Faust

Deutschland 1925/1926 Spielfilm

Der Faust-Film


Dr. Hans Wollenberg, Lichtbild-Bühne, Nr. 246, 15.10.1926


Der gestrige Abend brachte im Ufa-Palast am Zoo die deutsche Uraufführung jenes Films, dem Fachwelt und Publikum schon seit geraumer Zeit mit großer Spannung entgegensahen.

Der "Faust"-Film der Ufa gehört zu den Meisterleistungen deutscher Filmkunst. Aus deutschem Sagenstoff geschöpft, vom größten deutschen Dichtwerk beeinflußt, von zwei deutschen Architekten, deutschen Technikern gestaltet, wird er der Welt Achtung vor unserem ernsten Streben abnötigen, das gestern abend vom festlichen Haus durch Beifall anerkannt wurde. Camilla Horn, die Darstellerin des Gretchens, durfte sich Seite an Seite mit Hans Kyser, dem Autor, und Carl Hoffmann, dem Kameramann, dankend verneigen. Murnau, der Spielleiter, hatte aus Hollywood, Emil Jannings von Bord des "Albert Ballin" Grüße gefunkt. (...)

Manuskript

(...) Wie von einer Klammer zusammengehalten durch Prolog und Epilog im Himmel, die Wette um Fausts Seele zwischen Engel und Teufel, gellt mitten durch das Ganze eine deutliche Zäsur. Vor diesem Einschnitt liegt die "Deutsche Volkssage", als die Kyser selbst sein Werk bezeichnet, jenseits die von Kyser mit einigen Freiheiten verfilmte Gretchen-Tragödie Goethes. Im ersteren Teil hat die schöpferische Phantasie, befruchtet wahrscheinlich durch altes Quellenmaterial, frei gewaltet. Märchen und Sage werden lebendig, alle Register der Phantasie gezogen. Unheimliches, Gespenstisches, Drastisches. Das Drehbuch reiht Wirkung an Wirkung. Schreibt sozusagen in Fraktur. Trifft den Stil alter Holzschnitte: Hell dicht an Dunkel. Die Gestalten treten als individualistische Charaktere zurück, werden vergrößert zu Symbolen. Die Pest-Bilder wohl etwas zu breit ausgemalt. Ein anderes Buch setzt mit der Gretchen-Tragödie ein. Dämonisch-Phantastisches verschwindet, menschliche Profile, nuancierte Züge treten hervor. Humor kommt zu seinem Recht. Der Stil ist hier statt Dürer Moritz von Schwind. (...)

Im Ganzen: Der Film könnte mit größerem Recht "Mephisto" heißen. Denn des Teufels Gestalt ist die tragende. Faust mehr Objekt als Subjekt. Mephisto beherrscht entscheidend, überragend das Buch. Sicherlich bewußt. Denn den Mephisto spielt – Jannings. (...)

Darstellung

Zwei Neuerscheinungen: Camilla Horn, deren liebliche, blonde Jugend, vom Regisseur in die richtigen Stimmungs-Effekte hineingestellt, wirksam wird – werden muß. Aber noch keine selbständige Gestalterin, die daher der Gretchen-Figur Allertiefstes schuldig bleibt. Und Yvette Guilbert. Vollendet. Die Marthe Schwertlein. Alle Mittel der Charakterisierungskunst, des Verlebendigens beherrschend. Ekmans Faust: stark, wo es sich um Fresco-Malerei, um große Linie, um .ausladende Bewegung handelt. Minder befriedigend im feineren, durchseelten Spiel. Als junger Faust, wie aus einem Gemälde Schwinds herabgestiegen. Aber nochmals: sein Part ist schon durch das Manuskript passiv. Und der Teufel Emil Jannings. Ein nicht unliebenswürdiger Satan mit viel Sinn für Humor. Die Phantasie träumt ihn sich ins Transzendentale. Die Regie hätte manchmal straffer, sparsamer führen können – so in der Osterszene vor dem Dom. Bestimmt eine große, eine interessante Leistung. (...)