Und nächstes Jahr am Balaton

DDR 1979/1980 Spielfilm

Leichte Kost für heiße Tage



Ralf Schenk, Film und Fernsehen, Berlin/DDR, Nr. 9, 1980




Das ist ein unterhaltsamer Sommer-Film, ab und an ein wenig philosophierend, mit beträchtlichem Schauwert, leichter Episoden-Dramaturgie, einem von Günther Fischer komponierten, ins Ohr gehenden Mundharmonika-Blues, etwas Liebe und Nacktheit und viel Lebensfreude: das Publikum wird"s danken, wie schon vordem bei Sieben Sommersprossen – das ist die gleiche Wellenlänge, wahrscheinlich ein Kassenschlager der DEFA mehr.



Und doch bin ich nicht ganz glücklich über diesen Film – vor allem deshalb nicht, weil die literarische Vorlage, Joachim Walthers "Ich bin nun mal kein Yogi", mitreißender und tiefgründiger ist.



Das Buch schildert einen Reifeprozeß, aber ohne Zeigefinger-Didaktik, ohne "Besserungs-Dramaturgie". Dem Helden Norman Bilat, neunzehn Jahre, begegnet während einer Auslandstramptour so Widersprüchliches, daß er ganz von selbst seine Lebenshaltung, die Beziehungen zu seiner Heimat und den Mitmenschen überprüft, rationaler denken lernt, Träume aber nicht aus den Augen verliert. Eine Wandlung findet statt – politisch wie moralisch. (…)

Das wird, wie gesagt, nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern sehr anschaulich, realistisch und ehrlich. Norman Bilat, ein Altersgefährte Sabine Wulffs und Peter Seidels – ein über sich und die Umwelt Reflektierender, einer, der nicht nur fordert, sondern auch geben will und über weite Strecken überlegt, was er und wie er geben kann – so in den Film übernommen, hätte eine neue Qualität des jugendlichen DEFA-Helden herauskommen können, aber…



Der Film verkleinert die Norman-Bilat-Figur um ein Vielfaches. Jonas, so der jetzige Name des Helden, wird schon ganz anders in die Handlung eingeführt: unzufrieden ist er weniger mit sich, sondern vor allem mit den "Erwachsenen" –, seinen Eltern, den Eltern seiner Freundin Ines. Sein Vater, der ihm laufend die Schwierigkeiten eigener Nachkriegs-Jugend unter die Nase reibt, seine Mutter, die ihn ständig „mit Weisheiten belegt, kommen nicht ins Bild; er erzählt von ihnen, und wir können nur ahnen, was das für Menschen sind. Kurze Zeit nach diesem "Eltern-Report" erleben wir aber die Angehörigen von Ines, und dann wird es recht schlimm (und bleibt so bis zum Ende des Films): Zeitgenossen übelster Sorte führt Regisseur Herrmann Zschoche vor und fällt damit in einen Fehler zurück, den man nach "Sieben Sommersprossen" fast überwunden glaubte, der aber der Substanz früherer Zschoche-Filme schon abträglich war: die karikierte Darstellung von Erwachsenen (beispielsweise die Eltern, aber auch die Tanzlehrer-Gestalt in "Liebe mit 16"). Solch schematische Sicht auf die mittlere Generation bewirkt im vorliegenden Film, daß die Figuren der Eltern unglaubhaft werden, sich ihre kleinbürgerlich-spießige Haltung als ungefährlich darstellt – aber nicht als Grund, den Zug nach Bulgarien und die Freundin im Stich zu lassen. Da .lobe ich mir denn doch den Anlaß, den Joachim Walther für den Ausbruch seines Helden wählt – er scheint mir nicht nur weniger vordergründig und spekulativ, sondern auch symptomatischer für die Haltung junger Leute zu sein als die im Film nahezu kabarettistisch vorgetragene Exposition.



Jonas steigt also aus; Ines" Mutter kauft Zeitungen an einem kleinen Bahnhofskiosk, derweil fährt der Zug weiter, sie bleibt ebenfalls "auf der Strecke"; der Vater wird an der Grenze wegen der verdächtig vielen Frauensachen in seinem Gepäck aus dem Zug geholt; Ines reist allein nach Bulgarien – die anderen ihr nach. Die Mutter wird mitgenommen von einem Mann in den besten Jahren, einem Tausendsassa mit mal sächsischem, mal mecklenburgischem Dialekt, gespielt von Fred Delmare, der die Liste seiner skurrilen Nebenfiguren um eine Belanglosigkeit erweitern kann.