Der letzte Mann

Deutschland 1924 Spielfilm

Der letzte Mann


Peter Ejk, 8-Uhr-Abendblatt, 24.12.1924


In diesem Monat mahnt goldenes Kerzenlicht auf grünen Zweigen und von alten Leuchtern an Liebe und Barmherzigkeit. In diesem Monat ist Winters Anfang, zugleich kürzester Tag und Aufstieg. Und dieser Monat legt der Industrie unter den deutschen Baum ein Werk, um das uns das unfreundlich-zögernde Ausland in Ehren beneiden darf. (...)

Carl Mayer: Man begegnet diesem wertvollen Filmautor immer dann, wenn der deutsche Film wie aus voller Brust Atem schöpft zu neuer Kraftleistung. So folgt jetzt auf "Caligari" (Regie Robert Wiene, Photographie Hameister) die "Hintertreppe" (Regie Jeßner, Photographie Brandes), dieses neue Werk, bei dem der künstlerische Filmschriftsteller die Freude hatte, als Gefährten einen so Gewaltigen wie Emil Jannings vorzufinden und als Operateur einen so technisch vollendeten Meister wie Karl Freund. Den Einfällen und Zufällen, wie sie intensive Zusammenarbeit mit sich bringt, verdankt der Zuschauer diesen Film, bei der geistvollen Regie von Murnau, der mit behutsamer Hand sich Stimmungen schuf und die Menschen so verteilte, daß sie auch in den kleinsten Rollen an die Stelle traten, die sie erforderte. So sind in diesem großen Werk alle Mitwirkenden über sich selbst hinausgewachsen.

Emil Jannings hatte die Skala der Gefühle, die ihm hier zur Verfügung stehen durften, auf so wenig Töne bemessen, daß er wie durch Zwischentöne sich Akkorde schuf, die machtvoll gerade durch ihre neue Einfachheit wirkten. Hier wurde die Beschränkung wirklich zum Meisterwerk. Umgeben war Jannings von der gut postierten Maly Delschaft, Emilie Kurz, Georg John, Hans Unterkirchner, Hermann Vallentin, Olaf Storm, Max Hiller. Die Musik, die von Dr. Becce zusammengestellt war, verstand es, künstlerisch Schritt zu halten, und die Filmarchitekten Herlth und Röhrig blieben den anspruchsvollen Szenen in nichts etwas schuldig. Eine festliche Beigabe war die vom genialen Theo Matejko geschaffene Blattsammlung.


Es war sicher doch den meisten "besser zumute", daß der Film so zu Ende ging und nicht "peinlich" oder "unbefriedigend", denn wenn auch der unsterbliche Otto Brehm mit all seinem Recht in der "Nation" vom 12. März 1887 "peinlich" und "unbefriedigend" nicht als ein künstlerisches Urteil ansieht, so werden wir im Film vielleicht nie so weit sein, die Masse der Filmbesucher auf solch Kriterium einzustellen.

Gewaltig war dar Film-Fassadenbau in der Hardenbergstraße, der uns nach Neuyork bringt, und an diesem flammenden Hausschmuck haben die Architekten Herlth, Röhrig und der griffeste Direktor J. Wilhelm das Autorenrecht.

Da hatte ich ihn aber beinahe vergessen: Duff ist auch da! Dieser fast Achtzigjährige und Filmnachfolger von Jannings in diskreter Unterwelt. Erst war Duff in der Künstlerkneipe in der Augsburger Straße langjähriger Oberkellner, dann verkaufte "Kollege Duff" am Kurfürstendamm das 8-Uhr-Abendblatt und nun hat ihn Murnau für den Film entdeckt – und Duff war ausgezeichnet!