Inhalt
Die Geschichte zweier Einzelgänger, die genau darüber ein Paar werden: Paul ist aus Berlin in die katholische Provinz von Paderborn geflohen, die Erinnerungen an seine Zeit als KFOR-Soldat im Kosovo sind ihm gefolgt. Nele hat die Trümmer einer langjährigen Beziehung hinter und in sich, arbeitet als Ergotherapeutin in einem Therapiezentrum für verhaltensauffällige Kinder und wohnt gegenüber von Paul. Beide beobachten sich aus der Ferne, kommen sich langsam näher. Nele hatte beharrlich die Avancen des alleinerziehenden Vaters Wolfgang abgeblockt – mit dem ebenfalls zurückgezogenen Paul aber kann sie langsam Vertrauen und Freundschaft aufbauen.
Gegen den Rat von Neles Kollegin Rita, die ihr schlicht "einen Mann" verordnet, scheint für Nele und Paul mehr als Freundschaft nicht in Frage zu kommen. Das ändert sich jedoch, als bei Paul bei einem Arztbesuch Leukämie im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird. Den Tod vor Augen verlassen beide ihre Schutzwälle, und bevor es zu spät ist, entführt Nele Paul aus dem Krankenhaus.
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Der bestens bezahlte Heimarbeiter, der per Computer und Internet Lücken im Sicherheitssystem seiner Auftraggeber aufspürt, um diese sogleich zu schließen, schleppt etwas mit sich herum, das ihn zu diesem abruptem Schlussstrich und sofortigen Neuanfang in der westfälischen Provinz veranlasst hat. Erst allmählich werden Bilder der jüngeren Vergangenheit abgerufen, nachts zumeist, manchmal aber auch am Tag, wenn Paul gerade nichts zu tun hat. Oder sogar in der Kirche, wo er seine Orgelkenntnisse aus Kindertagen wieder auffrischt. Stefan, sein Freund aus frühesten Sandkasten-Zeiten, taucht in diesen Bildern immer wieder auf – und zwar in der Tarnuniform der Bundeswehr.
Statt gemeinsam im Citroen DS, der „Göttin der Straße“, nach Südfrankreich zu fahren, sind die beiden Freunde als Rekruten beim KFOR-Einsatz im Kosovo gelandet. Die traumatischen Erlebnisse auf dem Balkan machen Paul immer noch zu schaffen, aber mehr noch, dass Stefan diese noch viel weniger hat verarbeiten können: Er erhängte sich, in irgendeinem zerschossenen Haus irgendwo im früheren Jugoslawien, weil er das Leid der Menschen um sich herum nicht mehr ertragen konnte.
Nun also hockt Paul allein in seiner Paderborner Behausung. Und immer häufiger am Fenster. Denn im Nebenhaus sieht er einer jungen Frau ins müde, traurige Gesicht, wenn sie von der Arbeit kommt. Und ist berührt von ihr, die augenscheinlich ein ebenso eigenbrötlerisches Single-Leben führt wie er. Es dauert eine Weile, bis sich ihre Augenpaare begegnen, bis es nach schier endlos-mühevollem Schriftverkehr von Fensterscheibe zu Fensterscheibe zum Austausch der Telefonnummern, zum ersten „Date“ mit Nele Steiger kommt.
Sie stammt aus Münster, wo ihre Eltern leben, und arbeitet in Paderborn seit drei Jahren in einer Kinderarztpraxis. Ihr traumatisches Erlebnis, aus dem der Unwille resultiert, auf ihre lebenslustige Kollegin Rita zu hören und endlich eine Beziehung anzufangen, ist die alkoholkranke Mutter, die in einer Dauerfehde mit ihrem Vater lebt. Nele und Paul, der sie am liebsten in der eigenen, noch gar nicht vollständig eingerichteten Wohnung bekocht, kommen sich allmählich näher, ohne den Drang nach einer festen Bindung zu spüren.
Das ändert sich schlagartig, als Paul nach einem Routinebesuch beim Arzt eine niederschmetternde Diagnose hinnehmen muss: Leukämie im fortgeschrittenen Stadium, sodass eine Behandlung nicht mehr in Frage kommt. Beide wollen die noch verbleibende Zeit so intensiv wie möglich nutzen...
Gedreht in der Geburtsstadt des Regisseurs und koproduziert von keinem Geringeren als Wim Wenders, feierte das Regie-Leinwanddebüt Hanno Hackforts nach der Uraufführung auch auf der Berlinale 2003 in der Sektion „German Cinema“ eine vielbeachtete Premiere. Was an den beiden großartigen Hauptdarstellern Oliver Mommsen und Laura Tonke liegt, aber nicht weniger an der Erzählperspektive des 1970 geborenen Hackfort: Es ist die des Ich-Erzählers Paul, und sie führt, soviel darf verraten werden, über dessen Tod hinaus. „Junimond“ ist leise und unaufgeregt, melancholisch und traurig, aber immer wieder außerordentlich lebensbejahend. Und zwischendurch wie das Leben selbst – ein ruhiger, aber nicht in sich ruhender Fluss. Der Film verfügt damit über eine Qualität, die auf deutschen Leinwänden ganz selten geworden ist.
Pitt Herrmann