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Der norwegische Zugführer Odd Horten befindet sich auf seiner vorletzten Fahrt von Oslo nach Bergen. Bereits übermorgen geht die Rentenzeit des 67-jährigen los. Dann aber passiert es: Zum ersten Mal in seinem Leben verschläft Horten und verpasst an seinem letzten Arbeitstag seinen Zug zurück nach Oslo. Sein Versuch, die Bahn unterwegs einzuholen, ist der Beginn einer aberwitzigen Odyssee.
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Die Fete verläuft in Maßen feucht und ausgelassen fröhlich, etwa beim Gesellschaftsspiel für Insider, „Zugtöne erraten“. Dabei verlässt Odd kurzzeitig die Wohnung – und kommt durch einen defekten Türöffner nicht wieder hinein. So sieht er sich zum halsbrecherischen Weg über das Baustellengerüst gezwungen – und bleibt bei einem Nachbarsjungen hängen, der nicht einschlafen kann. „Opa“ Odd liest ihm eine Geschichte vor, über der schließlich beide in Morpheus Arme fallen. Sodass er sich am anderen Morgen erst einmal unter dem Etagenbett des Kleinen verstecken muss, um unangenehmen Fragen – wenn nicht gar mehr – des ahnungslosen Vaters zu entgehen.
Und so passiert es Odd an seinem letzten Arbeitstag nach vier Jahrzehnten das erste Mal, dass er zu spät zum Bahnhof kommt: Vom Zug mit einem Ersatz-Lokführer sieht er nur noch die Rücklichter. Was der kurzzeitig sogar in Hektik verfallene Rentner als Zeichen ansieht, Zwischenbilanz zu ziehen und womöglich einige Dinge in seinem Leben zu korrigieren, wenn nicht gar zu ändern, solange es noch geht. Zunächst will er sein Boot an den Kumpel Flo verkaufen und dann Leif Thøgersen aufsuchen, mit dem er seit fast fünfzig Jahren befreundet ist. Doch in dessen Tabakgeschäft trifft er nur noch auf dessen Witwe – und ist immerhin um eine nagelneue Pfeife reicher.
Als er wieder draußen auf der Straße steht, es ist inzwischen dunkel geworden in Norwegens Hauptstadt, liest er einen Trinker förmlich von der Straße auf. Trygve Sissener, ein promovierter Akademiker, ist offenbar viel in der Welt herumgekommen, wie die zahllosen Gegenstände seiner Wohnung belegen, in die er seinen „Retter“ Odd einlädt. Das gepflegte Gespräch der beiden Alten bei geöffneter Hausbar mündet in einer Autofahrt mit verbundenen Augen, die Odd als Beifahrer erlebt – und als einziger überlebt, sieht man von Trygves Hund Molly ab, der sich nun an ein neues Herrchen gewöhnen muss.
Um dieses tragische Geschehen zu verdauen und zu sich selbst zu kommen, lässt Odd sich im Hallenbad einschließen, um des Nachts das große Becken nur für sich zu haben. Allein ein junges Liebespärchen hat die gleiche Idee – und nun muss unser frisch gebackener Ruheständler die Flucht auf roten, hochhackigen Pumps antreten in Ermangelung der eigenen Treter, die irgendein dienstbarer Geist entsorgt hat. Solchermaßen auf den Geschmack gekommen, wäre Odd gar nicht abgeneigt, seiner alten Liebe zu Svea neues Leben einzuhauchen. Zuvor jedoch wagt er einen ganz anderen Sprung, der über Leben und Tod entscheiden könnte: Auf Sisseners Skiern die Holmenkollen-Schanze hinunter, mitten in der Nacht und in absoluter Dunkelheit...
Sämtliche Arbeiten des Ende 1956 in Sandefjord geborenen und in Stockholm zum Filmemacher ausgebildeten Norwegers Bent Hamer eint eine wunderbar lakonische Erzählweise, die einher geht mit seinem Hang zum filmästhetischen Minimalismus und so eine ganz besondere Atmosphäre erzeugt, der man sich nicht entziehen kann, vorausgesetzt, man hat sich einmal auf sie eingelassen. Wobei „O’Horten“ ganz besonders von Bent Hamers trockenem Humor geprägt ist, der in vielen kleinen Momenten und auf den ersten Blick gar nicht so komischen, sondern vor allem unwirklichen Situationen zum Ausdruck kommt. Der am 22. November 2010 auf Arte erstausgestrahlte Film lebt naturgemäß in erster Linie von der Skurrilität (im Englischen „odd“) nicht nur seiner Titelfigur: Trygve Sissener („Ich bin nur nüchtern, wenn ich trinke“) steht Odd Horten in nichts nach, wenn er, August Strindberg zitierend, sich die Strickmütze über die Augen zieht und den klapprigen Citroen blind durch das nächtliche Oslo steuert.
Pitt Herrmann