Spione

Deutschland 1927/1928 Spielfilm

Spione


Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung (Stadt-Blatt), 11.4.1928


Der neue Fritz-Lang-Film der Ufa-Lichtspiele – wir haben über ihn schon anläßlich der Berliner Erstaufführung im Feuilleton des Hauptblattes berichtet – ist großartig gemacht und zeigt die außerordentlichen Regiefähigkeiten Langs. Die Handlung, die von der Art der Spannung eines Edgar Wallace-Romans ist, entfaltet sich blitzschnell und bringt wundervolle Großstadtaufnahmen, Eisenbahnunfälle und Telefontische – eine tolle optische Reportage, die zwar etwas zu viel mit gestellter Staffage arbeitet, aber blendende Ausschnitte und Übergänge zeigt und mit einem kaum zu übertreffenden Geschick zurechtgeschnitten ist. Schade nur, daß dieser selten begabte Regisseur mit Thea v. Harbou auch künstlerisch im Bunde steht. Wie bei den "Nibelungen" und dem "Metropolis"-Film hat sie wieder das Textbuch geliefert. Es hat entschieden einen sensationellen Inhalt, es ist nicht einmal untalentiert, aber es ist zugleich so minder, daß es jedenfalls für eine Verfilmung großen Stils nicht taugt. Fritz Lang, der seiner formalen Anlage nach hinter den russischen Regisseuren wahrscheinlich nicht zurücksteht, muß, der Autorin zuliebe, eine Spionagegeschichte drehen, die weder Sinn noch Verstand hat und nur spannt, ohne wohin zu spannen. Er hat es zu gut gemacht, die Bildfolgen übertreffen die Fabel so sehr, daß man das Gefühl zurückbehält, es sei ein glänzendes Prunkgewebe um ein Nichts gesponnen. Ein Jammer, daß dieser Regisseur nicht die Manuskripte findet, die zu ihm passen. Die Darsteller – wir nennen nur Rudolf Klein-Rogge und die pikante Gerda Mumm – sind durchweg vortrefflich.

Siegfried Kracauer: Werke. Band 6. Kleine Schriften zum Film. Herausgegeben von Inka Mülder-Bach. Unter Mitarbeit von Mirjam Wenzel und Sabine Biebl. 3 Teilbände. © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.