Halbe Treppe

Deutschland 2001/2002 Spielfilm

Im Wartesaal zum großen Glück

Für ein neues deutsches Autorenkino: Andreas Dresens Tragikomödie "Halbe Treppe"


Rüdiger Suchsland, Frankfurter Rundschau, 05.10.2002

Die Sehnsucht ist eingeschlossen. Nur in dem schmalen Plastikrahmen ihrer Urlaubsdias finden die Träume dieser zwei Familien Platz. Beim gemeinsamen Diaabend aber überwiegt bereits die Trübnis, und man muss schon mehr als nur ein Bier trinken, um ein bisschen Spaß zu haben. Doch auch dann ist die Stimmung immer nahe daran, umzukippen.

Grau sind die Gedanken, grau die Gesichter und der Himmel ebenso – Alltag in Frankfurt/Oder, wo Warschau fast so nahe liegt wie Berlin. Aber die Tristesse ist nicht die einer speziellen Nachwende-Situation im deutschen Osten oder die der neuen Krise der ganzen Republik, ein Kater nach der Party der New Economy. Denn letztere ist hier überhaupt nie angekommen. Man begegnet kleinen Leuten in kleinen Wohnungen inmitten immergleicher Plättenblocks. Für ein bisschen Farbe sorgt allenfalls ein quietschgelber Motorroller. Oder Hans-Peter, der Kanarienvogel von Uwe und Ellen. Als der eines lausigen Morgens verschwunden ist, wirkt dies als Katharsis: Der routinierte Streit, der folgt, lässt jeden merken, dass man in dieser müden Durchschnittsehe nicht mehr viel voneinander erwartet.

Eine frustrierte Parfümverkäuferin, eine Speditionsangestellte, ein cholerischer Würstchenbudenbesitzer und der halbseidene Moderator einer deprimierend gut gelaunten Radiosendung – Andreas Dresens Film "Halbe Treppe" zeigt geronnene Sehnsüchte und Lebenswelten, die im deutschen Kino nicht alltäglich sind. Es liegt nahe, dies gegen die schicke Yuppiewelt der Beziehungskomödien auszuspielen, die neuerdings – in Doris Dörries "Nackt" und Dani Levys "Väter" – fröhlich Wiederauferstehung feiert. Dresens Film lässt mehr vom Leben in diesem Land erkennen als alle kunterbunten Appartements und gläsernen Bürolofts zusammen. Weil es in seiner Normalität und Biederkeit aber schon wieder etwas Pittoreskes hat, bildet dieses Panorama aus dem alltäglichen Mief eines deutschen Kleinbürgerlebens jederzeit ein dankbares Filmsujet. Zumal der Witz, den der Regisseur und seine Mitarbeiter in die spontan entwickelten Dialoge eingewoben haben, gut genug ist für viele Lacher, die Charaktere dabei aber doch kaum preisgibt, liebevoll bleibt und den Sinn schärft für ihre Würde. Man hat Mitgefühl mit den Figuren in ihrer Depression und ihrer sprachlosen Sehnsucht nach mehr.

Kurz nachdem Hans-Peter verschwunden ist, beginnt Ellen eine Affäre mit Chris, dem Radiomann, der "mit der Dauer-Power vom Power-Tower" die tägliche Morgensendung moderiert. Man trifft sich im miefigen Hotel, unter der Autobahnbrücke, das Äußerste an Exzess ist ein gemeinsames Schaumbad – bei dem sie prompt von Chris" Frau Kathrin ertappt werden. Auch dies alles zeigt eher die Grenzen des Ausbruchs als seine Möglichkeit, untermauert die Trägheit der Figuren in all ihrer Unruhe und Traurigkeit.

Am ehesten spürt man noch bei Uwe, dem Imbissbudenbesitzer, so etwas wie eine Revolte gegen die engen Bahnen, in denen sein Leben verläuft. Er rackert und kämpft, und auch wenn der Horizont so eng ist wie seine neue Einbauküche, ist doch zu spüren, dass hier einer noch nicht an der Endstation angelangt ist. Alles in allem ist "Halbe Treppe" eine Erzählung vom Fehlschlagen der Ausbrüche. Von einem Leben, das seinen Trott nicht verlassen kann, in dem alles einfach weiter läuft, auch wo es dramatisch werden könnte. Doch von Drama ist nichts zu spüren, und je länger es dauert, umso mehr vermisst man die Abgründe hinter der Banalität. Vielleicht ist der schlimmste Abgrund ja sein Fehlen?

Aber sichtbar sind hier nur kleine Dellen, und auch über die hüpft der Film im Zweifel mit einem schnellen Scherz. So schwankt er zwischen der Suche nach Nähe, nach Authentizität, und dem Bruch mit dem Schein der Unmittelbarkeit durch die stilistische Distanzierung in Form von interviewartigen Exkursen. Von der Wirklichkeit lässt sich nur anhand konkreter Menschen erzählen, heißt das, aber die Ordnung der Dinge muss ein Stück weit der Zuschauer vornehmen Auch darin, in seiner Verhaltenheit, dem Stehenbleiben auf halbem Weg und im Zweifel der Ausflucht ins Komische, ist dieser Film vielleicht nur allzu typisch für die emotionale Befindlichkeit einer Zeit, die den Abgesang hinter sich hat und für einen Aufbruch zu müde ist, weil die Zeitgenossen selbst nicht an seine Möglichkeit glauben können.

Dresens Unbehagen mit den Verhältnissen bestimmt seine Blickrichtung: Auch im Privaten will er Politisches finden. Das aber die Welt außerhalb der heimischen Enge trotz aller Authentizitätsversprechen nur kurz und illustrativ aufblitzt, fast als Alibi, trennt seine Arbeit dann doch vom Realismus britischer Sozialkomödien, mit denen man ihn, als er wohlverdient bei der Berlinale 2002 einen Silbernen Bären erhielt, voreilig verglichen hat.

Handwerklich betrachtet, ist Dresens warmherzige Tragikomödie aber eine spannende Leistung. Die Bilder, die der Filmemacher mit der Handkamera erzeugt, sind zwar weniger avanciert als jene Ästhetik einer angespannten Ruhe, die man zuletzt in Techines in gleicher Technik gemachtem Loin bewunderte. Eindeutig tragen sie wieder den spontanen "Dogma"-Touch, doch nichts läge Dresen ferner als ein strenges Regelwerk. Die Hektik und Indifferenz, die gewisse Verwahrlosung der Bilder, das verschwommene, ungenaue Licht: All das muss man nicht mögen. Aber es erfüllt perfekt seinen Zweck, indem es eben mit einer inneren Verwahrlosung korrespondiert, die er in den Verhältnissen und der Trübnis des Alltags ausgemacht hat. Nicht weniger wichtig ist, dass Dresen mutig mit extrem kleinem Team und ganz ohne Drehbuch arbeitete, mit vergleichsweise wenig Geld und in kurzer Drehzeit mehr improvisierte als konzipierte. Das Anrührende und Niedliche, das sich zugleich in diesem Film verbirgt, sollte uns seine Ernsthaftigkeit nicht verkennen lassen: Dresens Projekt führt in eine größere Richtung. Es ist die Rückkehr des Autorenkinos im besten Sinne, der er zuarbeitet. Der Anfang ist gemacht.