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Klar, gehen könnte man immer. Jetzt. Sofort. Man könnte aus dem Auto, dem Zug, vom Fahrrad steigen und einfach weg sein. Diesem Gedanken, den man normalerweise rasch verdrängt, gibt der 43-jährige Paul Zeise eines Tages nach und lässt alles zurück: Frau, Beruf, die gesamte bürgerliche Existenz. Fortan gondelt er als freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land. Ungebeten setzt er sich in fremde Autos, ebenso ungebeten taucht er auf Partys und Beerdigungen auf, macht gemeinsame Sache mit einer dementen Großmutter und versetzt unabsichtlich eine Kleinfamilie in Angst und Schrecken, weil er sich schamlos in deren Leben drängt. Von einem Studenten nach Polen mitgenommen, irrt er dort als Wohnungsloser durch die Straßen, zieht zwischenzeitlich ins Krankenhaus ein und verliebt sich schließlich in die etwas durchgeknallte Nele (29), die ihn ihrerseits ins Wunderland ihres Lebens hineinzieht. Dass ihm inzwischen ein von seiner Frau beauftragter Privatdetektiv auf den Fersen ist, ahnt Paul nicht. Julian Pörksens Film ist ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen und verirrten Charakteren bevölkerte Welt.
Quelle: 68. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Wie wollen wir leben? Und: Haben wir überhaupt eine Alternative? In jungen Jahren, nach dem Abitur vielleicht oder spätestens nach dem Studium, sehnt man sich nach mindestens einem Sabbatjahr. Für eine Weltreise oder wenigstens die Durchquerung der USA auf einer der legendären Routen. Aber später, wenn man einen Beruf hat und Familie, kann man nicht so einfach aus dem Auto, aus dem Zug oder vom Fahrrad steigen, um sich für sein gewohntes Umfeld unsichtbar zu machen.
Anders der 43-jährige Paul Zeise, der eines Tages einer plötzlichen Eingebung folgt und seine gesamte bürgerliche Existenz zurücklässt unter Einschluss seiner Frau Luise. Die beauftragt daraufhin den Privatdetektiv Ulrich Klinger, ihren Gatten zu suchen und nach Hause zurück zu bringen. Ein Auftrag, der dem Ermittler zunehmend Probleme bereitet, hat er sich doch bald selbst in die so schnöde Verlassene verliebt. Und Paul? Der schlägt sich als stets gut gelaunter, freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land.
Macht etwa für vier Wochen Station bei Silbermann und dessen Sohn Sebastian. Dabei hat diese bindungslose, radikal freie Lebensweise auch ihre Schattenseiten. Weil sie auf seine Mitmenschen nicht nur neidvoll-faszinierend, sondern eben auch kopfschüttelnd-provozierend wirkt. Diejenigen, die sich von ihm und seiner Freiheit angezogen, ja vielleicht gar inspiriert fühlen, befragen erst sich selbst und dann Paul, wie er das hinbekommt in unserer durchbürokratisierten Hightech-Welt.
Andere beschimpfen ihn als Schmarotzer, Betrüger und potenziellen Verführer, nachdem er sich ungebeten in ihr Auto gesetzt, in ihre Party eingeschleust oder in das Leben einer Kleinfamilie hineingedrängt hat. Mit stets freundlichem Gesichtsausdruck, aber schamloser Unerbittlichkeit. Flo, Erasmus-Student in Łódź, sieht das lockerer und nimmt ihn mit nach Polen, wo Paul als Wohnungsloser durch die Straßen irrt und zwischenzeitlich in ein Krankenhaus einzieht, nachdem er sich mit einem Komapatienten angefreundet hat und nach dessen Tod für einige Zeit in seiner Wohnung lebt. Spätestens jetzt, mit dem einsamen Sterben des krebskranken Kunstmäzens konfrontiert, ist die anfängliche Leichtigkeit des Seins dahin. Paul macht sich Gedanken über seine eigene Zukunft, in denen die nach wie vor untröstliche Gattin Luise keinen Platz hat.
Mit einer Motorradclique auf dem Weg zurück nach Deutschland lernt Paul auf einer Raststätte die unbehauste, sprunghafte und jedenfalls etwas durchgeknallte 29-jährige Nele kennen – und verliebt sich sogleich in sie. Er lässt sich von ihr zur Weiterreise verführen und verlebt an ihrer Seite glückliche Tage in einer fremden Wohnung und in fremder Kleidung. Zum ersten Mal seit langer Zeit kann er sich eine Zukunft in Zweisamkeit vorstellen, als ihnen die Verfolger dicht auf die Pelle rücken. Als dann Neles Freunde auftauchen, platzt der Traum schlagartig. Paul, der sich auf einem Spielplatz kurz mit dem Detektiv austauscht und ihm durch die Blume grünes Licht bei seiner Gattin gibt, ist wieder ganz auf sich gestellt. Am Ende sehen wir ihn irgendwo in den Bergen an einer einsamen Bushaltestelle stehen...
„Verloren sind sie alle, irgendwo“ sagt der Regisseur über seine Protagonisten, „freiwillig und unfreiwillig“. Sein deutsch-polnisches Roadmovie entwirft ein Mosaik aus Lebensgeschichten und Begegnungen mit eher traurigem Unterton – Befindlichkeitskino made in Germany fürs Arthouse-Publikum, das vor allem durch seine Besetzung, noch zu nennen Monika Lennartz als demente Großmutter Helga, punktet. Julian Pörksen, Freiburger des Jahrgangs 1985, hat bei Christoph Schlingensief assistiert, bevor er in Berlin und Leipzig studierte. Sein Stück „Wir wollen Plankton sein“ wurde 2017 am Schauspiel Köln uraufgeführt, nach einem Kurzfilm ist „Whatever Happens Next“ sein Langfilmdebüt, am 14. Februar 2022 im „Dritten“ des Mitteldeutschen Rundfunks erstausgestrahlt.
Julian Pörksen im Presseheft: „Paul Zeise bricht auf in eine ungewisse Zukunft. Er lässt alles zurück, sein bürgerliches Dasein, seine Beziehung, sein Haus, seinen Beruf, er tauscht Sicherheit, Geborgenheit, Bindung gegen ein Leben im Offenen. Damit verkörpert er einen radikalen Gegenentwurf zu den Normen unserer Gesellschaft. Er ist selbstbestimmt, indem er sich treiben lässt, er hat keinen Lebensentwurf, er wirft sich ins Leben, setzt sich aufs Spiel, spielt mit Versionen seiner selbst, setzt sich dem Zufall aus, den Menschen, die ihm über den Weg laufen. Verantwortung übernimmt er nur gegenüber dem Moment, dem Augenblick, der Gegenwart – und lebt damit nach der programmatischen (und titelgebenden) Äußerung von John Cage: ‚I welcome whatever happens next‘“.
Pitt Herrmann