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Alle Fotos (3)Biografie
Die Kamerafrau, Editorin und Regisseurin Gisela Tuchtenhagen wurde am 31. Oktober 1943 als jüngstes von fünf Kindern im pommerschen Köslin (heute Koszalin, Polen) geboren. 1944 floh die Familie nach Schleswig-Holstein und lebte zunächst in einem Barackenlager bei Heide. Die frühe Nachkriegszeit beschrieb Tuchtenhagen später als von Naturverbundenheit geprägt, zugleich aber von familiären Spannungen: Nach der Rückkehr des Vaters aus französischer Kriegsgefangenschaft 1949 war das Eheleben der Eltern konfliktbelastet. Der autoritäre Schulalltag der 1950er Jahre und die Erfahrung, wegen des Aufbegehrens gegen Nazi-Lehrer als "schwer erziehbar" zu gelten, führten nach ihren eigenen Aussagen zu mehreren Ausbruchsversuchen. Nach einem Schulverweis und gescheiterten Lehrstellenbewerbungen als Schreinerin – mit der Begründung, es gebe keine separaten Toiletten für Mädchen im Betrieb – wurde sie von den Eltern in ein geschlossenes Erziehungsheim in Salem verbracht. Im Alter von 16 Jahren setzte sie sich erfolgreich nach Paris ab.
Dort lebte Tuchtenhagen rund vier Jahre in einer Gruppe junger Straßenkünstler*innen und Musiker*innen, malte und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Ohne Abitur und ohne fotografische Vorerfahrung wurde sie dennoch 1966 am Lette-Verein Berlin aufgenommen – eine Tatsache, die sie rückblickend als kaum erklärbar bezeichnete. 1968 schloss sie die Ausbildung als Fotografin ab und wurde im selben Jahr als eine der ersten Frauen an der zwei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) angenommen.
An der dffb traf sie auf den Dozenten und Filmemacher Klaus Wildenhahn, dessen dokumentarische Haltung sie nachhaltig prägen sollte und mit dem sie später rund elf Jahre auch privat liiert war. In einem Interview mit der taz sagte sie 2011 über Wildenhahn: "Von ihm habe ich gelernt, mit der Kamera zuzuhören, zu beobachten und nicht einzugreifen."
Bereits während des Studiums arbeitete sie in der von Wildenhahn initiierten Wochenschaugruppe mit und führte Regie bei "Wochenschau I–III" (1969) sowie "Im Auftrag der Arbeiterbewegung" (1970). Mit "Der Hamburger Aufstand Oktober 1923" (1971, ausgezeichnet mit dem Sonderpreis beim Filmfestival Mannheim als bester Fernsehfilm) und ihrem kurzen dokumentarischen Abschlussfilm "Was ich von Maria weiß" (1972) etablierte sie ihren respektvoll-beobachtenden Stil. Der Film, eine Pionierarbeit in der Darstellung der Kinder von Arbeitsmigrant*innen, zeigt den Alltag der 13-jährigen Maria, die mit ihrer Familie aus Spanien nach Deutschland zieht, und thematisiert ihre Schulprobleme, Erfahrungen mit Rassismus und sozialer Ausgrenzung.
Als eine der ersten Kamerafrauen des bundesdeutschen Films und Fernsehens war Tuchtenhagen zudem 1972 an Helke Sanders und Sara Schumans feministischer TV-Arbeit "Macht die Pille frei?" beteiligt, in der junge Frauen über ihre Erfahrungen mit Schwangerschaftsverhütung berichten. Bereits 1971 hatte sie auch als Kamerafrau an Cristina Perinciolis Kurzspielfilm "Für Frauen. 1. Kapitel" mitgewirkt, der vier Supermarktangestellte zeigt, die beschließen zu streiken, als sie erfahren, dass ihre männlichen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr Gehalt erhalten.
Nach dem Studium arbeitete sie weiterhin eng mit Wildenhahn zusammen, etwa bei "Die Liebe zum Land" (1974) über die Herausforderungen bäuerlicher Betriebe. Ebenfalls 1974 entstand "5 Bemerkungen zum Dokumentarfilm", in dem Tuchtenhagen die Bedingungen des Dokumentarfilms im westdeutschen Fernsehen reflektierte und ihre persönliche dokumentarische Haltung formulierte. 1975 führte sie für Wildenhahn die Kamera bei "Der Mann mit der roten Nelke", der anhand von Dietmar Schönherr beim Westdeutschen Rundfunk zeigt, wie konzeptionelle Schwächen und institutionelle Zwänge zum Scheitern der ersten deutschen Talkshow "Je später der Abend…" führten.
