Ausstellung "Fassbinder – JETZT" im Deutschen Filmmuseum

16.10.2013 | 14:13 Uhr

Ausstellung "Fassbinder – JETZT" im Deutschen Filmmuseum

Vom 30. Oktober 2013 bis 1. Juni 2014 präsentiert das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main die Ausstellung "Fassbinder – JETZT. Film und Videokunst".

Die Kamera umkreist einen Mann und eine Frau – diesen "magischen" Moment der ersten Begegnung eines Liebespaares inszenierte Rainer Werner Fassbinder (1945 - 1982) im Melodram "Martha" (1973) als schwindelerregende 360-Grad-Kamerafahrt. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Die Kamera umschlingt das Paar wie mit einem imaginären Band. Die berühmte Szene ist eine Hommage an die Illusionskraft des Kinos und bricht diese zugleich über die extreme Künstlichkeit der Inszenierung. Fassbinder verhindert die vollständige Identifikation des Zuschauers mit dem Geschehen und sensibilisiert ihn somit für die Mechanismen des Kinos.

Die in Pakistan geborene Künstlerin Runa Islam dekonstruiert und verschärft in "Tuin" (1998) dieses Fassbindersche Verfahren, indem sie die Szene verfremdet wieder aufführt. In ihrer Installation steht der Besucher inmitten dreier Leinwände, zwei davon gewähren ihm einen Blick hinter die Kulissen: Dort sieht er die Kamera und die für sie im Kreis gelegten Schienen. Zusätzlich kann er selbst um eine dritte, frei im Raum hängende Leinwand schreiten und somit die Kamerafahrt körperlich nachvollziehen. Auf diese Weise entzaubert Islam die Illusion der märchenhaften Begegnung: Sie macht die Mechanismen des filmischen Erzählens sichtbar und benutzt sie zugleich selbst.

Diese Videoarbeit ist neben sechs weiteren in der Ausstellung Fassbinder – JETZT. Film und Videokunst im Deutschen Filmmuseum Frankfurt zu sehen. Ausschnitte aus Fassbinders Filmen – insgesamt mehr als 60 Filmminuten – verdeutlichen seine Themen und ästhetischen Verfahren. Ihnen vergleichend gegenübergestellt sind die Arbeiten zeitgenössischer Videokünstler. Diese schließen thematisch und ästhetisch an Fassbinders Werk an; sie greifen einzelne Motive heraus, stellen Szenen aus seinen Filmen nach und übertragen seine Themen in die Gegenwart.

Der Vergleich zwischen Fassbinders Filmen und aktueller Videokunst soll Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede erfahrbar machen und einen neuen Blick auf beide ermöglichen. Die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler zeigen, was Fassbinders aktive Zeit mit der Gegenwart verbindet, was beide aber auch unterscheidet. Übergeordnet geht es darum, wie das Kino aktuelle künstlerische Medien prägt, sowie um die Frage, inwiefern die Grenze zwischen Film- und Videokunst im digitalen Zeitalter verschwimmt.

Die Ausstellung gewährt darüber hinaus Einblick in Fassbinders Schaffen und seine Persönlichkeit, sie gibt Aufschluss über seine künstlerische Haltung und Arbeitsweise: Ausschnitte aus Fernseh-Interviews (insgesamt rund 15 Minuten) sind zu sehen, Fotos von den Dreharbeiten sowie zahlreiche Originaldokumente aus dem Archiv der Rainer Werner Fassbinder Foundation Berlin, dem Kooperationspartner der Ausstellung. Das gesamte Filmmuseum ist als Ausstellungsraum genutzt: In beinahe allen Etagen sind Videos zu sehen, Fotos oder Dokumente ausgestellt. Im Kino des Filmmuseums vervollständigt eine umfangreiche Retrospektive mit Filmen Fassbinders sowie von Regisseuren, die er beeinflusst hat, die Schau.

Fassbinder hat in seiner aktiven Schaffenszeit zwischen 1966 und 1982 mehr als 40 Filme gedreht und dabei ein festes Repertoire an Themen und deren ästhetischer Umsetzung entwickelt. "Jede Farbe ist genau überlegt, jedes Bild vorbereitet", erklärt er – tatsächlich zeichnet sein Werk eine enorm verdichtete Beziehung zwischen Inhalt und Form aus und hat bis heute einen hohen Wiedererkennungswert. Inhaltlich nahm er dabei besonders die bundesdeutsche Wirklichkeit der 1970er Jahre kritisch unter die Lupe, setzte den Fokus etwa auf die Ausgrenzung von Minderheiten, emotionale Ausbeutung in privaten Beziehungen und die Dysfunktion der Familie.

