Dr. Mabuse, der Spieler I: Der große Spieler. Ein Bild der Zeit

Deutschland 1921/1922 Spielfilm

Bei "Dr. Mabuse" zu Besuch (Drehbericht)


J–s., Film-Kurier, Nr. 44, 24.2.1922


Zuerst eine erschütternde Auto-Omnibusfahrt "ins Gelände", Etappenstimmung wie im Kriege, dann Frontstimmung: es wird scharf geschossen. Herr Staatsanwalt Wenk steht unerschütterlich im Pulverdampf, Hochstapler, bewaffnete Schwindler sind im Anzuge – oder auch im Abzuge, aber die Situation ist gefährlich, die Kerls schießen zurück. Ein Polizist fällt, er wird von der Wahlstatt der öffentlichen Ordnung getragen, die Mannschaften tauchen nach hinten unter. In einer Ecke der Straße wird Truppenmacht aufgeboten, Mann an Mann steht sie da, ausnahmslos gewillt der Gefahr zu trotzen. Staatsanwalt Wenk hält eine Ansprache, wie sie im Kriege, dicht hinter der Front gehalten wurde. Etwa so: "Der Feind ist gewalttätig, er schießt. Er will uns vernichten, er untergräbt die Gerechtigkeit, die bürgerliche Moral. Wer von Euch ist gewillt, sie zu schützen? Freiwillige vor!" So spricht der Staatsanwalt Wenk, und seiner Aufforderung folgen die Mannschaften, die mit Stahlhelmen bewehrt sind. Die Arme gehen in die Höhe, die Freiwilligen treten an; der Rest bleibt abwartend im Hintergrunde.

Knack – knack – geht"s aus den Mäulern der Karabiner, die hellen Detonationen der Revolver pitschen auf; Pulverdampf zieht durch die Straße mit den englischen Firmenschildern. Noch ein Opfer, ein Soldat bricht zusammen. Es muß ausgeschwärmt, die Seiten der Straße müssen in die Flanke genommen werden. Herr Staatsanwalt Wenk wartet im Unterstand. Das Kampffeld gegen den unsichtbaren Feind verbreitert sich, aus den geschlossenen Fenstern der Häuser guckt niemand hervor, im Hotel drüben hat man sogar die Rolläden heruntergelassen: man riskiert nicht gerne um eine paar Verbrecher willen die Fensterscheiben. Und dort; geschützt von den Türmauern eines Friseurladens, faßt ein Unentwegter unter den Freiwilligen Posto. Knack – knack geht"s hinüber in das Haus, in dem die Übeltäter hausen, Schuß auf Schuß folgt, die Luft wird immer dicker in der ganzen, wie ausgestorben daliegenden Gegend. Piff – piff kommen kleine Kugeln zurückgeflogen; in der Richtung auf den Friseurladen kommen sie, auf den einsamen Schützen zu, der der Gefahr trotzt, um die Gesellschaft zu verteidigen. Im Schaufenster des Friseurs steht eine Wachspuppe mit einer blendend schönen Coiffure, und über dieser Coiffure strahlt eine köstlich helle Osramlampe. Pfiff – geht ein feine, kleine Kugel durch das Glasfenster hindurch, die Flaschen mit dem Kölnischen Wasser kommen aus dem Gleichgewicht, sie überschlagen sich und geben den Kampf ums Dasein auf. Piff – piff! Wieder zwei kleine Geschosse, die Wachspuppe wackelt bedenklich, – und dann noch einmal der liebe vertraute Kriegslaut: Piff! Wieder ein Loch im Glas, und still und lautlos erlischt die Osram-Birne, die sich dieser Behandlung denn doch nicht gewachsen zeigt …

Und seitab steht Dr. Mabuse, der geheime Drahtzieher all dieser Verbrechen, der unheimliche Psychologe, der Verbrecher am Geistigen, der Ausbeuter der Gesellschaft, der renitente Münchener. Dr. Mabuse betrachtet, ein wenig rot im runden Gesicht, diese haarsträubenden, empörenden Vorgänge mit unerschütterlicher Ruhe, mit einer Kaltblütigkeit, um die ihn der Staatsanwalt Dr. Wenk so sehr beneidet. Dr. Mabuse schüttelt den Kopf: "Tant de bruit pour ma personne" lächelt er befriedigt, dann wendet er sich an mich und sagt: "Na, alle Tage schießen sie nicht so scharf!" Recht hat er, denn sonst würde der Film der "Decla Bioskop", in der er die Hauptrolle spielt, ja ein Wildwest-Film werden, in Wirklichkeit bietet er aber ein psychologisches Problem, das hier zufällig zu ernsteren Konflikten Anlaß gibt. Der Staatsanwalt, sein Todfeind, sitzt nachher in der Kabine des Regisseurs C. Westwand des Jofa-Ateliers in Johannisthal, und überlegt den Fall. "Es kommt mir darauf an," sagt er, "den Staatsanwalt zu einer Person zu stempeln, die trotz ihrer Beeinflussung durch die überragenden geistigen Kräfte Mabuses die Herrschaft über sich nicht vollkommen verliert!" Und wahrlich – wer ihn da in der Straße, die die Decla für den Film "Dr. Mabuse, der Spieler" hat aufbauen lassen, wie ein Löwe kämpfen sah, der weiß, daß er sich schon von dem Bann Mabuses befreit hat. Er ist kraftstrotzende Energie, dieser Staatsanwalt Goetzkes, und Klein-Rogge, der gute Mabuse, hat einen schweren Stand gegen ihn.

Wie es ausläuft –, nun, das ist eigentlich bekannt, aber es ist doch unterhaltsam, das Bekannte noch einmal in den Bildern zu sehen, die der Spielleiter Fritz Lang hier mit großer Sauberkeit und vielem Temperament ins Werk setzt, nach einem Manuskript, das ihr Entstehen der bewährten Thea von Harbou verdankt …