Barfuss

Deutschland 2004/2005 Spielfilm

Barfuß

Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 7, 31.12.2005

Ein Mann, mit Anfang 40 nicht mehr ganz jung, droht im Leben zu scheitern. Beruflich bekommt er kein Bein auf die Erde, weil er ein "Autoritätsproblem" hat, emotional will er sich nicht binden und vergisst schon mal die Frau, mit der er am Abend zuvor volltrunken das Bett teilte. Zwar hat er einen reichen familiären Hintergrund, zugleich aber zuviel Rückgrat, um sich ins gemachte Nest sinken zu lassen. Da er in seinem Scheitern nur für sich selbst verantwortlich sein will, mag er auch keine Verantwortung für jemand anderen übernehmen. Ausgerechnet an diesen Mann klammert sich eine psychisch höchst labile, Selbstmord gefährdete junge Frau – barfuss, also schutzbedürftig in einer Welt, die sie bislang nicht kennen gelernt hat und der sie erfahrungslos ausgeliefert ist. So also muss sich der Mann kümmern, zum Lehrer und Führer werden – und ist in Wahrheit doch selbst derjenige, der lernen, (sich) verstehen und erkennen muss.

Was kann und was darf man sagen, wenn jemand gesteht, dass er "unglaublich" an seinem Film hängt? Ganz offensichtlich ist "Barfuss" für Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller, Co-Autor und Co-Cutter Til Schweiger weniger eine professionelle Arbeit, die zur öffentlichen Aus- und Bewertung in die Kinos kommt, als vielmehr eine tiefe Herzensangelegenheit, die er lange, womöglich zu lange "durchlebt" hat. Man sollte dies respektieren. Dann aber sagt Schweiger: "Er ist mein erwachsenster Film, der alles ausdrückt, worum es mir gegenwärtig als Filmemacher, als Schauspieler und als Mensch geht" – und muss sich dann doch genau daran messen lassen angesichts eines Films, der zwischen allen Stühlen sitzt, weil er "alles" will, aber nichts wirklich richtig macht und nichts richtig kann. Es gibt Filme, die auf ihren Stoff ausgerichtet sind, und andere, die von ihren Figuren leben; und es gibt Filme, die beides nur behaupten und ausschließlich Second-Hand-Bilder kreieren, um damit das zu recyclen, was ihren Regisseur irgendwann einmal irgendwo beeindruckt hat. Doch die Aneinanderreihung von Kopien, die als solche stets erkennbar sind, findet nie eine eigene "Seele", geschweige denn einen erzählerischen Rhythmus oder dramaturgische Glaubwürdigkeit. "Barfuss" will vor allem eines sein: eine große Liebesgeschichte, die über der Wirklichkeit "thront". So glaubt Schweiger, ohne konkrete räumliche Verankerung, ohne Orts-, Milieu- oder Branchenkenntnisse erzählen zu können – quasi in einem ausschließlich emotional konturierten Niemandsland, das überall auf der Welt spielen könnte. Was dazu führt, dass man einem permanenten, stakkatoartigen Wechsel von (erkennbaren) Schauplätzen in Köln, Düsseldorf, Hamburg oder im Bergischen Land ausgeliefert ist und schnell die Orientierung verliert in einer Geschichte, die sich phasenweise auch als Road Movie versteht, also eine Richtung vorgeben müsste. Stattdessen wird bei Bedarf flugs ein Straßenstrich einmontiert, wenn es um (käufliche) Liebe geht, auch mal ein großer Bahnhof, wenn ein Abschied naht – das alles zumeist im farbentsättigten Look, was formale Ambition signalisieren soll. Doch das episodische "Hopping" ist Verrat an der Liebesgeschichte, auf die sich Schweiger nie wirklich einlässt. Wenn er spürt, dass ihm die emotionale Dichte entgleitet, werden die Bilder mit softer Source-Schlagersoße übertüncht, und wenn auch das zu öde wird, müssen als Pausenfüller Gags auf (Privat-)Fernsehniveau herhalten, um es zwischendurch auch mal krachen zu lassen. Nichts passt zusammen, alles bleibt Stückwerk; auch das sinnbildliche Spiel mit zwei "Irrenhäusern" als Weltentwurf ist bloße Behauptung: der psychiatrischen Klinik, aus der das Liebespaar aufbricht, und dem mondänen noblen Elternhaus des Helden, dem dieser nicht wirklich entkommen kann. Dabei hätte der Film eigentlich ein emotionales Zentrum: Johanna Wokalek als barfüßige Weltverlorene verleiht ihm selbst in den kitschigsten oder banalsten Momenten so etwas wie Glanz und Würde und setzt Akzente auf dem schmalen Grat zwischen naiver Psychopathin und weiser Närrin. Doch das Drehbuch weiß ihr faszinierend unfassbares Flair nicht zu nutzen. Am Ende legt die "gesundende" Frau ihre Befindlichkeit einfach als liebenswert-kurioses Kaspar-Hauser-Image beiseite und wird vom liebenden Mann gebändigt – als folg- und lehrsames "Weibchen" beim Einkaufs-Crashkurs im Supermarkt.