Paul Dessau

Paul Dessau

Weitere Namen: Henry Herblay (Weiterer Name)
Darsteller, Musik
*19.12.1894 Hamburg; †28.06.1979 Königs Wusterhausen

Biografie

Paul Dessau, geboren am 19. Dezember 1894 in Hamburg, kommt aufgrund des großen Interesses seiner Familie an Musik (mehrere Verwandte sind professionelle Orchestermusiker und Komponisten) bereits als Kind mit den Standardwerken des Musiktheaters in Berührung. Er erweist sich als großes Talent an der Violine, muss eine Karriere als Violinist jedoch im Alter von 16 Jahren aufgeben, als ein Arzt eine Schwäche der linken Hand bei ihm feststellt. Dessau wird nach Berlin geschickt, wo er am Klindworth-Schwarwenka-Konservatorium eine Ausbildung zum Kapellmeister absolviert und Klavierunterricht erhält. 1912/1913 erhält er, gerade 18 Jahre alt, eine Stelle als Korrepetitor am Hamburger Stadttheater. Hier sammelt er nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Größen wie Giacomo Puccini oder Enrico Carusozahlreiche praktische Erfahrungen. Zugleich nimmt er Kompositionsunterricht und verfolgt verstärkt des Ziel, eigenständiger Komponist zu werden.

Im Jahr 1915 wird Dessau zum Militär eingezogen und dient während des Ersten Weltkriegs unter anderem an der französischen Front. Bis Kriegsende und seiner Entlassung aus dem Militär (wo er auf Grund einer Verletzung schließlich einer Militärkapelle zugeteilt wurde) im Jahr 1918 entwickelt Dessau eine massive Abscheu gegen die "Schreckensherrschaft des entfesselten Militarismus" und gegen "alles, was "Drill" heißt".

Ab 1918 erhält Dessau zahlreiche Engagements als Korrepetitor und Kapellmeister an renommierten Musikhäusern in ganz Deutschland. Für sein "Concertino" für Violine erhält er 1925 den Preis des Musikverlags Schott; zwei Jahre später wird in Prag seine 1. Sinfonie (in C) uraufgeführt. Am 21.6.1924 heiratet er die Schauspielerin Gudrun Kabisch, mit der er zwei Kinder hat (1936 wird die Ehe geschieden).

Zum Film kommt Paul Dessau 1926, als die Ufa ihn mit der Leitung ihres Orchesters in Wiesbaden betraut. Nach seiner Rückkehr nach Berlin ist er als Orchesterleiter an verschiedenen Lichtspielhäusern tätig. An den Alhambra-Kinos arbeitet er zwei Jahre lang mit dem Kammerorchester des Hauses, eine Zeit, in der er eine Reihe eigener Kompositionen schreibt, die sowohl beim Publikum als auch bei der Presse auf Begeisterung stoßen. Tatsächlich widmet die Musik- und Film-Fachpresse Dessaus Musik schon bald ausführliche Rezensionen. Dessau selbst betrachtet seine Film-Kompositionen als wirksames Medium, um die Menschen mit anspruchsvoller Musik vertraut zu machen. So erklärt er 1928 im Reichsfilmblatt: "Das Lichtspieltheater, die Unterhaltungsstätte der breiten Masse, ist in viel höherem Maße verpflichtet, an der Weiterentwicklung der musikalischen Bildung des Volkes zu arbeiten, als beispielsweise die Oper, die noch immer nur einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Menschen und nur in wenigen großen Städten zugänglich ist. Und die modernste, aktuellste und lebendigste Kunstgattung, "Das lebende Bild", sollte auch durch die modernste, lebendigste Musiksprache begleitet werden."

Ende der 1920er Jahre macht Dessau erste Tonfilm-Experimente und arbeitet ab Beginn der 1930er Jahre als Komponist für zahlreiche Tonfilme, zunächst vor allem bei Filmoperetten und Sängerfilmen. Daneben komponiert er unter anderem die Musiken für Arnold Fancks Bergfilme "Der weiße Rausch", " S.O.S. Eisberg" und "Stürme über dem Montblanc", bei dem er mit der Welte-Orgel und dem Trautonium experimentiert, um elektronische Effekte zu erzielen."

Im Jahr 1933 emigriert Dessau, der aufgrund seiner jüdischen Wurzeln von Verfolgung bedroht ist, nach Paris. Hier komponiert er Musiken für französische Spielfilme, wobei er überwiegend mit Emigranten aus der deutschen Filmindustrie arbeitet: Kurt Bernhardt, Robert Siodmak, Max Ophüls, Fedor Ozeps oder Detlef Sierck.

