Um's tägliche Brot

Deutschland 1928/1929 Spielfilm

Hunger in Waldenburg


Film-Kurier, Nr. 66, 16.3.1929


Ein Vorgang aus dem täglichen Leben der deutschen Republik wird von einem Journalisten mit der Kamera aufgegriffen: Leo Lania und Phil Jutzi bringen eine Bildreportage vom Hunger im Waldenburger Industrierevier.

Volksverband für Filmkunst und Theater am Schiffbauerdamm haben sich zusammengetan, um die Herstellung zu ermöglichen. Wo geschriebener Bericht und Bühnengestaltung nicht ausreichen, soll die Suggestivkraft des Optischen Wirkung vermitteln.

Voraussetzung des Berichtfilms ist die Zuspitzung, Inspirierung der Vorgänge. Aneinandergereihte Tatsachen können durch Montage – die an sich bereits wieder Bearbeitung und Beeinflussung ist – wirken. Verläßlicher bleibt die Wendung zum Spielfilm. Macht nichts, wenn nur der Hintergrund gewahrt bleibt.

(Denn: Gäbe man nichts, als photographierte Tatsachen, schon die Einstellung der Kamera, der Blickwinkel, von dem aus gesehen wird, bedeutet Stellungnahme.) Da wird also geschildert. Neun-Stunden-Arbeit, Schuften an Webstühlen, Modell 1875, Trostlosigkeit stuckverfallener Häuserfassaden, Luftverpestung durch Fabrikschlote. Man sieht, wie Ehegatten einander stumpf werden durch Gewohnheit und Elend, man sieht Kinder, rachitisch und tuberkulös; sieht Bilder vom Freitod eines Alten, der zu müde ist, um mitzumachen. Und erfährt nebenbei von Löhnen, die bereits Anno 1789 in Frankreich einige Erregung verursacht haben.

Kein angenehmer Film, wahrhaftig nicht; aber ein notwendiger.

Nebenbei, gegenübergestellt, taucht das Schloß der Fürsten Pleß auf, denen die Waldenburger leibeigen sind. Die fürstliche Familie verfügt über etwa 100 Millionen Mark Vermögen. Auf eine mehr oder weniger kommt es schließlich nicht an.

(Wer reizt nun auf – Die, denen Waldenburger Zustände unmenschlich, schändlich dünken, so daß sie dagegen Front machen, auch ohne unmittelbar beteiligt zu sein; oder die, die schuften, aufrechterhalten, aus ihnen Nutzen ziehen?)

Schade, daß Lania bei diesem ersten Versuch noch inkonsequent ist. Der abschwächende Schluß beeinträchtigt die Wirkung des Films wesentlich. Nach dem kollektivistischen Auftakt, der Einzelmenschen nur als Vertreter einer Klasse schildert, ein Abbiegen ins Individualistische – das geht nicht.

Die Hungerfrage im Kohlengebiet wird zum Kinokonflikt zwischen Jung-Arbeitslosen und Hauseigentümer. Wobei der Hauseigentümer am Schluß als der Schuldige dasteht.

In Waldenburg, im Ruhrrevier, überall da, wo Handarbeiter sitzen, nicht um mehr geht es, um andere Schuldfragen. Die finanziell notwendig gewesene Improvisation wird durch die Zähigkeit ausgeglichen, mit der Kamera und Regie Schwierigkeiten von Milieu und Darstellermaterial überwinden; und, siehe da, es geht auch ohne Prunkbauten, ohne Geldverschwendung. (Der Schwierigkeit schlimmste, Kampf gegen die Zensur, zeigt immer wieder, was man zu erwarten hat, wenn die Überwachungsmethoden, deren Gefahren die Linke in ihrer Film-Nichtachtung jahrelang übersah, beibehalten und ausgedehnt werden.)