Das Wunder von Bern

Deutschland 2002/2003 Spielfilm

Fußballer bewarben sich mit Haarproben

Regisseur Sönke Wortmann über seinen neuen Kinofilm "Das Wunder von Bern" und das Problem des Zielpublikums.



Birgit Heidsiek, filmecho/filmwoche, Nr. 41, 11.10.2003

Am 16. Oktober startet Senator Sönke Wortmanns neuen Kinofilm "Das Wunder von Bern", mit dem der deutsche Regisseur und ehemalige Fußball-Profi sein langjähriges Traumprojekt verwirklicht hat. Beim diesjährigen Film-Festival in Locarno wurde diese berührende Familien- und Kriegsheimkehrergeschichte mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Diesen Herbst wird der Film auf den internationalen Festivals in Kuba, New Delhi, Chicago, London, Paris, Los Angeles und New York präsentiert.

Filmecho: Was hat Sie am Stoff fasziniert?

Sönke Wortmann: Für mich stellt „Das Wunder von Bern" nicht nur eine sportliche Sensation dar, sondern es markiert gleichzeitig einen Einschnitt in die deutsche Nachkriegsgeschichte. Ich habe dieses Tor allerdings nicht selbst live miterlebt, da ich damals noch nicht auf der Welt war. Eine Bedeutung bekam es für mich erst, als ich 17 oder Jahre 18 alt war und selbst viel Fußball gespielt habe. Als ich auf Filmhochschule in München studierte, lag es für mich einfach nahe, "Das Wunder von Bern" auf die Leinwand zu bringen. Da es jedoch sehr schwierig ist, einen Fußballfilm zu realisieren, habe ich dieses Projekt lange vor mir her geschoben. Zudem ist es technisch noch nicht lange möglich, ein Fußballspiel im vollen Stadium auf die Leinwand zu bringen. Daher hat es lange gedauert, bis ich mir selbst den Startschuss gegeben habe.

Filmecho: Sie haben das Drehbuch gemeinsam mit dem Koautoren Rochus Hahn geschrieben. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Wortmann: Ich kannte Hahn flüchtig von der Münchener Filmhochschule, hatte ihn aber aus den Augen verloren. Eines Tages rief er mich an, dass er eine Filmidee hätte und ich der einzige Regisseur sei, der dafür in Frage komme. Allerdings müssten wir uns beeilen, weil die Zeitzeugen langsam sterben. Dann schickte er mir einen Entwurf zu "Das Wunder von Bern". Da wurde mir klar, dass ich diesen Film jetzt realisieren muss, bevor ein anderer den Stoff verfilmt.

Filmecho: Wie sahen Ihre Recherchen aus?

Haben Sie Kontakt zu den alten Fußballspielern wie Helmut Rahn aufgenommen? Wortmann: Rahn lebte in den letzten zwanzig Jahren sehr zurückgezogen und wollte leider auch nicht mit uns in Kontakt treten. Für den Film hatte das zum Glück keine negativen Konsequenzen, weil wir mit allen anderen Spielern wie Fritz Walter gesprochen haben. Horst Eckel war sogar bei den Dreharbeiten dabei und ganz erstaunt darüber, wie sehr ihnen die Fußballspieler ähneln. Der Tod von Helmut Rahn hat mich jedoch sehr traurig gestimmt, weil er meinen Film, mit dem ich ihm ein Denkmal gesetzt habe, nun nicht mehr sehen konnte.

Filmecho: War es schwer, die Fußballspieler in "Das Wunder von Bern" zu besetzen? Wie sah das Casting aus?

Wortmann: Mein Ziel war, Fußballer als Schauspieler zu casten und nicht Schauspieler zu suchen, die Fußball spielen. Das ist der entscheidende Unterschied zu anderen Fußballfilmen, in denen den Darstellern oft anzusehen ist, dass sie es nicht beherrschen. Zudem mussten die Bewerber einige Sätze vor der Kamera sprechen können. Als drittes Kriterium kam noch die Ähnlichkeit hinzu. Das war schon ein sehr hohes Anforderungsprofil. Wir haben ganze Waschkörbe voller Bewerbungen erhalten. Da zu dieser Zeit gerade Daum mit Koks erwischt wurde, waren auch viele Haarproben dabei. Das zeigt, dass Fußballer durchaus Humor besitzen. Das gesamte Casting zog sich über ein Jahr hin und danach mussten wir die Dreharbeiten um ein weiteres Jahr verschieben.

Filmecho: Was war die Ursache dafür?

Wortmann: Der Film war noch nicht finanziert. Wir wollten eigentlich im Sommer 2001 drehen, hatten aber noch nicht genügend Geld zusammen. Unser Budget lag bei 7,5 Millionen Euro, weil wir bei dieser Produktion in keinem Bereich sparen wollten. So sind zum Beispiel in der Einstellung, in der Vater und Sohn beim Fußballstadium ankommen, 20 Busse zu sehen. Das ist zwar ein großer Kostenfaktor, doch ein einziger Bus hätte dafür nicht ausgereicht. Das galt genauso für die Kostüme der Komparsen in den Massenszenen.

Filmecho: Die technisch größte Herausforderung bei "Das Wunder von Bern" bestand darin, ein volles Fußballstadion aufzunehmen. Wie haben Sie das gelöst?

Wortmann: Für die Stadion-Szenen wurden 300 Statisten in historischen Kostümen einen ganzen Tag lang vor einer Green Screen in allen möglichen Variationen aufgenommen und später in der Postproduktion digital dupliziert. Bei der Nationalhymne mussten die Zuschauer ruhig und andächtig wirken, dann wieder klatschen und jubeln. Insgesamt haben wir 120 dieser VFX-Shots gedreht. Solche Massenszenen mit Zuschauern sind meines Wissens noch nicht auf diese Weise realisiert worden. Bei "Gladiator" hatte es Ridley Scott in dieser Hinsicht leichter, denn im alten Rom war die Zuschauertribüne durch eine zehn Meter hohe Mauer abgegrenzt, damit die Löwen nicht in die Menschenmenge springen konnten. Die Besucher in einem Fußballstadium hingegen sitzen direkt am Spielfeldrand. Deshalb musste jeder der einzelnen Komparsen authentisch aussehen, was einen großen Aufwand erforderte. In der Maskenabteilung wurden allein für die Statisten über 180 Perücken benötigt.

Filmecho: Haben Sie nur an Original-Schauplätzen oder auch im Studio gedreht?

Wortmann: Im Studio ist nur die Wohnung der Familie entstanden, die restlichen Dreharbeiten erfolgten an Locations im Ruhrgebiet. Da viele Arbeitersiedlungen inzwischen von Grund auf saniert worden sind, mussten wir uns in verschiedenen Städten umsehen. Eine Straße, die immer noch wie in den fünfziger Jahren aussieht, haben wir in Oberhausen gefunden, eine andere in Duisburg und die dritte in Recklinghausen.

Filmecho: Gibt es ein spezielles Zielpublikum für ihren Film?

Wortmann: Nein, ich möchte damit alle erreichen; jung und alt, Mädchen und Jungen. Aber es würde mich freuen, wenn ich Zuschauer über 60 anspreche, die schon seit zwanzig Jahren nicht mehr im Kino waren. Zu unserer ersten Sneak-Preview kam ein sehr junges Publikum, obwohl die Experten befürchtet hatten, dass dieser Film nur für die ältere Generation interessant wäre. Ich glaube jedoch, das sich auch jüngere Menschen mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen wollen.