Maria Sieland, die durch die brutalen Nachstellungen des besitzergreifenden Ministers in eine psychische Krise stürzt und nach dem Verrat ihres Lebensgefährten, der mit Hilfe eines „Spiegel“-Redakteurs regimekritische Artikel in den Westen schmuggelt, in den Selbstmord getrieben wird.

Wieslers Glaube an das System gerät zunehmend ins Wanken, und sein bis dahin fast einem Roboter gleichendes Gesicht verrät eine lang verschüttete Menschlichkeit, die den Einzelgänger zu einer tragischen Figur macht. Wie er sich allmählich zum heimlichen Komplizen wandelt, der Protokolle fälscht und wie ein Schutzengel belastende Beweise aus dem Weg räumt, ist dicht, packend und mit großem Gespür für Spannungsdramaturgie erzählt. Überraschende Kamerawinkel und der Verzicht auf die inzwischen inflationär eingesetzte Realismus-Ästhetik verleihen dem klaustrophobischen, angstdurchsetzten Geschehen eine stimmige Optik, die durch den Einsatz einer ausgebleichten, dunklen Farbskala die repressive Atmosphäre körperlich spürbar macht. Wie überhaupt der Look und Geist der späten DDR erschreckend authentisch zu neuem Leben erwachen, ohne den Einsatz üblicher Beweisstücke von Trabi bis zu Ost-Kulinaria nötig zu haben.

Zum Schluss wühlt sich Sebastian Koch durch Berge von Stasi-Akten und entdeckt ungläubig das ganze Ausmaß der Verletzungen und Verstrickungen, die seine und die Lebensläufe anderer erfahren haben. Die Bandbreite dieser komplexen Geschichten ist längst noch nicht erschöpfend erzählt, und es mutet hoffnungsvoll an, dass sich ein junger, westdeutscher Regisseur ihrer mit einem so großartigen Ergebnis angenommen hat, handelt sein frühreifes Gesellschaftsporträt doch im Kern von zeitlosen Grenzsituationen, in denen ein Mensch aufgrund äußeren Drucks Position beziehen muss. Ein aufwühlender Einblick in die deutsche Zeitgeschichte und ein großer Gewinn fürs junge deutsche Kino.