Im Juli 1939 emigriert Dessau weiter nach New York. Ohne festen Job und ohne Kontakte hält er sich mit dem Kopieren von Noten und Texten anderer Komponisten sowie als Musiklehrer mehr schlecht als recht über Wasser. Seine Situation ändert sich erst 1942, als er Bertolt Brecht kennen lernt, der ihm rät, nach Hollywood zu ziehen. Neben seinen Arbeiten mit Brecht, der ebenfalls in Los Angeles lebt, erhält Dessau Aufträge von verschiedenen Filmproduzenten, jedoch lediglich als Instrumentator und Orchestrator. Andere Komponisten heuern ihn gelegentlich als anonymen "Zuarbeiter" an, wenn sie selbst mit einer Filmmusik nicht fertig werden – eine undankbare Aufgabe, die Dessau verabscheut.

Ab 1945 erhält Dessau dann eigene Nennungen als Komponist oder musikalischer Leiter, etwa bei Edgar G. Ulmers "The Wife of Monte Christo" oder Bernard Vorhaus" "Winter Wonderland". Seine letzte Arbeit in Hollywood (einmal mehr ohne Nennung) ist 1948 die Komposition, die Orchestration und das Arrangement für Hugo W. Friedhofer bei Victor Flemings "Joan of Arc".

1948 kehrt Dessau mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann, nach Europa zurück und lässt sich in Ost-Berlin nieder. In den folgenden Jahren arbeitet er wieder intensiv mit dem ebenfalls zurückgekehrten Brecht zusammen und komponiert mehrere Bühnenmusiken für dessen Berliner Ensemble. Dessaus und Brechts Oper "Das Verhör des Lukullus" darf Mitte 1951 nicht aufgeführt werden, da die Zensur die Musik als "volksfremd und formalistisch" betrachtet – erst Ende 1951 kommt das Stück nach zahlreichen Änderungen auf die Bühne.

In den nächsten Jahren schreibt Dessau zahlreiche Lieder, Tanzszenen und Orchesterstücke. Erst Mitte der 1950er Jahre beginnt er wieder für den Film zu komponieren, vor allem für eine Reihe von propagandistischen Dokumentarfilmen von Andrew und Annelie Thorndike.

Ab 1952 lehrt Dessau an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Oberschöneweide. Im gleichen Jahr wird er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin, als deren Vizepräsident er von 1957 bis 1962 fungiert. 1965 wird er zudem Mitglied der Westberliner Akademie der Künste, aus der er jedoch drei Jahre später unter Protest wieder austritt.

Grundsätzlich ist Dessaus Situation in der DDR zwiegespalten: Durch seine Verwendung der Zwölftontechnik und sein Engagement für Arnold Schönberg avanciert er einerseits zum Hoffnungsträger der jungen Avantgarde, andererseits wird er von offiziellen Stellen angegriffen und teilweise durch Nichtaufführung stillschweigend übergangen – während man ihn offiziell mit zahlreichen staatlichen Auszeichnungen ehrt.

Paul Dessau stirbt am 28. Juni 1979 in Königs Wusterhausen. Er verfügt testamentarisch, dass seine Beisetzung in Ost-Berlin nicht als Staatsbegräbnis, sondern nur im Freundeskreis stattfinden soll.

Die Ausstattung dieser Personenseite wurde durch die DEFA-Stiftung gefördert.

