Darsteller, Regie, Drehbuch, Sonstiges, Produzent
Stuttgart

Politische Lebensgeschichten

Der Dokumentarfilmregisseur Andres Veiel



Martina Knoben, epd film, Nr. 6, 03.06.2004

Mit einer "Spielwütigen" hat alles angefangen, Anfang der neunziger Jahre. Nach einer Videodokumentation (Machbar, 1982) und einem Kurzfilm ("Warum läuft Herr Z. nicht Amok?", 1985) drehte Andres Veiel (Jahrgang 1959) seinen ersten langen Dokumentarfilm über eine Frau, die als junges Mädchen Schauspielerin werden wollte und es erst als alte Frau sein durfte. "Winternachtstraum" (1991/92) hat Veiel seinen Film genannt. Wenn nun nach "Balagan" (1993), "Die Überlebenden" (1995/96) und "Black Box BRD" (2001) mit "Die Spielwütigen" eine Langzeitdokumentation des Regisseurs über vier Schauspielschüler in die Kinos kommt, schließt sich ein Kreis. Als Nächstes will Veiel erstmals einen Spielfilm inszenieren.

Es ist alles Theater in den Filmen von Andres Veiel , die Hierarchien in einer Schulklasse genauso wie eine Aktionärsversammlung der Deutschen Bank. Ein Schau-Spiel ... Andres Veiels Werk als professioneller Filmemacher beginnt bezeichnenderweise mit einem Gang auf eine Bühne. In "Winternachtstraum" folgt die Kamera einem rätselhaften Führer, der aus einem osteuropäischen Märchenfilm stammen könnte, durch ein Labyrinth aus Vorhängen und Kulissen bis ins Scheinwerferlicht. Das ist die Essenz dieses Films: Der Regisseur schenkt seiner Protagonistin einen großen Auftritt.

83 Jahre alt ist Inka Köhler-Rechnitz und kehrt an das Theater zurück, an dem sie ihr erstes Engagement hätte antreten sollen. Aber ihr Mann war dagegen, später bekam das Paar Berufsverbot durch die Nazis, nach dem Krieg mussten die Kinder ernährt werden mit Gelegenheitsjobs. Das Stück, mit dem die alte Dame dann auftritt, "Die letzte Probe" mit Zitaten aus "Marat/Sade" von Peter Weiss, hatte Andres Veiel selbst geschrieben. Und wie die 83-Jährige de Sade spielt, die obszönen Texte spricht und sich dabei öffnet auch für die Kamera, das wird zum "Ur-Erlebnis" für den Dokumentarfilmregisseur.

Das Theater und die Politik

Wie sind wir geworden, was wir sind? Und wie spielt die große Geschichte in unsere individuellen Lebensgeschichten hinein? Veiels Filme sind im Grunde alle Porträts, wobei die Biografien immer auch in besonderer Weise die Historie widerspiegeln. Veiel hat Psychologie studiert, 1988 sein Diplom gemacht, als Psychologe aber nie arbeiten wollen, wie er sagt. Aufgewachsen ist der 1959 geborene Veiel in Stuttgart-Möhringen. Der Firmensitz von Daimler-Benz lag in der Nähe, und die örtliche Straßenbahnlinie fuhr bis nach Stammheim.

"Wir haben die Schule geschwänzt und sind zu den Prozessen gefahren", hat der Filmemacher erzählt. Wie Menschen radikalisiert, vielleicht sogar zu Terroristen werden, hat er später in "Die Überlebenden" und in "Black Box BRD" zu rekonstruieren versucht, in gewisser Weise auch in "Balagan". Und er versteht alle seine Filme als ausdrücklich politisch, selbst wenn es wie in seinem aktuellen Film "Die Spielwütigen" "nur" um die Ausbildung von Schauspielschülern an einem Eliteinstitut geht.

Meisterhaft verbunden hat er das Theater und die Politik in seinem zweiten Film "Balagan" (1993), für den er ein Filmband in Silber bekam. Veiel wurde damit schlagartig bekannt. "Balagan" ist hebräisch und meint "produktives Chaos". Der Film beschäftigt sich mit einer jüdisch-palästinensischen Theatergruppe, die die israelische Gesellschaft mit einem Stück über den ritualisierten Umgang mit dem Holocaust provoziert.

