Supermarkt

BR Deutschland 1973/1974 Spielfilm

Untergang eines nur Halbstarken

Roland Klick und sein neuer Film "Supermarkt"



Wolf Donner, Die Zeit, 08.02.1974

Alles ist super im Supermarkt, das Angebot, die Verführung, der Konsum. Manche verlieren die Übersicht, manche können nicht mithalten, und manche klauen.

Willi zum Beispiel. Verwahrlost, durch die Randgebiete Hamburgs streunend, ein Pechvogel; er läßt mitgehen, was er kriegen kann, und träumt von Reichtum, Erfolg und großen Taten. Der Polizei entwischt er gekonnt, aber in ein Klima, wo man auch für Verständnis, Liebe, Hilfe, Zuneigung bezahlen muß, paßt er trotzdem nicht: Einer geprügelten Dirne auf der Reeperbahn bietet er sich gleich als selbstloser Beschützer an; einem Schwulen, den er in eine Falle locken soll, verhilft er sofort wieder zur Flucht; den betrunkenen Penner, der ihm den großen Coup vermasselt hat, tröstet er, und er wird es ein zweites Mal mit ihm versuchen.

Willi ist zu gutmütig, nicht abgebrüht genug. Die Figuren um ihn beherrschen das Prinzip Supermarkt besser: kaufen, bezahlen, benutzen, dann weg damit. Ein Journalist nimmt den Jungen in seiner Wohnung auf, empfiehlt vorsichtig Anpassung, vermittelt einen Job. Im Grunde braucht er den Hilfsbedürftigen aber nur als moralische Entlastung in einer larmoyanten Krisenphase mit sozialen Schuldgefühlen. Als Willi von der Polizei gesucht wird, läßt er ihn nicht mehr in die Wohnung, als Willi schließlich gemordet hat, zeigt er ihn an. Ähnlich die anderen: Der reiche Schwule – von Weichheit bruchlos in brutale Härte überwechselnd – will ihm nur helfen, wenn er mit ihm schläft, dem Penner ist er nur als einträglicher Partner willkommen, und selbst das Mädchen, im Verhör mürbe gemacht, verrät ihn, um ihres Kindes willen.

In der Schlußszene geht Willi dem vermeintlichen Treffen mit der Freundin entgegen, um mit ihr abzuhauen. Sein Coup ist gelungen, er ist reich, er hat es geschafft; zum erstenmal hat er eine Aufgabe und ein Ziel, läßt er sich nicht mehr dumpf und unsicher treiben, sondern bewegt sich gelassen, frei, selbstbewußt. Nur der Zuschauer weiß, was ihn erwartet. Eine hoffnungslose, traurige Geschichte?

Roland Klick: "Eher ein trauriges Thema: die Verwahrlosung der Großstadtjugend. Dieser Junge ist eine Art Rocker, und deren Idealfigur ist der Cowboy – einsam, ohne Liebe, aber heroisch und alles regelnd. Sie sind Kraftmenschen im Grunde aber feminin bestimmt. Bei dem Mädchen entwirft Willi Bilder von sich als Vater und Retter, als Beschützter. Er will sich durchsetzen, etwas erreichen. Nur die Musik des Films ist eine Parteinahme für ihn, für seine Sehnsucht nach Großem, Schönem. Wenn er schießt, ist das eine Attitüde und auch nackte Existenzangst. Attitüde und der Versuch, sich zu realisieren, sind deckungsgleich bei Rockern."


Wenn er in seiner Ausweglosigkeit den Schwulen und dann den Kumpel tötet, weil sie ihn unmittelbar bedrohen und seinen Wunschtraum gefährden, hat er Tränen in den Augen. Das ist schrecklicher als eine breit ausgespielte Gewaltszene. Attitüde und existentieller Vollzug: Willi rutscht dauernd in Haltungen, Verhaltensweisen ab, die den Klischees von Actionfilmen entsprechen, die aber das Genre umkehren, indem sie Gewalt analysieren, nicht nur spekulativ benutzen.

Das heißt nicht, Klick heroisiere seine Figur oder identifiziere sich mit ihr. Er hält vielmehr eine faire Balance von Distanz und Solidarität, indem er Ursachen, Entwicklungen, Zusammenhänge zeigt und sowohl innerhalb einer Geschichte als auch in einem greifbaren sozialen Bezugsrahmen argumentiert. Den Willi spielt der Fürsorgezögling Charly Wierzejewski (der inzwischen wieder verschollen ist) ganz unmittelbar und glaubwürdig, erschütternd in seiner scheuen, traurigen Hoffnungslosigkeit.

