"1914". Die letzten Tage vor dem Weltbrand

Deutschland 1930 Spielfilm

1914 – Die letzten Tage vor dem Weltbrand



Hans Feld, Film-Kurier, Nr. 17, 21.1.1931


(...) Daß der Krieg kommen mußte, war ebenso klar nach der wirtschaftlichen Entwicklung wie nach der politischen. Jahre zuvor hat ein Franzose vor ihm gewarnt: F. Delaisi. Der Betrachter von Zusammenhängen konnte die Linie eben durch Jahrzehnte bis zur Schürzung des Knotens vorherzeichnen.

Zusammengefaßt: Der Film deckt, beginnend mit dem Attentat von Sarajewo, den politischen Komplex auf; jene Schüsse also der "serbischen Hunde".

Als Ergänzung erscheint der Hinweis auf das Vorhandensein serbischer Schweine – die durch Preisunterbietung eine Schutzzollbewegung in Ungarn und damit weiteren Konfliktstoff ergaben – nicht unwichtig.

Ein Drama passiven Heldentums blendet auf.

Führer, die nicht imstande sind, Kombinationen zu erkennen; Verantwortliche, die es hinterher nicht gewesen sein wollen. Diplomaten, mit dem ganzen Pomp der Souveränitäts-Ideologie. Kleine Spieler – deren Einsatz die Völker mit Jahrzehnten von Blut und Elend bezahlten.

Auf Petersburg richtet sich der Scheinwerfer. Sein Lichtkegel tastet die auch für die anderen Länder gültigen Wechselbeziehungen zwischen Politik und Armee ab.

An der Newa ist man von der Notwendigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen überzeugt und arbeitet darauf hin. In Frankreich tut man nichts zur Verhinderung. England, als einzige Macht, tut nicht mit und überläßt die Verantwortung den anderen. Und die Gegenseite, Deutschland-Österreich?

Das Wort hat der Sachverständige, Dr. Eugen Fischer, Kenner der einschlägigen Literatur. Erst jüngst hat er vor Vertretern der Presse ausgeführt:

"Fraglos liegt bei den kaiserlichen Regierungen von Deutschland und Österreich ein Teil von Schuld vor. Über das Maß sind die Meinungen geteilt, die Autoren des Films "1914" jedenfalls vertreten die mildere Richtung."


Um im Fach zu bleiben: Die Weiteinstellung ist klar; indeß sich bei den Nah-Aufnahmen einige Unschärfen ergeben.

Das erweist sich, stärker noch als in der Anlage, durch die Besetzung der Staatsleute. Albert Bassermann, der dem Bethmann-Hollweg Energie verleiht und ein Format, das in Wahrheit nicht vorhanden war. Und, als Graf Berchthold, Albert Abel: weniger Viveur und Hasadeur, dafür mit menschlichen Untertönen, die nur der Double hat.

Immerhin wird auch so das Versagen der Diplomatie evident, ihre allmähliche Ablösung durch die Fachleute vom Generalstabstisch.

Europäisches Geschehen ist von Fritz Wendhausen und Heinz Goldberg in den Ablauf eines Kino-Abends gepreßt. Auf das Wesentliche gebracht, in eine Form, die eine Zuspitzung der Konflikte auch in sich dramatisch wiedergibt.

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