Fräulein Else

Deutschland 1928/1929 Spielfilm

Fräulein Else


Ernst Jäger, Film-Kurier, Nr. 59, 8.3.1929


Ein Beobachtungsfilm der Bergner, sie zu beäugen und optisch einzufangen, wird die Kamera nah oder fern postiert, werden erstaunlich ausgearbeitete, wärmende, reichmotivierte Dekorationen aufgestellt: Hotelhallen in St. Moritz, Festsäle, Dielen, Korridore, in die sich das Barockgeglitzer der Kronleuchter, der Schwung der Polsterstühle als Garnitur um die Bergner ranken sollen. Alles um Bergner –.

Trotzdem macht Dr. Czinner, Produktionsleiter und verantwortlicher Autor und Regisseur auch diesmal seinen "Star"-Film im üblichen Sinn. Er drängt die Bergner nicht zur Transformation, zur Rollen-Gestaltung eines "Fräulein Else" – die von Arthur Schnitzler nur dürftige Motive benutzt –, er läßt die Bergner den filmischen Teil ihres Sprechbühnen-Daseins zum Kamera-Protokoll geben.

Die Bergner-Gemeinde findet daher ein siebzehnjähriges Mädel, bei dem von der Locke bis zum Beinchen jede Regung eben in eine Bergner-Nuance zerfällt. Sehr anmutvolle Nuancen dabei; lebensernst, von schelmischen Lichtern überflackert, in mimischen Sekunden sprühend –, und in einer Großaufnahme ahnt man, wie die Bergner Filmgestalterin sein könnte. Ihre Tränenszene haftet, dort wo die Kamera ihr einmal am nächsten kommt.

Natürlich ist "Fräulein Else" eine Bergner-Gestalt. Was hätte man von Schnitzler annehmen sollen?

Den Beleuchtungswechsel der psychischen Landschaft, die seelischen Umschaltungen, die bei Schnitzler doch so greifbar geformt und gesteigert sind. Vom rosenroten Alpenglühn bis zur Veronalnacht. Den Formern des Bergner-Drehbuchs gelingen gerade die psychischen Phasen nicht, da wo die Schnitzler-Novelle beginnt und die Aufgabe der Bergner gewesen wäre:

Die Verwirrung der Gefühle bei einem jungen Mädel, das den Vater liebt und retten will, richtig optisch zu gestalten. (...)

Warum geben die Autoren des Films dem Regisseur eine so unfilmische Unterlage? Oder soll diese Tatsachen-Photographie, die hier dennoch Theaterspiel-Photographie ist, ernstlich Film-Bild-Technik ersetzen? Auch ein Individualist mit so zäher Theatereinstellung darf nicht daran vorbeigehen, daß der Film längst eigene Kompositionsgesetze geklärt hat. (...)