Schon "Winternachtstraum" hatte etwas Unwirkliches; das Theaterprojekt hätte auch eine Erfindung des Regisseurs oder seiner Hauptdarstellerin sein können. Solch eine Traumqualität entwickelt auch "Balagan", allerdings ist es eher ein Albtraum, in den uns seine Bilder hineinziehen. Es sind das Chaos und die Zerrissenheit Israels, die sichtbar werden, nicht nur in den Bildern des Stücks. Da schlägt sich ein nackter Mann mit einem Stock und lässt sich an einer Leine herumführen; eine Frau versteckt Essen in ihrer Vagina. Ein Palästinenser, der Mitglied der Theatergruppe ist, wird von seinen Freunden zum Verräter erklärt, weil er trampende israelische Soldaten mitnimmt. Ein anderer Schauspieler ist orthodoxer Jude, besucht seinen Bruder auf den Golan-Höhen und weiß hinterher nicht mehr, ob er um des Friedens willen die Gebiete zurückgeben will an die Palästinenser. Der Holocaust als "neue Staatsreligion", als "Opium für die Massen" verstelle den Blick auf die jüdische Gegenwart, auf den Umgang mit den Palästinensern, sagt Madi Maayan, eine weitere Schauspielerin. Ihre Äußerungen betrachtet sie selbst als notwendige Blasphemie. Im vielleicht schmerzlichsten Moment des Films trägt sie hingebungsvoll das Horst-Wessel-Lied vor. Die junge Frau, die selbst einen Teil ihrer Familie im Holocaust verloren hat, fühlt sich in die historischen Hintergründe des Liedes und in seinen Schwung hinein. Um sich mit der Vergangenheit wirklich aussöhnen zu können, müsse man sich ins Herz seiner Feinde begeben, glaubt Madi Maayan. Andres Veiel strebt Ähnliches in seinen Filmen an, wenn er etwa in "Die Überlebenden" versucht, die Gründe für den Selbstmord von drei Schulfreunden zu begreifen, oder sich in "Black Box BRD" begeistern lässt von Alfred Herrhausen, dem Chef der Deutschen Bank.

Mit seiner Haltung, dass alles politisch und historisch zu begreifen sei, lag Veiel alles andere als im Trend, als er Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre anfing mit dem Filmemachen. Bereits während seines Studiums hatte er mit Film experimentiert; von 1985 bis 1989 besuchte er Regieseminare am Berliner Künstlerhaus Bethanien. Besonders beeindruckt hat ihn der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski, der in dieser Zeit unter anderem seinen Dekalog drehte. In Deutschland kündigte sich derweil der Komödienboom an. Kohl regierte. 1985 hatte Doris Dörrie "Männer" gedreht.

Väter und Täter

Weitgehend unbeachtet blieben damals ein paar junge Filmemacher, die vom Zuschauer verlangten, all die Widersprüche auszuhalten, die die Beziehungskomödien glatt zu bügeln versuchten. Christoph Schlingensief und Romuald Karmakar gehörten dazu, und auch Andres Veiel kann man dazurechnen. Er hat nie so stark provoziert wie die beiden anderen. Dass aber ausgerechnet ein deutscher Filmemacher es wagte, Holocaust und Palästinenserfrage zu verknüpfen, schockierte viele Zuschauer, auch wenn Balagan den Tabubruch eher leise inszenierte. Wie Karmakar beschäftigte sich Veiel mit Tätern, mit dem "Bösen". Und obwohl beide als eingefleischte Dokumentaristen galten, war schon früh die Lust an der Inszenierung zu erkennen - wer sich um Tabus wenig schert, lässt sich auch von filmischen Gattungsgrenzen nicht einengen. Während Karmakars Arbeiten jedoch von einem Fremdheitsgefühl gegenüber Deutschland geprägt sind, spürt man in den Filmen von Andres Veiel, dass er aus dem Herzen dieser Republik heraus operiert. Man ahnt den zornigen jungen Mann aus Stuttgart-Möhringen, der die Stammheim-Prozesse erlebt und mit der Schuld der Väter selbst zu kämpfen hat. In "Die Überlebenden" und in "Black Box BRD" hat er solche Männer porträtiert, Männer, die voller Empörung, aber auch Selbstgerechtigkeit ihre Eltern anklagen. Die Überzeugung, dass Auschwitz immerzu "hörbar" sei als "ganz feiner Ton", hat das Werk des Filmemachers geprägt. Häufig stehen Tote im Mittelpunkt.

