Dr. Mabuse, der Spieler I: Der große Spieler. Ein Bild der Zeit

Deutschland 1921/1922 Spielfilm

Dr. Mabuse, der Spieler


H. W. (= Hans Wollenberg), Lichtbild-Bühne, Nr. 18, 29.4.1922


Schon die Vorreklame war "up to date": Wochenlang im verbreitetsten illustrierten Blatt Deutschlands einer der spannendsten Romane modernsten Stils. Dann Photos aus dem entstehenden Filmwerke gleichen Namens. Dann Inserate originellster Aufmachung und appetiterweckende Bilder. Dann eine Flut von Plakaten in ganz Berlin. Und endlich, am Donnerstag, im Ufa-Palast am Zoo, die Uraufführung.

Man hat Spannung zu wecken und zu stimulieren gewußt – stets ein Wagnis, weil die Gefahr der Enttäuschung dann um so größer. Doch: "der Erfolg gibt recht". Die Inszenierung des Films hat die Inszenierung der Premiere gerechtfertigt.

Es ist der Film der Zeit, der aus den Fugen geratenen Zeit, die Heroen- und Verbrechertum, oft kaum noch unterscheidbar, durcheinander wirbelt; die von Begierden und Spekulationen fieberisch geschüttelt, von Narkotiken entnervt, von Schlagworten, Aberglauben und Okkultismus genarrt, dennoch zugleich die kaltblütigsten Herzen, die machtvollsten Energien, die originellsten Hirne, die vollendetsten Mechanismen gebiert. Die Vitalität, die Impulse, das eigenste Gepräge dieser Zeit ist in dem Filmwerk "Dr. Mabuse" eingefangen, der atemlos Handlung an Handlung reihend, an Stelle des "Untertan", des Prototyps von einst, den "Spieler", den Typus von heute, setzt.

Das in sich schon wirkungsvolle Sujet ist von Norbert Jacques erfunden und von Thea von Harbou geschickt filmisiert; die große Leistung des Gesamtwerkes aber ist die Regie. Mit virtuoser Kennerschaft und vollendeter Anwendung aller Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik (manche in dieser Vollendung bisher noch kaum gesehene Aufnahme löste bei dem fachkundigen Premierenpublikum spontanen Beifall aus), mit einer ausgesprochenen Fähigkeit in der Milieuschilderung hat Fritz Lang hier eine wirkliche Spitzenleistung geschaffen. Der technische Mitarbeiterstab, besonders auch Waschnek als Hersteller der Kopie, hat hieran hervorragenden Anteil.

Die Darstellung war gut, wenn auch der Regieleistung nicht adäquat. Vorzüglich die zahllosen Masken Klein-Rogges als Dr. Mabuse; den Staatsanwalt v. Wenk mag man sich härter und schärfer profiliert vorstellen als Goetzke; die Subjekte Mabuses sind realistisch erfaßte Typen; der junge Hull Richters ist eine durchaus sympathische Erscheinung. Die weiblichen Partien werden von Egede Nissen und Gertrude Welker bestritten. Die Nissen, die man leider lange nicht sah, zeigt wieder, welch ein hinreißendes Temperament, welch eine vorzügliche Seeleninterpretin sie ist.

Der Film, dessen zweiter Teil uns übrigens noch bevorsteht, war unbestreitbar ein großer Premierenerfolg. Die Darsteller durften auf offener Rampe für brausenden Beifall danken und die Direktion der Decla-Bioscop A.-G. konnte zufrieden sein, daß diese dereinst schon aufgegebene Firma einen solchen Abend erleben durfte.