Gott ist tot

Deutschland 2001/2002 Spielfilm

Gott ist tot



Rolf-Ruediger Hamacher, film-dienst, Nr. 11, 20.05.2003

Der 1964 in der Türkei geborene und seit 1969 in der Bundesrepublik Deutschland lebende Kadir Sözen begann seine Medien-Karriere als freier Rundfunkjournalist, Drehbuchautor ("Sehnsucht") und Dokumentarist. Seine preisgekrönten Reportagen und Filme beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Leben seiner Landsleute in der Emigration. 1995 wagte er mit der Geschichte über vier von ihrem Impresario ausgebeutete Straßenmusikanten sein Spielfilmdebüt "Kalte Nächte" (fd 31 895), dem 1996 das Abschiebungsdrama "Winterblume" (fd 32 755) folgte. Nun wendet er sich mit "Gott ist tot" erstmals einem rein deutschen Thema zu und erzählt eine Geschichte aus einem Kölner Veedel. Die Handlung ist rasch skizziert: Der verwitwete und arbeitslose Mittfünfziger Heinrich Lotter lebt mit seinem behinderten Sohn Günni im Arbeiter-Stadtteil Ehrenfeld. Seit Jahren rüstet er einen alten Kleinbus zu einem Wohnmobil um, mit dem er sich seinen Traum vom Leben in Italien erfüllen will. Seine Nachbarin, die ebenfalls verwitwete Metzgereibesitzerin Gisela, möchte zu gerne Heinrichs Traum teilen, doch der ist unentschlossen. Als Heinrichs ältester Sohn Mike aus dem Gefängnis entlassen wird und unter dem Einfluss seines Freundes Ulli wieder in die Kriminalität abzugleiten droht, besorgt ihm der Vater auf ungewöhnliche Weise eine Stelle in einer Autowerkstatt. Doch die Vergangenheit holt Mike trotzdem ein. Als er erfährt, dass sein Vater ihn damals "verpfiffen" hat, um Schlimmeres zu verhindern, kommt es zum Bruch. Mike nimmt Günni mit in die gemeinsame Wohnung zu Ulli, wo die beiden Unverbesserlichen einen Coup planen, der sich als eine Nummer zu groß für sie erweist. Als Heinrich nicht nur mit dem Sozialamt, dass sein geliebtes Wohnmobil konfisziert, sondern auch mit Mikes Gläubiger in Konflikt gerät, versöhnen sich Vater und Sohn. Sie stehlen den Wohnwagen vom städtischen Abstellplatz, doch ihr Traum von der "großen Freiheit" wird jäh gestoppt.


Ein Kiosk, an dem außer den Protagonisten keine Kunden auftauchen, eine stets menschenleere Metzgerei, eine Bank auf einem Platz, auf der ein Penner sitzt, kaum eine "Fahrt" durchs Viertel – an allen Ecken und Enden sieht man dem Film das kleine Budget an. Auch die Entscheidung, den Film in CinemaScope zu drehen, täuscht nicht darüber hinweg, dass hier ein Projekt "zu Tode gefördert" wurde: zu wenig (Produktions-)Geld zum Leben, zuviel zum Sterben. Dabei leidet "Gott ist tot" vor allem an den dramaturgischen Schwächen der Inszenierung, zumal Sözen nie die atmosphärische Dichte oder gar gesellschaftpolitische Brisanz seiner früheren Werke erreicht. Die ausgewaschenen Farben und dokumentarisch wirkenden Bilder täuschen Authentizität nur vor, füllen sie aber nie mit Leben. Zu überladen wirkt das Drehbuch, die einzelnen Geschichten werden wie die Charakter der Protagonisten nur angedeutet, man erfährt zu wenig, um sich mit ihnen oder ihren Problemen zu identifizieren. Im Prinzip wunderbare Nebenrollen – der Kiosk-Besitzer Walter oder Mikes Freundin Petra – werden sträflich vernachlässigt, entfalten lediglich durch die Ausstrahlung von Bernd Tauber und Janna Striebeck Leinwandpräsenz. Völlig misslungen sind die klischeehaft inszenierten Sozialamt-Sequenzen, die auch inhaltlich unglaubwürdig wirken. Sözen kann sich nicht zwischen Milieu-Studie, Buddy-Movie, Gangsterfilm, Vater-Sohn-Drama , „alte“ Liebe- und Aussteiger-Thematik entscheiden. Durch die ständigen Genrewechsel entwickelt sich weder Spannung noch können sich die geschwätzig-hölzernen Dialog eingeschränkten Darsteller entfalten. Vor allem Götz George erliegt einmal mehr der Gefahr, die Grenzen zum Chargieren zu überschreiten. So lässt der Film trotz aller Emotionen erschreckend kalt, letztlich wohl auch, weil sich der "Autorenfilmer-Anzug" (Produktion, Buch, Regie) als eine Nummer zu groß für Kadir Sözen erweist.