Biografie
Pawel Pawlikowski, am 15. September 1957 in Warschau als Sohn einer Balletttänzerin und eines Arztes geboren und katholisch getauft, stammte zugleich aus einer teilweise jüdischen Familie – seine Großmutter väterlicherseits starb im Vernichtungslager Auschwitz. Nach der Scheidung seiner Eltern verließ er Polen 1971 im Alter von 14 Jahren und zog mit seiner Mutter nach England, verbrachte dann eine kurze Zeit in Westdeutschland, bevor er wieder nach England ging. Er studierte Literatur und Philosophie, unter anderem in Oxford.
Mitte der 1980er Jahre fand Pawlikowski über die britische Fernsehbranche zum Film, zunächst als Dokumentarfilmer bei der BBC Community Programme Unit. Sein erster fertiggestellter Film, "Lucifer Over Lancashire" (GB 1987), handelte von einem Priester, der auf dem Pendle Hill in Lancashire ein Kreuz gegen lokale Satanisten aufstellen wollte. Bekannt wurde er mit "From Moscow to Pietushki" (GB 1990), einem Porträt des subversiven russischen Kultschriftstellers Wenedikt Jerofejew, der zur Zeit der Dreharbeiten bereits todkrank war; der Film brachte ihm einen Emmy und den Prix Italia ein. 1992 reiste Pawlikowski erneut nach Russland, um für die ebenfalls britische Produktion "Dostoevsky's Travels" den Urenkel Fjodor Dostojewskis auf einer Vortragsreise durch Deutschland zu begleiten. In dieselbe Phase fällt die Dokumentation "Serbian Epics" (GB 1992) über den Krieg in Bosnien. Als prägendsten Einfluss dieser Jahre nannte Pawlikowski später den polnischen Dokumentarfilmer Bogdan Dziworski.
Auch in den folgenden Jahren blieb Pawlikowski dem Porträtieren oft schillernder Persönlichkeiten treu: Nach "The Grave Case of Charlie Chaplin" (1993) begleitete er 1994/95 für "Tripping with Zhirinovsky" den russischen Nationalisten Wladimir Schirinowski auf einer surrealen Bootsfahrt die Wolga hinunter, während dieser um die russische Präsidentschaft warb – ein TV-Film, der Pawlikowski 1995 den Grierson Award für die beste britische Dokumentation einbrachte. 1998 entstanden gleich zwei Arbeiten, die den Übergang zum Spielfilm markieren: der in Moskau gedrehte "The Stringer", der als wenig geglückt galt, sowie der gemeinsam mit Ian Duncan inszenierte semidokumentarische Film "Twockers" über einen siebzehnjährigen Autodieb in West Yorkshire.
Den international beachteten Durchbruch als Spielfilmregisseur schaffte Pawlikowski im Jahr 2000 mit "Last Resort", einem halbautobiografischen, größtenteils auf Russisch gedrehten Film über eine junge russische Mutter und ihren Sohn, die in England Fuß zu fassen versuchen. Der in Margate entstandene 16-mm-Film wurde in Toronto und Sundance stark beachtet, gewann Bester-Film-Preise in Edinburgh, Thessaloniki, Gijón und Motovun und brachte Pawlikowski 2001 den BAFTA Award als "Most Promising Newcomer in British Film" ein. Kurz darauf wurde er für den biografischen Film "Ted and Sylvia" über Sylvia Plath und Ted Hughes mit Gwyneth Paltrow als Regisseur verpflichtet, verließ die Produktion jedoch im August 2002 wegen kreativer Differenzen; das Projekt wurde später von Christine Jeffs unter dem Titel "Sylvia" fertiggestellt.
2004 folgte "My Summer of Love" nach einem Roman von Helen Cross, mit Emily Blunt und Natalie Press als zwei ungleichen Freundinnen, die in einem Yorkshire-Dorf eine lesbische Beziehung miteinander beginnen. Das Coming-of-Age-Drama wurde mit dem BAFTA Award als bester britischer Film ausgezeichnet. 2006 begann Pawlikowski mit "The Restraint of Beasts", einer nach Magnus Mills' Roman adaptierten schwarzen Komödie mit Ben Whishaw und Rhys Ifans. Die Produktion geriet jedoch durch eine private Krise ins Stocken: Seine Frau erkrankte schwer und starb wenige Monate später; der Film blieb bei etwa 60 Prozent Fertigstellung liegen und wurde nie vollendet. Pawlikowski zog sich aus der Regiearbeit zurück und lehrte mehrere Jahre an der National Film and Television School bei London, bevor er 2011 mit dem nach einem Roman von Douglas Kennedy entstandenen psychologischen Thriller "Die geheimnisvolle Fremde" ("The Woman in the Fifth," FR PL GB) zurückkehrte.
Sein internationaler Durchbruch gelang 2013 mit "Ida" (PL DK FR GB): Eine junge Nonne erfährt vor ihrem Gelübde, dass sie jüdischer Herkunft ist, und begibt sich mit ihrer Tante, einer ehemaligen stalinistischen Richterin, auf die Suche nach dem Schicksal ihrer während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Eltern. Gedreht in Schwarz-Weiß und im quadratischen Bildformat der 1960er Jahre, mit der Laienschauspielerin Agata Trzebuchowska und Agata Kulesza in den Hauptrollen, entstand der Film nach einem gemeinsam mit Rebecca Lenkiewicz geschriebenen Drehbuch. "Ida" wurde 2015 als erster polnischer Film mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet und erhielt zudem den BAFTA Award in derselben Kategorie. Ebenfalls 2014 verfilmte Ben Hopkins ein von Pawlikowski verfasstes Drehbuch unter dem Titel "Welcome to Karastan". 2015 gehörte Pawlikowski der Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig an.
An die von seinen eigenen Eltern inspirierte Liebesgeschichte im Nachkriegspolen der 1950er und 60er Jahre, "Zimna wojna" ("Cold War - Der Breitengrad der Liebe," 2018) mit Tomasz Kot und Joanna Kulig, knüpfte Pawlikowski 2018 mit dem Regiepreis in Cannes an – als erster polnischer Regisseur überhaupt. Der Film gewann zudem mehrere European Film Awards und erhielt 2019 drei Oscar-Nominierungen, darunter für den besten fremdsprachigen Film und die beste Regie, blieb bei der Verleihung jedoch hinter Alfonso Cuaróns "Roma" zurück. Ein anschließendes, mit Joaquin Phoenix und Rooney Mara geplantes Projekt mit dem Arbeitstitel "The Island", über ein Paar, das sich in den 1930er Jahren auf eine einsame Insel zurückzieht, kam wegen eines Streiks der US-Filmschaffendengewerkschaften nicht zustande.
Im Mai 2026 kehrte Pawlikowski nach achtjähriger Pause zum Wettbewerb von Cannes zurück und gewann erneut den Regiepreis, diesmal für "Vaterland" (PL DE IT FR): Der Film mit Hanns Zischler und Sandra Hüller begleitet den Schriftsteller Thomas Mann und dessen Tochter Erika auf einer Reise durch das Nachkriegsdeutschland des Kalten Krieges und wurde – wieder in Schwarz-Weiß gedreht – bei seiner Premiere mit langem Applaus bedacht.