Das Erbe der Väter, das sich nicht abschütteln lässt ... In "Die Überlebenden" (1995/96) beschäftigte sich Veiel erstmals unmittelbar mit seiner eigenen Generation. Ausgehend von einem Klassentreffen rekonstruiert er die Biografien von drei ehemaligen Mitschülern, die sich umgebracht haben. Den Film kann man wie eine Anmerkung zu den Beziehungskomödien sehen, in denen das Scheitern privater und politischer Utopien unter Gelächter vergeben wurde. Hier mündet es in Tragödien. Und die Selbstzweifel, das Suchende, die Unsicherheit der Generation, die Veiel porträtiert, finden ihre Entsprechung in der Machart des Films. Er ist ein Puzzlespiel, das nicht aufgeht. Das Bild, das die Nachforschungen ergeben, wird immer unschärfer je näher man ihm kommt. In "Black Box BRD" hat Veiel genauso gearbeitet, in gewisser Weise auch in "Balagan", obwohl in diesem Film das Investigative fehlt.

Immer wieder sind es Männer, denen das Erwachsenwerden nicht gelingt. Frauen erscheinen vernünftiger und stärker in Veiels Filmen. Schon in "Winternachtstraum" hat sich der Regisseur bezaubern lassen von der Kraft, dem Witz, dem Charisma seiner Hauptdarstellerin. Und Traudl Herrhausen in "Black Box BRD" muss man einfach gern haben. Die Frauen in seinen Filmen stehen scheinbar jenseits der Ideologien. Ins Bild passt, dass Birgit Hogefeld, die letzte Freundin und Mitstreiterin des Terroristen Grams, in "Black Box BRD" nicht auftaucht. Sie hätte sich nicht filmen lassen wollen, als klar gewesen sei, dass es in seinem Film auch um Herrhausen gehen würde, hat Veiel gesagt. Die Einsamkeit der Männer, das ist natürlich ein romantisches, ein sehr deutsches Motiv.

Keine einfachen Antworten

"Black Box BRD" ist Veiels bekanntester und bislang erfolgreichster Film, für einen Dokumentarfilm ein Kassenschlager, ausgezeichnet unter anderem mit einem Europäischen und einem Deutschen Filmpreis. Ein Film, der zur rechten Zeit erschien. Die Terroristendebatte war auf ihrem Höhepunkt, als er in die Kinos kam, außerdem war er ein von vielen ersehnter Gegenentwurf zur Pop-Mythisierung der RAF. Den alten Fronten Staat versus RAF stellt er die Ähnlichkeiten in den Biografien von Grams und Herrhausen entgegen. Einfachen Antworten hat sich Veiel immer verweigert.

Bemerkenswert an "Black Box BRD" ist vor allem auch, wen Veiel als Zeugen vor seine Kamera bekommen hat: Helmut Kohl und Traudl Herrhausen, den Vater von Wolfgang Grams und wichtige Vertreter der Deutschen Bank. Der Regisseur kann ungeheuer hartnäckig sein, wenn es um Interviewpartner geht. Und er strahlt etwas Jungenhaftes und Vertrauenerweckendes aus, kann Menschen mitreißen, bis jenseits von Schmerzgrenzen. In "Winternachtstraum" sind die Reibereien mit seiner Hauptdarstellerin während der Theaterproben noch wichtiger Bestandteil des Films; später ahnt man die Auseinandersetzungen mehr als dass Veiel sie thematisiert. In "Die Spielwütigen" verursacht das manchmal ein ungutes Gefühl beim Zuschauer, wenn die Schauspielschüler ihr Leben nachspielen für die Kamera und sich dabei offensichtlich nicht wohl fühlen.

Er wolle die Menschen in seinen Filmen nicht denunzieren, sagt Andres Veiel, da liege für ihn die Grenze der Inszenierung. Wichtig ist ihm auch die "Transparenz am Ende", indem er seinen Protagonisten die Möglichkeit gibt, das Filmmaterial einzusehen vor dem endgültigen Schnitt. "Ich hoffe, dass so eine Ebenbürtigkeit möglich ist."

In "Die Spielwütigen" hat er sich erstmals mit sehr viel Jüngeren beschäftigt, mit einer Generation, die ihm fremd ist. Mit dem Spielfilm Vesper, Ensslin, Baader, dessen Buch er gerade entwickelt, kehrt Veiel wieder auf vertrauteres Terrain zurück. Auch der Wechsel zur Fiktion erscheint dem Filmemacher nicht als großer Schritt. "Wir werden wieder vom Bekannten ins Unbekannte gehen", sagt Veiel, "und wieder ist das Ganze eine Schatztruhe an Widersprüchlichkeiten."