Zwischen 1975 und 1977 prägte sie als Kamerafrau und Co-Autorin Wildenhahns vierteiligen Zyklus "Emden geht nach USA", dem zum Zeitpunkt seines Erscheinens Teile des Publikums "Gewerkschaftspropaganda" vorwarfen. Der Zyklus zählt zu den bedeutendsten sozialdokumentarischen Arbeiten der 1970er-Jahre, wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet und belegt, wie früh Themen wie Standortverlagerung, Globalisierung und Arbeitsplatzunsicherheit in der Industrie virulent waren und wie Gewerkschaften und Belegschaften darauf reagierten. Parallel entstanden weitere Filme wie Wildenhahns "Der Aufmacher – Günter Wallraff bei BILD" (1977). Im selben Jahr veröffentlichte Tuchtenhagen in der feministischen Zeitschrift EMMA zudem den vielzitierten Text "Am Pissen soll's nicht scheitern", in dem sie die ihr entgegengebrachten sexistischen Vorbehalte im Kameraberuf kommentierte.
1978 realisierte sie ihre erste eigene Regiearbeit ohne Beteiligung Wildenhahns: "Sing, Iris, sing. Frauen lernen Männerberufe". Der Film wurde zu einem wichtigen Beitrag des feministischen Kinos und begleitet arbeitslose Frauen, die in sogenannte Männerberufe umschulen. Im selben Jahr entstanden im Umfeld des NDR weitere Produktionen, darunter unter ihrer Regie "Lütte Lüüd üm’ Grootnemarkt rüm", ein Porträt der letzten Bewohner*innen der Hamburger Gängeviertel, die der fortschreitenden Gentrifizierung weichen müssen. Ebenfalls 1978 erschien sie als erste Frau auf dem Titelblatt der Fachzeitschrift Der Kameramann.
Zwischen 1980 und 1983 absolvierte Gisela Tuchtenhagen dann eine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester, war jedoch weiterhin in Film- und TV-Projekte involviert: So führte sie 1982 die Kamera bei Barbara Schönfeldts TV-Dokumentation "Was wissen wir schon von denen?", die islamophobe Klischees thematisiert, mit denen Frauen türkischer Herkunft in der westdeutschen Frauenbewegung konfrontiert sind. 1983 realisierte sie gemeinsam mit Anke Steenken die NDR-Dokumentation "Nochmal zurück und dann weiter", in der sich beide auf die Suche nach Gründen ihrer eigenen Politisierung in den 1950er und 1960er Jahren begeben.
Ab 1984 entstand für den NDR eine ihrer wichtigsten Arbeiten: der fünfteilige Zyklus "Heimkinder", der eine ungewöhnliche Reisegruppe straffällig gewordener Jugendlicher und ihrer Betreuer*innen begleitet und den Heimkindern eine Stimme gibt. Die Reihe gilt bis heute als wichtiges Beispiel eines dokumentarischen Zugangs, der institutionelle Lebenswelten sichtbar macht, ohne die Protagonist*innen zu exponieren. Für den 1. Teil des Zyklus erhielt Gisela Tuchtenhagen den Adolf-Grimme-Preis in Silber.
In den späten 1980er und Anfang der 1990er-Jahre führte Tuchtenhagen weiterhin bei zahlreichen sozialdokumentarischen Produktionen die Kamera, etwa in mehreren TV-Dokumentationen von Heide Breitel, darunter "Dasein" (1991), der preisgekrönt die Hospizbewegung in Deutschland in ihren Anfängen begleitete. Auch mit Wildenhahn arbeitete sie erneut zusammen, etwa an "Barmbek: Ein Aufstand wird abgebrochen" (1989) und "Freier Fall: Johanna K." (1992), einem einfühlsamen Porträt zweier trans* Frauen.
Gemeinsam mit der Filmemacherin Serap Berrakkarasu befasste sich Tuchtenhagen mit migrantischen Perspektiven, zunächst 1991 in "Töchter zweier Welten" über eine in Deutschland lebende türkische Mutter und ihre 24 Jahre alte Tochter, sowie 1994 in "Ekmek parasi – Geld für Brot", der das harte Arbeitsleben vor allem türkischer Frauen in einer Lübecker Fischfabrik zeigt und die Darstellung prekärer Arbeit mit Momenten von Lebensfreude – etwa durch Singen, Lachen und kleine Formen der Selbstversorgung – atmosphärisch kontrastiert. Bei beiden Filmen führte Tuchtenhagen die Kamera, ebenso dazwischen, 1992, bei Claudia Willkes Porträt "Die Eroberung der Leere" über die zu diesem Zeitpunkt 90-jährige Tanzpionierin Trudi Schoop.
