Biografie
Louise Fleck wird am 1. August 1873 als Tochter von Johanna und Louis Veltée in Wien geboren. Ihr Vater besitzt mehrere Panoptiken in Wien. Von ihm erbt sie die Begeisterung für das Filmgeschäft und arbeitet bereits als Kind im väterlichen Betrieb. In der Schule lernt sie Deutsch, Französisch und Italienisch. Mit 19 Jahren heiratet sie 1893 den Beamten und Portraitfotografen Anton Kolm und gründet mit ihm und dem Kameramann Jakob Fleck 1910 die Erste österreichische Kinofilms-Industrie. Ihr Vater unterstützt das Unternehmen finanziell. Produziert werden, wie damals üblich, kurze dokumentarische Filme über Wien und Umgebung, die sogenannten "Aktualitäten", aber auch Kurzspielfilme und Humoresken, in denen Louise als Schauspielerin agiert. Im ersten, etwas längeren Spielfilm "Die Glückspuppe" (1911) ist Louise Kolm erstmals als Regisseurin und Drehbuchautorin genannt. Fast immer arbeitet sie am gesamten Filmproduktionsprozess mit – von der Idee über das Drehbuch, die Regie bis hin zum Schnitt und den Zwischentiteln. Ihr Mann kümmert sich um die Finanzen. 1919 gründet sie mit Anton Kolm die Vita-Film, die allerdings nach fünf Jahren in Konkurs geht.
Nachdem ihr Mann 1922 stirbt, heiratet sie zwei Jahre später ihren langjährigen Co-Regisseur Jakob Fleck und zieht mit ihm nach Berlin. Hier beginnt ihre produktivste Phase mit jährlich bis zu neun Filmen, die sie überwiegend bei der bedeutendsten weiblichen Produzentin der Weimarer Republik, Liddy Hegewald, und der Ufa realisiert. Ihre bevorzugten Genres sind Literaturverfilmungen, besonders von Ludwig Anzengruber, aber auch von Arthur Schnitzler oder Johann Nestroy. Zudem bedient sie gemeinsam mit Jakob Fleck auch andere Genres – so Sozialdramen, Komödien, Frauenthemen und Aufklärungsfilme wie "Sexualnot" (1930) oder "Frauenarzt Dr. Schäfer" (1928), in dem sie das Thema Abtreibung behandeln. Auch spielen viele Filme im Adelsmilieu oder thematisieren den Kaiser und die Monarchie ("Liebe bei Hof", 1933).
Kurz nach dem sogenannten "Boykott-Tag" am 1. April 1933, nach dem auch jüdische Filmschaffende in Deutschland ihre Arbeit verlassen müssen, flüchtet das Paar nach Wien. Dort realisiert Louise Fleck noch drei Filme; ihr Sohn Walter Kolm-Veltée bedient meistens die Kamera und tritt pro forma als Co-Regisseur auf, um seinen jüdischen Stiefvater Jakob Fleck zu schützen und die Filme nach Deutschland verkaufen zu können. Obwohl Louise und Jakob Fleck sich am 11. November 1936 auch kirchlich trauen lassen und Jakob Fleck zum Christentum konvertiert, wird er erst in Dachau, dann in Buchenwald interniert. 1939 kann Louise Fleck ihn freikaufen und das Paar flieht ein Jahr später nach Shanghai. In der Emigration führt Louise Fleck 1941 zum letzten Mal Regie ("Söhne und Töchter der Welt", OT: "Children of the World", Co-Regie: Jakob Fleck, Fei Mu). Es ist einer der ersten Filme, der in deutsch-chinesischer Co-Regie entsteht, zudem unter japanischer Besatzung.
Nach heutigem Forschungsstand ist Louise Fleck nach der Französin Alice Guy-Blaché die zweite Filmregisseurin der Welt. Sie schreibt in den Jahren 1908 bis 1941 mindestens 25 Drehbücher und führt über hundertmal Regie, insgesamt hinterlässt das Kolm-Fleck-Team circa 150 Filme. Louise Fleck stirbt 1950 im Alter von 76 Jahren in ihrem Geburtsort Wien. (gw)
Ausgewählte Literaturhinweise
Uli Jürgens: Louise, Licht und Schatten. Die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck. Wien, Berlin: Man delbaum 2019.
Quelle:
Berten, Daria; Haupts, Annika; Heizmann, Anna; Jaspers, Kristina (Hg.): Weimar, weiblich. Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933). München: Edition text+kritik 2025 (Film Erbe, Bd. 7).