Inhalt
Paris, Mitte der 1930 Jahre. Weil er horrende Schulden beim Gangsterboss seines Viertels angehäuft hat, begeht der Direktor des Musiktheaters "Chansonia" Selbstmord – mit der Folge, dass das Haus geschlossen wird. Nunmehr arbeitslos, verliert der allein erziehende Bühnenarbeiter Pigoil das Sorgerecht für seinen kleinen Sohn, den er über alles liebt. Für den armen Kerl bricht eine Welt zusammen. Als Pigoil erfährt, dass zwei seiner Freunde das Theater auf eigene Faust und mit einer eigenen Show wiedereröffnen wollen, schließt er sich ihnen kurzerhand an, denn nur so hat er eine Chance, seinen Sohn zurückzubekommen. Allerdings verlaufen die Vorbereitungen und Proben wesentlich turbulenter, als das Trio es gedacht hätte.
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Alles beginnt am Silvesterabend 1935 im „Chansonia“. Hinter den Kulissen der großen Show geht es mindestens ebenso turbulent zu wie auf der Bühne: Der gewerkschaftlich organisierte Beleuchter Milou, ein Kommunist, ruft die Belegschaft aufgrund ausstehender Löhne zum Streik auf. Pigoil erfährt, dass seine Frau mit einem Sänger durchbrennen will. Und Galapiat, der „Pate“ des Pariser Szene-Bezirks Faubourg, stellt dem Direktor des Etablissements ein Ultimatum: Entweder er zahlt seine Schulden, oder das Theater wird geschlossen. In seiner Not überträgt der Direktor sein Haus dem gerissenen Immobilienhai – und erschießt sich in dem Moment, als draußen und in aller Welt die Sektkorken knallen.
Pigoil ist nun ohne Frau, ohne Job – und ohne Zukunftshoffnung. Sein achtjähriger Sohn Jojo, der beim spleenigen Monsieur Radio (Paraderolle für Pierre Richard), einem einst bekannten Varietékünstler, das Akkordeonspielen gelernt hat, verdient den kargen Lebensunterhalt mit kleinen Konzerten auf Straßen und Plätze. Aber er wird von der Polizei verhaftet und das Jugendamt entzieht Pigoil das Sorgerecht. Um das er sich erst wieder zu bemühen braucht, wenn er eine regelmäßige Arbeit vorweisen kann. So ist die Idee von Jacky, dem früheren „Sandwichman“ des Theaters, im seit geraumer Zeit leerstehenden „Chansonia“ eine eigene Show aufzuziehen mit der früheren Belegschaft, für Pigoil eine Chance, vielleicht seine letzte.
Galapiat lässt sie wider Erwarten gewähren: Der Nationalist hegt politische Ambitionen und ist an einer Imageaufwertung des Faubourg interessiert. Die junge Sängerin Douce, ursprünglich nur aufgrund ihrer schönen Beine als Nummerngirl engagiert, wird zum vom Publikum wie im Kollegenkreis umschwärmten Star – und die Show der illustren Arbeitslosen-Truppe ein Bombenerfolg. Der freilich nicht lange anhält, weil er zu sehr auf Douce basiert: Sie nimmt das Angebot eines Produzenten an, künftig nur noch eigene Konzerte zu geben, Milou und Jacky prügeln sich in der Garderobe - und Pigoil landet schwer verletzt im Krankenhaus. Wieder gehen im „Chansonia“ die Lichter aus.
Dafür leuchtet jetzt ganz anderes Gelichter auf der politischen Bühne, auch in Paris bekämpfen sich Kommunisten und Nationalisten mit unlautersten Mitteln. Mittendrin Jacky, der von Galapiat engagiert worden ist, um die tristen Versammlungen der rechtsradikalen S.O.C.-Partei aufzulockern. Doch Milou und der wieder genesene Pigoil holen ihn da heraus und schmieden mit Monsieur Radio neue Pläne: Das „Chansonia“ muss wieder öffnen und Douce wieder ganz im Mittelpunkt einer neuen Show stehen. Den Titel gibt es schon: „Faubourg 36“...
Christophe Barratier („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) ist mit „Paris, Paris“ ein herzerwärmendes Drama gelungen, das viele Facetten aufweist: Zur wundervollen Tragikomödie dreier ahnungsloser Möchtegern-Künstler gesellt sich die geradezu melodramatisch-rührende Vater-Sohn-Geschichte zwischen Pigoil und Jojo und die wendungsreiche Liebesgeschichte zwischen der wunderschönen Sängerin und dem politisch engagierten Beleuchter. Und in die liebevoll-detailreiche Hommage an den Szene-Bezirk Faubourg und die solidarische Lebensauffassung der dort Geborenen fügen sich die politisch-sozialkritischen Szenen des Films auf ganz selbstverständliche Art ein, was auf so lockere Weise wohl nur im französischen Kino möglich ist.
Für das in diesem Fall ein Amerikaner hinter der Kamera stand: Tom Stern fängt die spezifische Theaterluft ebenso ein wie die besondere, auch nostalgische Atmosphäre des Bezirks und den Charme seiner Bewohner. Für den Aufstieg der jungen Sängerin Douce zum Star hat der Komponist Reinhardt Wagner die Musik der Zwischenkriegszeit nachempfunden, was ihm bis hin zur mitreißenden Schlussnummer „Partir pour la mer“ wirklich gut gelungen ist. Und „der“ Entdeckung dieses Films zugutekommt, der 19-jährigen in Frankreich aufgewachsenen Tochter eines Österreichers und einer Ägypterin: Nora Arnezeder als Sängerin Douce. „Faubourg 36“, so der Originaltitel, ist am 6. November 2011 in der ARD erstausgestrahlt worden.
Pitt Herrmann