Mit "Trennung – Bis zum nächsten Jahr" (1995), einem Film über eine Frau, deren Mann trotz vollzogener Trennung nicht vom Eheleben und den familiären Ritualen ablassen will, übernahm sie wieder Regie, Drehbuch, Kamera und Schnitt. Über zehn Jahre hinweg – zwischen 1990 und 1999 – entstand die umfangreichste Langzeitbeobachtung in Tuchtenhagens Karriere, "Ein anderes Land – 7 Geschichten nach der Wende". Der Film über die Transformationsprozesse der Nachwendezeit aus der Perspektive "kleiner Leute" entstand unter der Regie von Quinka Stoehr und Fredo Wolf; Tuchtenhagen war dabei gemeinsam mit Stoehr für die Kamera verantwortlich und übernahm die dramaturgische Beratung.
Auch in den 2000er-Jahren richtete Tuchtenhagen ihren Blick auf oft übersehene Schauplätze wie Fabriken oder Heime und begegnete ihren Protagonist*innen mit einer offenen, beweglichen Kamera, die Nähe und Vertrauen ermöglicht. 2000 führte sie die Kamera bei Klaus Wildenhahns "Ein kleiner Film für Bonn", der den Umzug der Bundeshauptstadt Bonn nach Berlin aus der Perspektive von Angestellten wie Parlamentsdienende, Chauffeure und Kellner*innen begleitet. 2005 folgte eine weitere eigene Regiearbeit, "Donnerstag Nachmittag – Treffpunkt Insel", die eine Initiative zur selbstbestimmten Unterstützung von Menschen mit Behinderung porträtiert.
Im selben Zeitraum entstand Quinka Stoehrs filmisches Porträt "Zuneigung – Die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen", das wie auch Tuchtenhagens im selben Jahr fertiggestellter Dokumentarfilm "Der Wirt, die Kneipe, das Fest" (Co-Regie: Margot Neubert-Marić) über die Tradition des Männerfestes Hahnbeer 2006 beim Filmfest Hamburg uraufgeführt wurde.
2010 wirkte sie als Interviewpartnerin an Quinka Stoehrs Porträt "Klaus Wildenhahn. DIRECT! Public and Private" mit, bevor sie 2011 – erneut zusammen mit Margot Neubert-Marić – "Bingo – Zuletzt entscheidet immer das Glück" fertigstellte. Der Film entstand als Gegenstück zu "Der Wirt, die Kneipe, das Fest" und begleitet 5 ältere Frauen aus Norddeutschland, die mehrmals wöchentlich mit dem Bus zum Bingo nach Dänemark fahren, wo sie – nach Kindheiten zwischen ländlicher Idylle und patriarchalen Zwängen – nun als alleinstehende Frauen ihr Glück selbst in die Hand nehmen. Mit "Utbüxen kann keeneen" (2015) und "Für nichts und wieder nichts" (2021) folgten zwei weitere Kollaborationen mit Neubert-Marić, die jeweils durch die gemeinsame Produktionsfirma Utbüxen Filmproduktion GbR produziert wurden und beide auf dem Filmfest Hamburg uraufgeführt wurden.
Katja Baumgartens Dokumentarfilm "Gretas Geburt" mit der Kameraarbeit Tuchtenhagens feierte 2023 auf dem DOK.fest München Premiere und wurde dort als bester deutscher Dokumentarfilm ausgezeichnet. Der Film erzählt von einer Hebamme, die nach einer verunglückten Hausgeburt zu fast sieben Jahren Haft verurteilt wird – ein Fall, der grundsätzliche Fragen zur gegenwärtigen Geburtskultur aufwirft. Baumgarten, selbst Hebamme, knüpfte damit an frühere gemeinsame Arbeiten mit Tuchtenhagen an: Bereits 1997 realisierten beide den Film "Wie habt ihr das alle gemacht" über eine selbstbestimmte Hausgeburt, und 2002 entstand für die Berlinale der spontan gedrehte, eindrückliche Dokumentarfilm "Mein kleines Kind", der aus der fatalen pränatalen Diagnose von Baumgartens ungeborenem Sohn hervorging und eine dramatische private Situation ebenso wie ein gesellschaftliches Tabu ins Zentrum rückt.
Neben ihrer praktischen Tätigkeit war und ist Gisela Tuchtenhagen als Lehrende aktiv, unter anderem von 1978 bis 1980 an der dffb sowie der Hochschule für bildende Künste Hamburg und ab 2000 als Gastprofessorin an der Fachhochschule Dortmund. 1998 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Filmwerkstatt Dokumentarisch Arbeiten e.V., 1999 wurde sie in die Akademie der Künste (Sektion Film- und Medienkunst) berufen.
Privat adoptierte sie nach dem Ende ihrer Beziehung mit Klaus Wildenhahn zwei Brüder aus Peru, die sie allein großzog und in deren Heimat sie ein halbes Jahr verbrachte, um deren Familiengeschichte zu recherchieren.
Gisela Tuchtenhagen lebt und arbeitet in Berlin.