Mosch

BR Deutschland 1980 TV-Spielfilm

Inhalt

Der junge Arno erbt Anteile an der Seifenfabrik seines Großvaters und soll die Gesamtleitung in Wuppertal übernehmen. Im Betrieb trifft er auf den seit Jahren dort beschäftigten Prokuristen Mosch, der sämtliche Ideen und Verbesserungsvorschläge von Arno abblockt. Der Konflikt zwischen dem Modernisierer und dem am Status Quo festhaltenden Konservativen artet bald in einen Kleinkrieg aus.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Ende der 1940er Jahre, unmittelbar nach der Währungsreform. Der junge Student Arno Frühwaldt ist aus der Kriegsgefangenschaft zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone gelandet. Als er einen kleinen Anteil einer Seifenpulver- und ehemaligen Schuhwichsmittelfabrik seines Großvaters in Wuppertal erbt, stellt er seinen Traum von der großen Freiheit fernab vom Kriegsschauplatz Europa hintan und widmet sich der Nachkriegs-Wirklichkeit: „Aufbau“ lautet landauf-landab das Stichwort.

Doch die Vokabel „Innovation“ scheint die verschlafene Stadt an der Wupper noch nicht erreicht zu haben: Arno muss sich nicht nur mit seiner Tante Kapellmann, die als Mehrheitseignerin drei Viertel der Anteile hält, auseinandersetzen, sondern auch mit dem alten, konservativen und seit 50 Jahren dort beschäftigten Prokuristen Mosch. Der mürrische, ja verbiesterte Witwer, der seinen Sohn im Krieg verloren hat, hält als kaufmännischer Leiter alle Fäden zusammen – und vor allem das für einen Neuanfang so wichtige Kapital. Was bei Arno, der freilich seitens seiner (Aus-) Bildung nicht gerade prädestiniert dafür erscheint, einmal die Leitung der Fabrik zu übernehmen, geradezu Gewaltphantasien freisetzt.

Tankred Dorst stellt das stille, bisweilen aber auch explosiv-laute Duell zwischen Arno und Mosch in den Mittelpunkt, alles andere interessiert nur am Rande oder ist gar, wie die schillernde Figur von Arnos Freundin Billy, nur Staffage. Das Duell endet überraschend wie mysteriös: Mosch stirbt durch eigenes Versagen an Herzschlag. Der Weg für Arno und den Fortschritt wäre nun frei, zumal nun auch seine Tante endlich bereit ist, zu investieren. Doch inzwischen hat Arno seine Liebe für die Brettl-Kunst entdeckt – mit der Bochumer Schauspielerin Marie-Luise Marjan als Chansonsängerin und der aufstrebenden Bochumer Zadek-Entdeckung Herbert Grönemeyer (neben Miroslav Nemec) als Kabarettist. Sodass er sich vorstellen kann, die „Klitsche“ zu verlassen und ins künstlerische Fach zu wechseln…

In den 1980er Jahren folgte eine Nachkriegszeit-Welle der vielfachen Beschäftigung mit der Nazizeit und dem Holocaust. Für die Überleitung sorgten Filme wie Rainer Werner Fassbinders „Ehe der Maria Braun“ oder Walter Kempowskis Familien-Saga „Tadellöser & Wolff“, welche den Wiederaufbau Deutschlands mit der Weimarer Republik und dem „Tausendjährigen Reich“ verknüpften. Tankred Dorst hat mit seinem Fernsehfilm, der zum Ende der Dreharbeiten Anfang März 1980 noch den Untertitel „Ein Winter in Wuppertal“ trug, das von ihm als „Geschichte einer Obsession“ charakterisierte Duell zwischen Arno und Mosch (der Name ist eine Ableitung aus dem Französischen: „moche“, dt. „scheußlich“) zu individuell, zu persönlich gestaltet, als dass es modellhaft für die Nachkriegszeit und insbesondere für die restaurative Adenauer-Ära stehen könnte.

„Mosch“ ist eher eine – hervorragend inszenierte und gespielte – psychologische Studie der beiden Protagonisten. Tankred Dorst, dessen Großvater eine Seifenfabrik in Wuppertal besaß, hat seinen Film durchaus autobiographisch grundiert und mit viel Lokalkolorit versehen. Gedreht mit zwei kleinen Ausnahmen in Schwarzweiß nur an Originalschauplätzen in Wuppertal und Köln (Schokoladenfabrik und Kabarett „Senftöpfchen“), ist die Produktion des Westdeutschen Rundfunks (PL Hartwig Schmidt) nach der Erstausstrahlung auch in (Programm-) Kinos gezeigt worden, was sich Tankred Dorst in seinem Vertrag mit dem WDR ausdrücklich zusichern ließ. Ungewöhnlich: Erst auf das Drehbuch folgte im gleichen Jahr die Prosa im Suhrkamp-Verlag.

Zum „Mosch“-Team gehören gute Bekannte aus Dorsts Zeit als Hausautor am Schauspielhaus Bochum unter dem Intendanten Peter Zadek: der Dramaturg Horst Laube, die Schauspieler Ernst Konarek, Rudolf Voss – und Ulrich Wildgruber als kommunistischer Privatgelehrter Paul („Wer lebt, stört“), der sein Bett nicht zu verlassen scheint, sowie Rosel Zech als seine Schwester Adele. Es ist kein Zufall, das Professor Gerhard Mensching von der Ruhr-Universität Bochum die Dorst-Werkausgabe bei Suhrkamp betreut. Nicht zuletzt sind über die gemeinsame Theaterarbeit an der Bochumer Königsallee Zadek-Filme wie „Der Pott“, „Eiszeit“, „Rotmord“ und „Ich bin ein Elefant, Madame“ entstanden.

Bemerkenswert ist zudem, dass Wuppertal in den 1980er Jahren beinahe über Nacht von Filmemachern aus dem Ruhrgebiet als Modellfall industrieller Wirklichkeit vom 14. bis ins späte 20. Jahrhundert entdeckt worden ist – parallel zur Renaissance Else Lasker-Schülers auf den bundesdeutschen Bühnen. Wie Tankred Dorst Mitte September 1980 beim Literaturforum der Wuppertaler Volkshochschule bekundete, hat er eine Traumszene in „Mosch“, in der Else Lasker-Schüler auftreten sollte, als „zu kunstgewerblich“ verworfen.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
105 min
Bild/Ton:
s/w + Farbe, Ton
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 24.09.1980, ARD

Titel

  • Originaltitel (DE) Mosch

Fassungen

Original

Länge:
105 min
Bild/Ton:
s/w + Farbe, Ton
Aufführung:

TV-Erstsendung (DE): 24.09.1980, ARD