Niemand ist bei den Kälbern

Deutschland 2020/2021 Spielfilm

Inhalt

Hochsommer in Schattin, einem winzigen Dorf im Norden Mecklenburg-Vorpommerns. Hier lebt die 24-jährige Christin mit ihrem ein Jahr älteren Freund Jan auf dem Milchviehhof seines Vaters. In dem verschlafenen Provinznest gibt es fünf Häuser, eine Bushaltestelle, viele Kühe und noch mehr Felder. Die Aufbruchstimmung der Nachwendejahre, die Christin und Jan als Kinder miterlebten, ist für die beiden kaum mehr als eine ferne Erinnerung – so ähnlich wie ihre einstige Liebe zueinander. Schon länger sehnt sich Christin danach, einfach zu verschwinden, egal wohin. Als eines Tages der 46-jährige Klaus auftaucht, ein Windkraftingenieur aus Hamburg, könnte dieser Traum in greifbare Nähe rücken.

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Heinz17herne
Heinz17herne
Kühe und nichts als Felder – Mittsommer in Schattin, einem kleinen Dorf im Norden Mecklenburgs. Die 24-jährige Christin sitzt auf dem von ihrem um ein Jahr älteren Langzeit- Freund Jan gesteuerten Traktor bei der Feldarbeit. Der den Kadaver eines überfahrenen Rehs empathielos im Gestrüpp entsorgt: Kollateralschaden. Als der Trecker danach nicht mehr anspringt, macht sich die schon längere Zeit nörgelnde Christin aus dem Staub – und trifft unter einem Windrad den Ingenieur Klaus.

Der aus Hamburg stammende 46-jährige Familienvater nimmt die attraktive junge Frau stirnrunzelnd in seinem Kombi mit in Richtung Hansestadt, lässt sie aber auf ihren Wunsch an einer Tankstelle heraus. Wo Torsten, ein guter Freund aus dem Dorf, gerade Feierabend macht und Christin zurück nach Schattin nimmt. Der spontane Ausflug in die große weite Welt endet an der einzigen Haltestelle weit und breit, die ganz den Anschein macht, als sei der letzte Bus vor Jahren hier vorbeigekommen.

Die Zeit ist stehengeblieben, von der Aufbruchstimmung der Jahre nach dem Mauerfall ist nichts mehr zu spüren. Was auch für die private Beziehung gilt: Christin lebt mit Jan auf dem Milchviehbetrieb seines Vaters Frank, der mit der jungen, lebenslustigen und sich ganz offenbar nach der Großstadt sehnenden Freundin seines Sohnes nicht warm wird. Weil aus ihr wohl keine Bäuerin mehr wird, auch wenn sein ständiger Vorwurf, sie sei arbeitsscheu, ganz offenbar nicht zutrifft.

Zumal sich Christin rührend um ihren entwurzelten und inzwischen völlig dem Alkohol verfallenen Vater Jens kümmert, der nach dem Tod seiner Gattin Anne den Hof aufgeben musste und in einem gesichtslosen Mehrfamilienhaus gestrandet ist. Wenn ihre beste Freundin Caro nicht gerade Christins Beine mit Honig peelt, bevor beide aufgebrezelt zum trostlosen Besäufnis der Dorfdisco stöckeln, ist Langeweile angesagt. Und mehr noch: Sprachlosigkeit. Da hilft auch ein Schluck aus der stets präsenten Kirschlikör-Flasche nicht wirklich.

Da ist der Windrad-Ingenieur Klaus von anderem Kaliber. Der sie nach ihren Träumen fragt, bevor es zum allerdings kaum weniger freudlosen Sex auf Traktorreifen im Heuschuppen kommt. Um der Gluthitze des Sommers und der tödlichen Langweile in diesem Kaff jottwede zu entkommen, könnte er der Rettungsanker sein. Christin stellt sich in der Stadt etwas Eigenes vor, eine kleine Wohnung, einen Friseurladen oder wenigstens ein Fingernagel-Studio. Doch dann fährt Klaus mit Familie auf Urlaub nach Dänemark.

In der folgenden Nacht brennt die Scheune ab. Ein Menetekel? Jedenfalls Brandstiftung, heißt es. Christins zweiter Ausbruchsversuch scheitert ebenso kläglich wie der erste: Nachdem sie morgens im Kuhstall ohne ein klärendes Wort von Jan brutal zusammengeschlagen worden ist, packt sie ihre wenigen Sachen und fährt mit dem Auto zu Danilo (Julius Nitschkoff), einem alten Freund. Doch der wird vor ihren Augen von der Polizei verhaftet – und Christin kehrt zurück. Unvermittelt biegt sie bei der Bushaltestelle ab und fährt durch die flache norddeutsche Landschaft, das Ziel wohl auch ihr selbst unbekannt. Es könnte das Ende dieser toxischen Beziehung sein…

Saskia Rosendahl, nach der Uraufgeführt in Locarno mit dem „Leopard“ als beste Darstellerin ausgezeichnet, verkörpert mit Christin eine junge, vom tristen Dasein auf dem Lande und nicht zuletzt von ihrem ganz in der Arbeit auf dem Hof aufgehenden Freund unbefriedigte Frau, die auch durch den Schmerz einer brennenden Zigarette ihres Liebhabers wieder Leben in sich spürt. Neugierde auf etwas anderes paart sich bei ihr mit sexueller Sehnsucht, der sie innerhalb der geschlossenen Dorfgesellschaft nur mit ihrem aufreizenden Outfit Ausdruck verleihen kann.

Nach dem gleichnamigen, 2017 erschienenen Debütroman von Alina Herbing räumt „Niemand ist bei den Kälbern“ mit dem bei stressgeplagten Großstädtern grassierenden Mythos vom romantischen Landleben inmitten der Natur gründlich auf. Gedreht in Hamburg, Schleswig-Holstein (Süsel) und Mecklenburg-Vorpommern (Stöllnitz, Dömitz und Lübtheen) fand die Deutsche Erstaufführung am 23. September 2021 auf der 21. Filmkunstmesse Leipzig statt.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 12.08.2020 - 05.10.2020: Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein
Länge:
116 min
Format:
DCP 2K, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 28.10.2021, 209481, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (CH): 07.08.2021, Locarno, IFF - Concorso Cineasti del presente;
Kinostart (DE): 20.01.2022

Titel

  • Originaltitel (DE) Niemand ist bei den Kälbern
  • Weiterer Titel (eng) No One's with the Calves

Fassungen

Original

Länge:
116 min
Format:
DCP 2K, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 28.10.2021, 209481, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (CH): 07.08.2021, Locarno, IFF - Concorso Cineasti del presente;
Kinostart (DE): 20.01.2022

Auszeichnungen

Deutscher Filmpreis 2022
  • Lola, Beste Tongestaltung
Deutscher Kamerapreis 2022
  • Deutscher Kamerapreis, Beste Kamera / Spielfilm
FBW 2022
  • Prädikat: besonders wertvoll
Filmfest Hamburg 2021
  • Hamburger Produzentenpreis für Deutsche Kinoproduktionen, Große Freiheit
IFF Locarno 2021
  • Leopard, Wettbewerb, Beste Darstellerin