Inhalt
Fatima ist 17 und wächst als jüngstes Kind einer französisch-algerischen Familie in einem Pariser Vorort auf, wo über Gefühle, Liebe und Sexualität kaum gesprochen wird. Als sie zum Studium der Philosophie in die Hauptstadt zieht, beginnt für sie ein neues Kapitel: Sie findet Anschluss, taucht in die queere Szene ein und verliebt sich in die selbstbewusste Krankenschwester Ji-Na. Doch mit der neu gewonnenen Freiheit kommen auch innere Konflikte. Zwischen familiären Erwartungen, religiöser Prägung, ihrer Homosexualität und dem Wunsch nach Selbstbestimmung muss Fatima ihren eigenen Weg finden – und herausfinden, wer sie wirklich sein will.
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Wie ihre Schwestern ist Fatima fleißig in der Schule, lernt für das Abitur und hat daher für ihren Freund, mit dem sie ab und zu kleine Ausflüge auf dem Moped unternimmt und der bereits ans Heiraten denkt, nur wenig Zeit. Als im Unterricht Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ besprochen wird, machen die homophoben Jungs nicht nur der Lehrerin die Hölle heiß, sondern auch ihrem angeblich schwulen Klassenkameraden Rayan. Der weiß sich nicht anders zu wehren als Fatima eine Lesbe zu nennen. Was diese mit lautstarker Unterstützung ihrer „Brüder“ mit massiver körperlicher Gewalt beantwortet.
Eine völlige Überreaktion, die Fatima bewusst macht, dass an dem Outing durchaus etwas dran sein könnte. Denn längst sind ihr entsprechende Dating-Apps ein Begriff. Als ihr der Lungenarzt Dr. Prévost rät, an einer Gruppensitzung teilzunehmen, trifft Fatima auf die Krankenschwester Ji-Na, eine gebürtige Koreanerin, die im Alter von sieben Jahren nach Frankreich gekommen ist. Sogleich entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, die aber erst konkreter wird, nachdem sich Fatima über die App mit der erfahrenen Lesbe Aurélia über Homosexualität ausgetauscht hat. Die in ihrem familiären und kulturellen Umfeld, zumal als gläubige Muslima, absolutes No-Go ist – und der von ihr behutsam-verklausuliert befragte Imam gar für eine Prüfung Gottes erklärt.
Als der Philosophieprofessor an der Pariser Universität die Erstsemester begrüßt, öffnet sich für Fatima eine völlig neue Welt. Mit vorurteilsfreien, weltoffenen Kommilitonen wie Vincent, Hugo und Nino, die sie auf Partys mitnehmen, wo es keine sexuellen Tabus gibt. Hin- und hergerissen zwischen Familientradition, Glauben und ihrem Wunsch nach Freiheit in ihrer Beziehung zu Ji-Na muss die von schlechtem Gewissen bis hin zu Alpträumen geplagte Fatima ihren eigenen Weg finden. Sie beschließt, sich an ihrem 18. Geburtstag ihrer Mutter anzuvertrauen…
„Ich bin Fatima, eine junge Frau mit algerischen Wurzeln und ich bin lesbisch“: „Die jüngste Tochter“ ist eine Adaption des autofiktionalen Debütromans „La petite dernière“ der algerisch-französischen Autorin Fatima Daas aus dem Jahr 2020 und der dritte Spielfilm der französischen Drehbuchautorin und Regisseurin Hafsia Herzi („Du verdienst eine Liebe“, „Eine gute Mutter“), die ebenfalls algerische Wurzeln hat. Ohne Scheu vor Tabubrüchen, aber zu stark auf das Sexuelle einer lesbischen Beziehung reduziert, kann die Darstellerin der Karima in Caroline Links „Exit Marrakech“ nur bedingt an die Tradition von Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“, Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ oder Barry Jenkins „Moonlight“ anknüpfen.
Mit emotionaler Wucht begleitet der Film das sexuelle Erwachsenwerden einer jungen Frau und ihre Suche nach einem Platz in der Welt. In die vier Jahreszeiten gegliedert ist er zum großen Teil mit Laiendarstellern besetzt, so wird der Pneumologe Dr. Prévost vom Arzt Pascal Chanez verkörpert. In ihrer ersten Rolle vor der Kamera feiert Nadia Melliti, von einer Castingagentin auf den Straßen von Paris entdeckt, mit ihrer zugleich kraftvollen und zurückhaltenden Darstellung einen fulminanten Erfolg: Nach der mit zwölfminütigen Standing Ovations gefeierten Uraufführung auf dem Filmfestivals Cannes gabs den Preis als „Beste Darstellerin“ und für den Film zudem die „Queer Palm“. Nadia Melliti, 2002 als Tochter algerischer Eltern in Les Lilas im Département Seine-Sainte-Denis nordöstlich von Paris geboren, studierte zunächst Sportwissenschaften an der Universität Sorbonne und begann parallel dazu eine Karriere als Profifußballerin.
Hafsia Herzi im Alamode-Presseheft: „Mein erster Gedanke war: ‚So eine Figur habe ich noch nie auf der Leinwand gesehen.‘ Eine Heldin nordafrikanischer Herkunft, praktizierende Muslimin, die in einem Vorort lebt und sich zu Frauen hingezogen fühlt. In diesem Umfeld wird Homosexualität oft aus männlicher Perspektive erzählt, nicht aus weiblicher. Aus eigener Erfahrung als ‚Mädchen aus der Sozialbausiedlung‘, das in den nördlichen Stadtvierteln von Marseille aufgewachsen ist, kenne ich solche Charaktere. In der Sozialbausiedlung ist es nicht leicht, anders zu sein – und dazu zu stehen. Doch diese Geschichte lässt sich nicht auf einen sozialen Typus reduzieren. Sie ist völlig universell.“
Pitt Herrmann