Filmografie

2003-2009 Der Junker und der Kommunist
 
1997 Hundert Jahre Brecht
Musik
 
1974 Paul Dessau
Mitwirkung, Musik
 
1973 Ändere die Welt, sie braucht es. Begegnungen mit Hanns Eisler
Mitwirkung
 
1970 Kleine Leute - große Töne
Musik
 
1969 Anno Populi - Im Jahre des Volkes 1949
Musik
 
1968 Der Augenzeuge [Jg. 1968 / Nr. 021]
Mitwirkung
 
1967/1968 Abschied
Musik
 
1966/1967 Paul Dessau
Mitwirkung, Musik
 
1966/1967 Gisela May singt Brecht
Musikalische Vorlage
 
1966 400 cm³
Musik
 
1966 Hilmar Thate singt Dessau, Eisler, Hosalla
Musikalische Vorlage
 
1965 Der Augenzeuge [Jg. 1965 / Nr. 022]
Mitwirkung
 
1965 Der Augenzeuge [Jg. 1965 / Nr. 021]
Mitwirkung
 
1965 Der Augenzeuge [Jg. 1965 / Nr. 007]
Mitwirkung
 
1963 Das russische Wunder - Teil 2
Musik
 
1960/1961 Mutter Courage und ihre Kinder
Musik
 
1959-1963 Das russische Wunder. 2 Teile
Musik
 
1958/1959 Reportage aus Rossendorf
Musik
 
1957/1958 Unternehmen Teutonenschwert
Musik
 
1957 Urlaub auf Sylt
Musik
 
1956 Die Novemberrevolution 1918
Musik
 
1955 Mutter Courage und ihre Kinder
Musik
 
1954-1956 Du und mancher Kamerad
Musik
 
1948 The Vicious Circle
Musik, Musikalische Leitung
 
1948 Ruthless
Musikalische Leitung
 
1948 Devil's Cargo
Musik, Musikalische Leitung
 
1947/1948 Adamah
Musik
 
1947 Winter Wonderland
Musik
 
1946 The Wife of Monte Cristo
Musik, Musikalische Leitung
 
1945 House of Dracula
Musik
 
1945 The Strange Affair of Uncle Harry
Musik
 
1945 The Naughty Nineties
Musik
 
1945 The Woman in Green
Musik
 
1944/1945 Hotel Berlin
Musik
 
1944 House of Frankenstein
Musik
 
1940 Le grand élan
Musik
 
1938/1939 L'esclave blanche
Musik
 
1938 Accord final
Musik, Arrangement
 
1938 Le roman de Werther
Musik
 
1938 Gibraltar
Musik
 
1938 Carrefour
Musik
 
1938 The Rebel Son
Musik
 
1937 Yoshiwara
Musik
 
1936/1937 Cargaison blanche
Musik
 
1936 Tarass Boulba
Musik
 
1935 L'or dans la rue
Musik
 
1934/1935 Awodah
Musik
 
1933 Nordpol - Ahoi!
Musik
 
1933 Anna und Elisabeth
Musik
 
1933 S.O.S. Iceberg
Musik, Musikalische Leitung
 
1932/1933 SOS Eisberg
Musik, Musikalische Leitung
 
1932 Der Orlow
Musikalische Leitung
 
1932 Melodie der Liebe
Musik-Bearbeitung, Musikalische Leitung
 
1932 Abenteuer im Engadin
Musik, Musikalische Leitung, Liedtexte
 
1931 Die große Attraktion
Musikalische Leitung
 
1931 Salto mortale
Musik, Musikalische Leitung
 
1931 Salto mortale
Musik, Musikalische Leitung
 
1930/1931 Der weiße Rausch. Neue Wunder des Schneeschuhs
Musik
 
1930 Stürme über dem Montblanc
Musik, Musikalische Leitung
 
1930 Das Land des Lächelns
Musikalische Leitung
 
1930 Die große Sehnsucht
Darsteller, Musikalische Leitung
 
1930 Das lockende Ziel
Musik, Musikalische Leitung
 
1929/1930 Ich glaub' nie mehr an eine Frau
Musik, Musikalische Leitung, Liedtexte
 
1929/1930 Scapa Flow
Musik
 
1929/1930 Die heiligen drei Brunnen
Musikalische Leitung
 
1929 Verkehrsstörung
Musik
 
1929 Mutter Krausens Fahrt ins Glück
Musik
 
1929 Ruhiges Heim mit Küchenbenutzung. Das Mädel von der Operette
Musik
 
1928/1929 Aus dem Tagebuch eines Junggesellen
Musik
 
1928 Doktor Dolittle und seine Tiere. 3. Abenteuer: Die Affenkrankheit
Musikalische Leitung
 
1928 Doktor Dolittle und seine Tiere. 2. Abenteuer: Die Affenbrücke
Musik
 
1928 Doktor Dolittle und seine Tiere. 1. Abenteuer: Die Reise nach Afrika
Musikalische Leitung
 
1928 Unmoral
Musik
 
1928 Rutschbahn
Musik
 
1928 Die schönste Frau von Paris
Musik
 
1928 Die tolle Komteß
Musik
 
1928 Dornenweg einer Fürstin
Musik
 
1928 Saxophon-Susi
Musik
 
1928 Don Juan in der Mädchenschule
Musik
 
1928 Schmutziges Geld
Musik
 
1928 Das Geständnis der Drei
Musik
 
1928 Indizienbeweis
Musik
 
1928 Das Haus ohne Männer
Musik
 
1928 Der Herr vom Finanzamt
Musik
 
1928 Moderne Piraten
Musik
 
1928 Der erste Kuß
Musik
 
1927/1928 Die Pflicht zu schweigen
Musik
 
1927/1928 Seine Mutter
Musik
 
1921 Das indische Grabmal, Teil 2 - Der Tiger von Eschnapur
Musik