Der letzte Mann

Deutschland 1924 Spielfilm

Erst Caesar – dann Portier

Ein Gespräch mit Jannings



Film-Kurier, Nr. 145, 21.6.1924


Es ist in einem der langen, stillen, kühlen, Garderobekorridore der Tempelhofer Ateliers der Ufa. (Nur ab und zu schreit jemand einen Namen durch den Flur. Vielleicht ein Hilfsregisseur, der eine Wut hat? Und es gibt ein vielfaches Echo.) Auf den schwarzen Türschildern stehen mit Kreide Namen gekritzelt... Lil Dagover... oder Nigel Barry... Und hier: Emil Jannings.

Seit seinem Gastspiel in Rom, wo er den Nero spielte, haben wir ihn nicht gesehen, nicht gesprochen. Machen wir Nero einen Besuch.

Wir klopfen. – "Herein!"

Ist das Jannings?! Es ist der Kopf eines Siebzigers, sorglich umkämmt von eisgrauem Haar, von gepflegtem, stolzem, martialischem Bart... Eine Art Kaiser Franz Joseph, eine Art "alten Kaisers", eine Art stolzen, alten Generals – aber die Uniform fehlt. So könnte er nicht mal als Portier vor dem großen Hotel stehen, so im schwarzen Rock mit den klobigen, gewichsten Schaftstiefeln. Wo sieht man solche alten, ausgedienten Männer sitzen, die auf beiden Schultern noch die ehemalige Würde tragen, wie goldene Epauletten? Wahrhaftig – –

"Was ist Ihre neue Rolle?" fragten wir.

"Sie sehen mich hier in der Rolle eines ausgedienten, abgesetzten Portiers, der seine letzten Tage als Toiletten-Wärter verbringen muß. Das Manuskript zu diesem Film "Der letzte Mann" stammt von Carl Mayer und ist fabelhaft in seiner Art. Ich habe kaum je eine Rolle gespielt, der ich mich mit solcher Liebe hätte hingeben können, zumal unter einer Regie, wie der Murnaus, den ich schon einen Filmgelehrten nennen möchte, so hoch steht seine Art der Filmauffassung über dem Durchschnitt.

Soll ich Ihnen kurz den Inhalt erzählen? Er ist in drei Worten erzählt: Da ist der Portier des großen Hotels; da steht er vor dem Portal in seiner goldgeborteten Uniform. Hier gilt er was. Er begrüßt als erster die neuen Gäste, so kann er einem Gast den Eintritt verbieten. Er repräsentiert das Hotel vor der Welt draußen, vor der Straße.

Wohl wohnt er in irgend einem plebejischen Hinterhausmilieu, droben im 5. Stock. Aber auch dort gilt er als Mächtiger; man grüßt ihn allenthalben in jener Mietskaserne, wenn seine Uniform erglänzt, stramm sitzend auf breiter Brust.



Eines Tages bricht er zusammen unter der Last eines Koffers, den er vom Autodach langt. Und da findet er, als er andern Tags seinen Posten wieder einnehmen will, diesen Posten schon besetzt. Durch einen jungen Portier. Er ist abgesetzt. Man nimmt ihm die Uniform – ihm, dem "ersten Mann" des Hotels – und er soll einen schlichten, schwarzen Kittel tragen von nun an und soll hinuntersteigen in die Toilettenräume und dort seine letzten Tage verbringen, unterirdisch, als der "letzte Mann".

Es ist das Schicksal eines Portiers. Aber nicht nur das! Es könnte auch das eines hohen Generals sein... seine Uniform ist ihm genommen. Heimlich stiehlt er sie zurück. Er kann die Schmach nicht ertragen, dort, im Hinterhausviertel, ohne die goldenen Schnüre erscheinen zu müssen, die sein Halt waren, sein Stolz, seine Würde... Die Hochzeit seiner Nichte zumal steht bevor. Und dort muß er strahlen – als die Respektsperson. Er stiehlt sich also die Uniform. Aber eines Tages entdeckt man, daß er nicht mehr der stolze Pförtner des Riesenhotels ist, sondern "der letzte Mann". Seine Hausgenossin findet ihn da unten. Läuft weg, angeekelt. Erzählt es im Hinterhaus. Und wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht: "Abgesetzt!" Hohngelächter empfängt den Alten. Vom Keller bis zum Dach, in jenen kahlen Mietskasernenhöfen läuft das Gelächter, da gibt der Alte die Portiersuniform zurück.

Aber um die Groteske dieses Menschenschicksals zu vollenden, läßt Mayer dem Alten ein unerhörtes Glück in den Schoß fallen. Ein Toilettengast stirbt in seinen Armen. Es stellt sich heraus, daß er testamentarisch verfügt hat, der, in dessen Armen er sterbe, solle sein Universalerbe werden. Nun ist "der letzte Mann" plötzlich auf seine alten Tage reich geworden. Was tut er? Er holt seinen Nachfolger da unten, ein elendes, verhutzeltes Männchen am Arm aus den Kellerräumen, setzt sich mit ihm an den Tisch im großen Hotel, läßt Sekt auffahren, fährt Auto mit ihm –"

Während Jannings erzählt – eine breitartige, altväterliche Krawatte schaut ihm steif aus der Weste – scheint er sich halb bewußt, halb unbewußt in seine Rolle hineinzuspielen. Die Worte stocken – hie und da ein unbeholfene, ganz typische Altemannsbewegung – und dann ein Blick: "Versunken und Vergessen", und eine Gottverlassenheit auf den Lippen. Man spürt: Eine fabelhafte Rolle für ihn, in der er ganz drin steckt.

Dann vergißt er den alten Portier und erzählt uns was von Rom. Und das typische Jannings-Lächeln zeigt sich.



"Wissen sie, was sie dort mit mir angestellt haben? Zwei junge Löwen mußte ich, auf der Sänfte ruhend, als Caesar Nero auf dem Arm tragen. Possierliche Tiere – ja. Aber ich sagte: Es sind immerhin Löwen. Und wenn so ein possierliches Tierchen mit meiner Backe spielen möchte, so schlägt es einmal mit der Pranke darauf, und weg ist meine Backe. Aber das einzige Vermögen, was ich besitze, ist mein Gesicht... nun ja, ich tat"s doch. Aber als ich mit den Löwenjungen so auf der Sänfte liege, sehe ich plötzlich halb hinter mir einen Schatten auftauchen, und es ist – ein ausgewachsener Löwe... Ausgerechnet haben die Leute dort, um eine schöne, gefährliche Aufnahme drehen zu können, die Mutter der Jungen, die ich auf dem Arme trage, aus dem Käfig gelassen. Ich – als Nero – einen Satz gemacht und weg hinter das Käfiggitter. Die Aufnahme soll sehr schön gewesen sein. Besonders die von Neros Feigheit. Aber in solchen Dingen ziehe ich es vor, auch im Leben nicht mutiger als Nero aussehen zu wollen. Das traurige Ende jener Löwenaufnahmen, bei denen ein alter Schauspieler einfach zerrissen wurde, wird mir recht geben."

Pharao – Raffke – Nero – –, wie wird Jannings als der "letzte Mann" sein?

Murnaus neuer Ufa-Film wird es im Herbst beweisen.