Der Gang in die Nacht

Deutschland 1920/1921 Spielfilm

Der Gang in die Nacht


Willy Haas, Film-Kurier, Nr. 277, 14.12.1920


(...) Wo hört hier die Kunst des Verfassers auf, wo beginnt die des Regisseurs, und wo die der Schauspieler? Man weiß es nicht. Alles ist ineinander gewachsen; alles geht ineinander über. Alles ist, es gibt keinen anderen Ausdruck, vollendet. Das Manuskript hat Carl Mayer verfaßt – ein Dichterwerk; nichts weniger. Die Technik des Filmes gehorcht ihm auf den Druck einer Fingerspitze. Unglaublich, wie er über Passagen wegeilt, drängend, atemlos, mit zwei Andeutungen. Wundervoll, wie er anderswo wieder zu verweilen weiß, unbesorgt, fast hartnäckig, etwa wenn die Lichter von Autos über den verregneten Asphalt einer dunklen Großstadt gleiten, oder wenn das Meer wühlt, oder wenn blaß die Sonne sich auftut: wie er liebend immer noch einmal dasselbe sagt, immer noch einmal in die Handlung hinein: "Zuschauer, das gehört hinein, gehört auch zur Handlung!" Oder, wie er sich irgendeine graziöse Finesse ausdenkt – etwa die Szene mit dem schmerzenden Fuß der angeblichen Bäuerin – und man spürt diese anmutige Luft der Gestaltungsfreude. Oder, wenn er die Frau ihrem Manne das Geständnis machen läßt, daß sie einen anderen liebt: Drei Worte, und sie beugt sich über seine Hand – nichts mehr. Das alles ist unvergeßlich; das alles ist so einfach und so unerklärlich wie das Leben, so zufällig und so restlos überzeugend wie das Schicksal.

Die Regie Murnaus? Wir haben ja überall sie gemeint, wenn wir von den Gaben dieses Filmes sprachen, denen wir, es gibt keinen anderen Ausdruck, dankbar sind. Ihm gehört alles – und es ist nichts mehr hinzuzufügen. Und die Darstellung – von letzter Vollendung. Man zögert selbst den berühmten Namen Olaf Fönss isoliert auszusprechen – so vollendet ist alles. Und ebendies beweist seine große Meisterhaftigkeit: daß er sich – noch! – einzuordnen verstand, nein, daß er alle zu sich hinaufzuheben wußte. Nichts von Statuen, nichts von Virtuosität: sondern schlicht, groß, eindringlich. Neben ihm die wunderbare Gudrun Braun, die lächeln konnte, und selig zu sein verstand, wie wir es noch nie gesehen haben. Und Conrad Veidt, der Augenblicke hatte, in denen man an irgendeinen neuen Parzifal denken mußte. Das Undankbarste, Schwierigste, gerade darum vielleicht Prachtvollste, gab Erna Morena: vier Akte hindurch am Sofa liegen – und nur sein mit einer traurigen, so traurigen Kopfbewegung, mit einem ganz abwertenden Augenaufschlag, mit einem kaum hörbaren Seufzer – und mit dieser blumenhaften Schönheit, die an Renoir denken läßt. Das mache eine ihr nach.

Was noch? Wir haben soviel gelobt – es ist wahr. Aber, schließlich, was soll man tun – es gibt eben Dinge, die einen ergreifen.