Die Authentizität der Figur und des Ambiente erklärt Klick mit seinem Prinzip beim Filmemachen: "Ich halte es geradezu für ein Gebot filmischer Moral, Leute nicht der Entfremdung zu unterwerfen und sie zu Schauspielern zu machen. Im Gegenteil, bei Schauspielern muß man meist die Maske erst mühsam wegräumen. Ich bin da ganz rücksichtslos, ich muß an die Menschen ran, ihre Persönlichkeit ergründen – die kann ich dann in ein präzises dramaturgisches Konzept einbringen. Michael Degen habe ich zum Beispiel für den Journalisten genommen, weil der in einer persönlichen Krise steckt, nicht mehr den Helden auf der Bühne spielen will, Porsche und soziale Phrasen nicht vereinbaren kann. Und die Eva Mattes ist plötzlich seltsam zart und lieb hinter der Fassade des Vulgären, Sinnlichen. Das mußte sie immer wieder spielen, aber dieses Klischee wollte ich nicht nochmal ausbeuten."

Der herrlich gemein-hilflose Penner Walter Kohuts und der melancholische zart-brutale Homosexuelle Michael Rehbergs überzeugen und "stimmen" wie die Bilder und Szenen, die Klick findet: den Strich am Hauptbahnhof, die Polizeiwache, die feinen und die fiesen Kneipen, den gar nicht krimiüblich kühl zelebrierten, sondern mit Ach und Krach durchgehechelten Überfall auf einen Supermarkt-Geldtransport, die Wohnung des Journalisten, dessen Freundin eine Szene macht wegen der Unordnung, der Socken im Becken, Willi bei dem Mädchen, mit dem er nicht schlafen kann und will, weil sie ihm mit zu professioneller Routine kommt. Der Film ist erstaunlich sicher, einfach und sorgfältig gemacht, so effektiv wie effektvoll.

"Die Vorbereitungen haben eineinhalb Jahre gedauert. Ich habe Jugendkriminalität, Soziologie, Psychologie studiert, Fakten gesammelt und selbst längere Zeit einen jugendlichen Kriminellen bei mir aufgenommen. Achtmal habe ich das Buch umgeschrieben, die Dialoge waren anfangs nur theoretisches Geschwätz. Das Hauptproblem war, das Gerede zurückzuübersetzen in klare, plastische, sofort begreifbare Bilder, in denen alles sein mußte, was ich wußte. Aber wenn das Feld abgesteckt ist, kann es nicht mehr ganz schiefgehen. Nur die Schauspieler und ihre Probleme ergeben Verschiebungen; weil sie aber fest zu der Geschichte gehören, akzeptiere ich das gern. Meine Filme sind der Niederschlag von Beziehungen, als Regisseur bin ich der Initiator eines gruppendynamischen Prozesses."

Filme als das Ergebnis einer unmittelbaren subjektiven Betroffenheit, einer Erfahrung, die er ausbaut und der er nachgeht, einer intensiven Beziehung zu Menschen: einem kleinen Jungen ("Bübchen", 1968; "Da hatte ich mich auf eine ungeheure Weise auf einen Neunjährigen eingelassen..." ), zu der damals noch unbekannten Mascha Rabben ("Deadlock", 1970), nun zu diesem Zögling. Wenn Klick über ihn spricht, schieben sich die reale Person, die Rolle im Film und Erfahrungen mit dem, den er bei sich aufgenommen hatte, ineinander. Die Leute werden ein integraler Bestandteil des Films, werden eingebaut und die Handlung ihnen angepaßt.

"Bübchen": Ein Junge erstickt sein einjähriges Schwesterchen und läßt die Leiche verschwinden. Das Motiv wird indirekt mitgeteilt: Vorstadt, enger bedrückender Spießermuff, brutale leere Gesichter, Salzstangen, Bier und kalt gewordener Nudelauflauf – eine Atmosphäre lähmender Trostlosigkeit und schwelenden Unglücks. Zuerst verrissen, nach zwei Jahren neu gestartet als "Der kleine Vampir" und da hochgelobt, erscheint dieser Film heute ganz frisch; seine raffinierten dramaturgischen Spannungsbögen bewirken Spannung, seine Klarheit Erschrecken.

"Deadlock": ein Quasi-Western, ein Reißer und ein lyrisches Gespinst aus Farben, flirrendem Licht, Wüstensand und schemenhaften Figuren. Im Grunde war es ein Drogenfilm, ein Trip für das Team und den Regisseur. Die Kamera Robert Van Ackerens und die berühmte Musik der Can vergegenwärtigten das Lebensgefühl der Drogenszene, des genußvollen Ausflippens.

Warum nur alle paar Jahre ein Film? "Ich kann nur machen, was mich ganz stark beschäftigt und wovon ich ganz überzeugt bin. Ich will mich nicht irgendwelchen Mechanismen anpassen, sondern mein eigenes Instrumentarium, den eigenen Atem bewahren. Andererseits muß man den psychischen Rhythmus des Publikums finden. Das ist eine Frage des timing , der Überlegung, wie lange Menschen heute ein Gesicht ansehen wollen, eine Stimmung ertragen können, wie weit sie einer Handlung zu folgen bereit sind. Bei "Deadlock" hatte ich eine innere Ruhe, einen großen Atem, der dem hastigen, frustrierten Alltagsmeschen nicht unbedingt entsprach. Bei "Supermarkt" bin ich da optimistischer."
© Wolf Donner