Inhalt
Berlin 1931. Vater Bönike und sein Sohn sind wie hunderttausend andere auch arbeitslos, Tochter Anni hat eine schlecht bezahlte Anstellung in der Fabrik. Als ihr Bruder sich das Leben nimmt und die Familie kurz darauf ihre Wohnung räumen muss, zieht sie in die Zeltkolonie "Kuhle Wampe" vor den Toren Berlins. Anni überwirft sich mit ihrem Freund Fritz, von dem sie schwanger ist, und zieht zu ihrer Freundin Gerda, die gerade ein großes Arbeitersportfest organisiert. Bei der Veranstaltung finden Anni und Fritz wieder zueinander und auf der Heimfahrt kommt es zum berühmten Schlussdialog. "Wer soll denn die Welt verändern?", fragt ein offensichtlich gut situierter Herr. Antwort Gerda: "Die, denen sie nicht gefällt."
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Doch Anni spürt, dass für Fritz eine Hochzeit nicht in Frage kommt, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Weil die damit verbundenen familiären Rücksichten sein berufliches Weiterkommen zu stark behindern würden – und das in dieser angespannten wirtschaftlichen Lage. Als Fritz auf der Feier auch noch erklärt, er sei zur Verlobung gezwungen worden, ist Anni zu einem Ende mit Schrecken entschlossen. Sie ist stark genug, als Konsequenz alle Brücken abzubrechen und allein nach Berlin zu gehen. In der Hauptstadt trifft sie bei einem großen Arbeitersportfest des kommunistischen Jugendverbandes wieder auf Fritz, der inzwischen ebenfalls seine Arbeit verloren hat. Und nun scheint ein Neuanfang der beiden möglich zu sein, zumal sie politisch-weltanschaulich einer Meinung sind. Wie sich auf dem Heimweg in der S-Bahn zeigt, wo die jungen kommunistischen Arbeiter mit Bürgerlichen diskutieren – und dann das von Hanns Eisler vertonte Solidaritäts-Lied Bert Brechts anstimmen: „Vorwärts und nicht vergessen…!“
Der u.a. mit Erwin Geschonneck als Arbeitersportler, Gerhard Bienert als Zeitungsleser in der S-Bahn und Willi Schur als Verlobungsgast Otto prominent besetzte 74-minütige Low-Budget-Streifen, an dem mehrere tausend (!) Laien, aber etwa auch der Chor der Berliner Staatsoper mitwirkten, ist in der DDR am 16. Februar 1958 in den Kinos gekommen, die Erstausstrahlung war am 26. März 1975 im Fernsehen der DDR. Man sieht „Kuhle Wampe“, in der Mitte der 1930er Jahre wegen Verunglimpfung des Reichspräsidenten, der Justiz und der Religion dreimal zensierten, um gut 230 Meter reduzierten und damals weiterhin unter Jugendverbot gestellten Fassung, heute vor allem als film- und zeithistorisches Dokument, so im Februar 2012 in der Retrospektive der 62. Berlinale. Gilt dieser unabhängig produzierte (nach der Prometheus-Pleite Anfang 1932 vollendete Praesens Film aus Zürich), der 2020 restauriert und digitalisiert wurde, doch als einziger genuin kommunistischer Propaganda-Streifen der Weimarer Republik,
Trotz aller plakativer Schwarz-Weiß-Malerei und nach der Goebbelschen Propagandamaschinerie im Dritten Reich nur noch schwer erträglicher Szenen suggestiver Massen-Agitation verhalf ihm seine politisch-gesellschaftliche Brisanz noch einmal in den 1970er Jahren in Westdeutschland zu einer Renaissance in den Kinos angesichts hoher Arbeitslosenzahlen, einer weltweiten Rezession und damit verbundenen starken inflationären Tendenzen. Aber auch durch die Berufsverbote für DKP-Mitglieder im öffentlichen Dienst, durch die politische Zensur der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten, die etwa den Dramatiker Franz-Xaver Kroetz und seine Stücke betraf, nur weil er sich damals der Deutschen Kommunistischen Partei angeschlossen hatte. Und nicht zuletzt durch die anhaltende Diskussion um den Abtreibungs-Paragraphen 218 auch nach der längst nicht nur von der, wie wir heute wissen, Fünften Kolonne der SED und KPdSU in Westdeutschland als Skandal empfundenen Ablehnung der Reform durch das Karlsruher Bundesverfassungsgericht.
Aber auch heute erschließt sich die enorme Wirkung des Films auf das Publikum, die Bertolt Brechts Worte verifiziert: „Aus dem Haus (der Filmprüfstelle, Anm. ph) gehend, verhehlten wir nicht unsere Wertschätzung des scharfsinnigen Zensors. Er war weit tiefer in das Wesen unserer künstlerischen Absichten eingedrungen als unsere wohlwollendsten Kritiker.“ Bei der Zensur ging es zum einen natürlich um den „proletarischen Film“ generell: Die Behörde wusste, wer Brecht, Eisler, Busch und Dudow waren, wusste um die Absicht der KPD, mit der Prometheus-Film Propaganda für die eigene Sache (und für das heutige Publikum erschreckend: eher gegen die als verbürgerlicht-saturiert geschilderten Sozialdemokraten als die rasch erstarkenden Nationalsozialisten) machen zu wollen.
Es ging auch um aus heutiger Sicht völlig harmlose Nacktszenen beim Arbeitersportfest – mit dem Ball spielende junge Leute draußen im Grünen. Vor allem aber ging es um die gesellschaftlich brisante Stoßrichtung der Aussagen von „Kuhle Wampe“ abseits rein parteipolitischer Agitation. So heißt es in der Begründung der Filmprüfstelle Berlin vom 31. März 1932: „Im weiteren Verlauf der Handlung wird in nicht ausgesprochener, aber darum nicht minder eindrucksvollen Art gegen den § 218 des Strafgesetzbuches Stellung genommen und dabei deutlich unterstellt, daß die Möglichkeit der Umgehung dieses Gesetzes lediglich eine Geldsache sei, daß dieses Gesetz also einseitig gegen den besitzlosen Teil der Bevölkerung wirke.“
Pitt Herrmann