Die niederländischen Künstler Jeroen de Rijke / Willem de Rooij inszenieren in "Madarin Ducks" (2005) stereotype Figuren der Oberschicht; gerade mittels einer theatralischen Überzeichnung gelingt eine treffende Charakterisierung. Ohne sich direkt auf Fassbinder zu beziehen, manifestieren sich Äquivalenzen: Wie Fassbinder setzen de Rijke und de Rooij theatralisches Schauspiel, grellbuntes Licht und vielfache Spiegelungen ein, um ähnlich wie in Fassbinders "Chinesisches Roulette" (1976) die gleichsam dekadente wie misanthropische Upperclass abzubilden. Angetrieben sind die dargestellten Protagonisten von ökonomischen Interessen und der Suche nach sexueller Bestätigung, nach Reichtum, Ehre und Erfolg. Sie scheinen unfähig, eigene Wünsche abseits gesellschaftlicher Vorgaben zu entwickeln. De Rijke und de Rooij veranschaulichen die Wechselwirkungen zwischen individuellem Schicksal und gesellschaftlichen Strukturen. "Es ist die Gesellschaft, die den Menschen schlecht macht", erklärte Fassbinder 1974.

Auf ganz andere Weise veranschaulicht Tom Geens diesen Zusammenhang. In "You're the Stranger Here" (2009) entwirft er eine Horrorvision: Die Protagonistin lebt in einem Regime der Unterdrückung, in dem erschossen wird, wen eine rätselhafte Krankheit befällt. Es herrscht willkürliche Gewalt und ein unerträglicher gesellschaftlicher Druck. Dabei drehen sich die Opfer-Täter-Verhältnisse von Situation zu Situation. Diese Themen finden sich gleichermaßen in wichtigen Filmen Fassbinders wie "Der Händler der vier Jahreszeiten" (1971), "Die Ehe der Maria Braun" (1978) oder seinem Opus Magnum "Berlin Alexanderplatz" (1979/80). Darüber hinaus ähneln sich die ästhetischen Verfahren: beengende familiäre Räume, vielfache bildimmanente Rahmungen und Spiegelungen sowie ein theatralisches Schauspiel.

Ganz unmittelbar bezieht sich der Künstler Ming Wong auf Fassbinder: Für die Videoarbeiten "Lerne Deutsch mit Petra von Kant / Learn German With Petra von Kant" (2007) und "Angst Essen / Eat Fear" (2008) stellt er Szenen aus den titelgebenden Filmen Fassbinders nach. Indem er alle Rollen selbst spielt, in gebrochenem Deutsch die Texte von Petra von Kant sowie Emmi und Ali nachspricht und deren Habitus imitiert, lässt er seine Reenactments zwischen Komik und Ernst changieren. Sie zeigen, dass Fassbinders Filme die außereuropäische Perspektive auf Deutschland bis heute mitbestimmen.

Die Ausstellung präsentiert in Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation Berlin (RWFF) Originaldokumente aus dem Archiv der RWFF: Drehbücher, Manuskripte, Briefe, Notizen und persönliche Mitteilungen. Vieles davon hatte Fassbinders Mutter, Liselotte Eder, aufbewahrt. Für die Ausstellung Fassbinder – JETZT. Film und Videokunst gab die Präsidentin der Foundation, Juliane Maria Lorenz, erstmals die Erlaubnis, alle Dokumente zu sichten. Das Deutsche Filmmuseum hat zahlreiche Schriften digitalisiert, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Sie bieten Gelegenheit, sich vertiefend mit dem bedeutenden deutschen Nachkriegsregisseur zu beschäftigen. Es erscheint ein Katalog in deutscher und englischer Ausgabe.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Tom Geens (geb. 1970, Belgien)
Runa Islam (geb. 1970, Bangladesch)
Maryam Jafri (geb. 1972, Pakistan)
Jesper Just (geb. 1974, Dänemark)
Jeroen de Rijke / Willem de Rooij (geb. 1970 Niederlande, gest. 2006, Ghana / geb. 1969 Niederlande)
Ming Wong (geb. 1971, Singapur)

Kuratorin der Ausstellung: Anna Fricke
Co-Konzeption: Hans-Peter Reichmann, Dr. Henning Engelke
Kuratorische Assistenz: Svetlana Svyatskaya
 
Eröffnung: Dienstag, 29. Oktober, 19 Uhr

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin. Sie wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der Stadt Frankfurt am Main und der Hessischen Kulturstiftung. Weiterer Kooperationspartner ist die B3 Biennale des bewegten Bildes.

Quelle: www.deutsches-filmmuseum.de

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