Der Gang in die Nacht

Deutschland 1920/1921 Spielfilm

Der Gang in die Nacht


Fo., Lichtbild-Bühne, Nr. 51, 18.12.1920


Kaum erinnere ich mich, je ein Filmwerk gesehen zu haben, das so aus der Tiefe des lebendigen Lebens schöpft, das so erschütternd wahre Menschen bringt, leibhaftige Menschen, frei von aller Pose, denen man es nicht anmerkt, daß sie letzthin nur dem Hirn eines Manuskriptdichters ihr Dasein verdanken. Einer jener ganz starken Spielfilme, von denen wir stets zu wenig haben. Alles ist hier auf das Schauspielerische gestellt; auch nicht eine einzige Szene soll durch Aufmachung, Prunk, Menschenmassen oder sonstige Äußerlichkeiten wirken.

Eine außerordentlich starke Wirkung ist hier erzielt worden durch lyrische Intermezzi von hinreißender Schönheit, keine süßlichen Sentimentalitäten, wie man sie sonst wohl zu sehen bekommen hat, sondern landschaftliche Stimmungsbilder, das brausende Meer oder ähnliches. Es ist ganz erstaunlich, wie man hier Landschaft und Handlung aufeinander abgestimmt hat. Die Photographie (Max Lütze) schuf prächtige Bilder, die oft geradezu wie lebendige Gemälde wirkten. Das Manuskript, das ein hohes Maß von Können verriet, stammt von Carl Mayer.

Olaf Fönss gab dem Professor tiefe Menschlichkeit, Gudrun Brun-Steffensen, eine treffliche Verkörperung der zwiespältigen Natur der Tänzerin. Conrad Veidt war in der Rolle des blinden Malers in seinem Spiel einfacher als sonst und das nur zu seinem Vorteil. Erna Morena war hier zur Abwechslung einmal das sehnende, leidende Weib und sie wirkte auch so. F. W. Murnau erwies sich als ein äußerst feinfühliger Regisseur.