Orpheus in der Unterwelt

DDR 1973/1974 Spielfilm

Inhalt

Verfilmung der Operette von Jacques Offenbach, mit modernen Elementen versehen: Als Orpheus′ Frau Eurydike stirbt, rührt der Sänger die Götter mit seinem Gesang so tief, dass sie ihm erlauben, in die Unterwelt hinabzusteigen und seine Frau zurückzuholen. Und doch endet die Geschichte tragisch: Orpheus hält sich nicht an das Gebot der Götter, auf keinen Fall zurückzuschauen, und verliert Eurydike wieder.

 

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Heinz17herne
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„Was Mythologie ist, bestimme ich“ lässt sich Göttervater Jupiter vernehmen nach knapp neunzig höchst amüsanten Kino-Minuten im nach der ebenfalls heiteren, wenn auch vergleichsweise harmloseren Offenbachiade „Salon Pitzelberger“ (1964) zweiten und letzten Defa-Musikfilm des Theaterregisseurs Horst Bonnet. Der sein Handwerk bei Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin gelernt hat, bevor er das ernste Genre an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden auf die Bühne brachte und die so schwer zu machende leichte Unterhaltungsware um die Ecke am Bahnhof Friedrichstraße im Metropol-Theater, „der“ hauptstädtischen Operettenbühne im einstigen Admiralspalast. Sein so freizügiger wie politisch freimütiger Film hat Bonnets eigene Offenbach-Inszenierung im Metropol-Theater zur Grundlage, die über zehn Jahre für ausverkaufte Vorstellungen sorgte.

Im Gegensatz zum antiken Mythos ist bei Offenbach – und Bonnet – Orpheus ein Musikprofessor in der Kleinstadt Theben, der sich nun befreiter eigenen amourösen Interessen bevorzugt an seinen Schülerinnen widmen kann, seit der als Schäfer verkleidete Pluto seine attraktive, allseits umschwärmte und notorisch untreue Gattin Eurydike in die Unterwelt entführt hat. Nun kommt der Komponist Jacques Offenbach (Gerry Wolff) ins Spiel, der seine eigenen Liebesaffären gefährdet sieht und Orpheus überredet, den „Instanzenweg“ einzuhalten und mit ihm zusammen im Fesselballon zum Olymp zu reisen, um von den Göttern die Entführte zurückzufordern: Die Väter seiner jungen Geigenschülerinnen würden diese wohl kaum einem frischgebackenen Witwer anvertrauen.

Dort finden sie freilich eine so desolate wie dekadente Gesellschaft vor. Mit einer sehr offenherzigen Jagdgöttin Diana an der Seite des gülden mit Lorbeer und Sternen bekränzten Göttervaters Jupiter und dessen Gattin Juno. Rein zufällig stoßen sie auch auf Pluto, welcher rundum leugnet, Eurydike entführt zu haben. Um seine Behauptung zu verifizieren, lädt Pluto alle in die Unterwelt ein. „Dieser langweilige Himmel mit immer demselben Berliner Blau hängt mir schon langsam zum Halse heraus“: Die ganze Göttergesellschaft folgt ihm willig, beklagt sie sich doch schon seit geraumer Zeit über die „verkommene Ernährungspolitik des Olymp“. Nun freut sie sich auf „höllische Spirituosen“.

In der Unterwelt langweilt sich die vom Höllenhund Styx, dem einstigen Prinzen von Arkadien, bewachte Eurydike fürchterlich. Als Fliege verwandelt will Göttervater Jupiter nicht nur die darob wenig erfreute Schöne aus ihrer „Zelle 13“ befreien, sondern auch sich selbst vom Vorwurf seiner eifersüchtigen Gattin Juno, hinter dieser Entführung zu stecken. Aber Orpheus möchte seine von Styx umworbene Gattin nicht wirklich zurück. Zu seiner großen Freude spielt Pluto ihm in die Karten und verhindert – mit Blick auf die Mythologie, nach der Orpheus mit Eurydike die Unterwelt verlassen muss, ohne sich nach ihr umzudrehen - im letzten Moment Eurydikes Rückkehr nach Theben…

Das Genre des heiteren (Operetten-) Musikfilms aus den Babelsberger Studios eignet sich hervorragend als Blitzableiter: Missstände in Staat und Gesellschaft können satirisch kommentiert, politische Witze kaum verbrämt das Publikum, gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören, in ausgelassene Stimmung bringen – live an der Friedrichstraße wie im Kino. Wenn von „Kooperation“ mit der „todschicken“ Unterwelt die Rede ist, weiß das Publikum sofort, was gemeint ist – die deutsch-deutschen Verhandlungen zur Verbesserung der Lebensqualität der DDR-Bürger. In Horst Bonnets Leinwand-Adaption ist analog zu seiner Metropol-Inszenierung der Olymp ein Reich des süßen Nichtstuns, wo von sozialistischer Arbeitsmoral keine Rede ist. Die Götter sind darin die „Oberen“, die sich wie die SED-Funktionäre in ihren geschützten Hohenschönhauser oder Wandlitzer Enklaven alle Rechte herausnehmen können, ohne Konsequenzen befürchten müssen nach dem Motto „Wie der Herr so‘s Gescherr“: Göttervater „Juppi“ ist der größte Hallodri.

Gerry Wolff, Achim Wichert und Fred Düren haben übrigens selbst gesungen, alle anderen haben sich von Gesangssolisten und Chormitgliedern der Deutschen Staatsoper Unter den Linden sängerisch „doubeln“ lassen. Tom Schilling choreographierte die Ballett-Einlagen der Ensemble-Mitglieder der Komischen Oper und des Metropol-Theaters, Robert Hanell stand am Pult des Defa-Sinfonieorchesters.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Titel

  • Originaltitel (DD) Orpheus in der Unterwelt

Fassungen

Original

Format:
70mm, 1:2,21 (DEFA-70)
Bild/Ton:
Orwocolor, 6-Kanal Magnetton
Aufführung:

Uraufführung (DD): 07.02.1974, Berlin, Kosmos