Till Eulenspiegel

DDR 1974/1975 Spielfilm

Aufklärerische Streiche des Till Eulenspiegel


Renate Biehl, Filmspiegel, Berlin/DDR, Nr. 13, 1975


Seit Jahrhunderten ist die Gestalt des Till Eulenspiegel im deutschen Volk lebendig, hat sie Literaten und Künstler zu immer neuen Gestaltungen angeregt. Vom ersten Druck des Volksbuches 1515 über Hans Sachs, Fischart, de Coster, Nestroy, Wedekind, Hauptmann, Weissenborn bis hin zu Christa Wolfs und Gerhard Wolfs "Erzählung für den Film"; sie wurde zusammen mit dem deutschen Volksbuch literarische Grundlage für den DEFA-Film "Till Eulenspiegel". (…)

Der Film (Drehbuch Rainer Simon, der auch Regie führt, unter Mitarbeit von Jürgen Klauß) rückt drei Stationen Tills als Hauptepisoden in den Vordergrund, die die Hierarchie des Gesellschaftssystems wiederspiegeln und durch das provokatorische Verhalten Tills durchschaubar werden: Burg des Ritters Kunz, Fürstenhof und Kaiserpalast. Der dramaturgische Aufbau ist klar und überschaubar: die Dialoge sind sparsam, aber prägnant und geistvoll, sie charakterisieren in der Einheit mit genauer Mimik und Gestik präzise Situationen und Personen. Dabei kommt der Kameraarbeit Claus Neumanns große Bedeutung zu, die die Geschichte dem Inszenierungsstil adäquat ins Bild setzt, dem Zuschauer den oft hintergründigen Witz auch optisch erschließt, Vorgänge tief auslotet – u. a. in ihrer symbolhaften Bedeutung – und kommentiert. Wenn auch die eine oder andere Szene etwas zu ausgewalzt erscheint (Vergewaltigungsszene bei Kunz), so ist andererseits beispielsweise in der Szene, in der Till, sein Esel und der Maler (Horst Lebinsky) den Festsaal des Fürsten ausgestalten, ein Kabinettstück zu bewundern.

Die Besetzung der Rollen überzeugt durchgehend. Winfried Glatzeders Till Eulenspiegel ist eine schauspielerische Meisterleistung. Zu seiner breiten Skala von sprachlichem, mimischem und gestischem Ausdruck kommen noch die für diese Rolle unablässigen artistischen Fähigkeiten. Er versteht es, den schmalen Grat zwischen Leben und Tod, auf dem Till sich ständig bewegt, durchgängig sichtbar zu machen und den Zuschauer in unaufdringlicher Weise zum Mitdenken und Weiterdenken anzuregen. Der Natur der Sache gemäß bildet die Figur des Till den Mittel- und Drehpunkt, um den sich das Geschehen und alle anderen Figuren gruppieren. Obwohl die anderen Personen wesentlich knapper wegkommen, erhalten sie doch durch präzise Charakterisierung scharfe Konturen und eine ausreichende Motivierung ihrer Haltung. (…)

Szenenbild (Gerhard Helwig), Kostüme (Werner Bergemann), Masken und Musik sorgen mit dafür, ein farbiges, deftiges Zeit- und Sittengemälde zu scharfen, ohne dabei in Naturalismus zu verfallen.

Dieses Filmwerk stellt sicher an den Zuschauer einige Anforderungen, vor allem auch in ästhetischer Hinsicht. Es dokumentiert aber eine bemerkenswerte Regieleistung Simons, die von einer ausgeprägten Handschrift, Phantasie und der Fähigkeit zeugt, alle Beteiligten zu einer geschlossenen Ensembleleistung zu führen.