Der heilige Berg

Deutschland 1925/1926 Spielfilm

Der heilige Berg


Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung, Nr. 168, 4.3.1927


Dieser von Dr. Arnold Fanck in anderthalb Jahren geschaffene Film ist eine gigantische Komposition aus Körperkultur-Phantasien, Sonnentrottelei und kosmischem Geschwöge. Selbst der abgehärtete Routinier, den die alltäglichen Gefühlsfaseleien nicht mehr berühren, findet sich hier aus seinem Gleichgewicht gebracht. Es gibt vielleicht in Deutschland hie und da kleine Jugendgruppen, die dem, was sie in Bausch und Bogen Mechanisierung heißen, durch eine verrannte Naturschwelgerei, durch eine panikartige Flucht in das Nebelgebräu der vagen Sentimentalität zu begegnen trachten. Als Ausdruck ihrer Art, nicht zu existieren, ist der Film eine Spitzenleistung.

Die Heldin könnte von Fidus entworfen sein. Das Mädchen muß immer tanzen, als Kind schon am Meer mit den Wogen, später im Hochgebirge, wo sie sich das Reine und Schöne und Gott weiß was ersehnt. Dort trifft sie ihn, den Herrlichsten von allen, der den ganzen Tag auf den Bergen herumrennt, weil sie so hoch sind und so keusch und Gott weiß was. Ein pathologischer Fall, die Hochtouristen sollten sich solche Karikaturen verbitten. Das rhythmisch-gymnastische Mädchen fragt ihn, was er dort oben suche. "Mich selbst!" Auch die übrigen Bildtexte tönen von innen. Den Narren treibt es mit einem Freund, auf den eifersüchtig zu sein der Autor ihm verschreibt, eine Nordwand hinan, in deren Mitte er irrsinnig wird und von Eisdomen träumt. Und Pippa tanzt derweil unten und das alte Mütterchen weint. Daß die zwei auf ihrer Nordwand am Ende erfrieren, ist die gerechte Rache der Berge für ihre Schändung. Berge sogar lassen sich nicht alles gefallen. Die Naturaufnahmen, um derentwillen diese Verschrobenheiten sich ereignen, sind zum Teil wundervoll. Das Meer leuchtet wie noch kaum je auf der Leinwand. Ein Skirennen in allen seinen Phasen ist mit unerhörter Vehemenz gefilmt, die Bretterspuren tauchen Zauberstrichen gleich auf. Neu entdeckt für den Film ist das Motiv der nächtlichen Skifahrt mit Pechfackeln; fern im Dunkel bildet sich eine verschwommene Lichtfläche, die zu rasch entschwindenden Flammen zerstiebt. Auch das Wallen der Wolkenschübe ist mustergültig verzeichnet. – In einigen Photographien ist leider der Ungeist der Handlung gefahren. Sie sind Kunstdrucke auf Glanzpapier, und zu den dargestellten Naturobjekten hat der Operateur vorher: "Bitte recht freundlich" gesagt. (...)

Siegfried Kracauer: Werke. Band 6. Kleine Schriften zum Film. Herausgegeben von Inka Mülder-Bach. Unter Mitarbeit von Mirjam Wenzel und Sabine Biebl. 3 Teilbände. © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.